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Kultur Wladimir Kaminer liest im ausverkauften Pavillon in Hannover
Nachrichten Kultur Wladimir Kaminer liest im ausverkauften Pavillon in Hannover
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18:20 27.12.2010
Meistens kreist Kaminer bei seiner Lesung um die Deutschen und die Russen, die er gleichermaßen satirisch wie philosophisch betrachtet. Quelle: Kriss Finn
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Der Mann hat viele Freunde. Der große Saal im Raschplatz-Pavillon in Hannover ist ausverkauft und mit etwa 800 Besuchern – darunter auch viele ältere Semester – rappelvoll. Wohl dem, der rechtzeitig gekommen ist. Die Bühne ist rot-blau erleuchtet, als stünde ein Varietéauftritt an, und die Hintergrundmusik lässt an eines von Wladimir Kaminers bekanntesten Büchern denken: „Russendisko“.

Für diesen Abend ist eine Lesung aus Kaminers neuestem Buch angekündigt: „Meine kaukasische Schwiegermutter“. Lesung – das lässt an einen sitzenden Menschen denken, der hinter einem Pult die Seiten eines Buches umwendet. Aber dann kommt alles ganz anders. Und dies nicht nur, weil Kaminer den Abend stehend bestreitet. Bis er zur kaukasischen Schwiegermutter kommt, braucht Kaminer eine halbe Stunde, und dann streift er das Buch auch nur flüchtig.

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Stattdessen verlegt er sich auf das Extemporieren und freie Assoziieren („Ich bin etwas ab vom Thema“). Und das kann er, er ist ein überaus begabter Allein­unterhalter, der den Kontakt zum Publikum sucht und findet. Er liebt es, in halben Sätzen zu sprechen und es den Zuhörern zu überlassen, die Schluss­pointe im eigenen Kopf zu entdecken. Dies gelingt, es wird viel gelacht an diesem Abend. Kaminer ist russischer Herkunft, aber deutscher Staatsbürger. Das ist sein Thema: das Wandern zwischen zwei Welten, zwischen deutschem Ordnungsfanatismus und russischem Anarchismus.

Zum Beispiel geht es um das „Schneechaos“. Schneefall werde in Deutschland nur in einer Katastrophensprache abgehandelt. „Die Russen können sich viel besser auf dem Eis bewegen; das mag ein Klischee sein – aber ein wahres.“ Folgerichtig entwickelte Geschichten sind Kaminers Sache nicht, und so landet er vom Schneechaos gleich bei der Honigsuche im mexikanischen Yucatán, was aber keinen stört.

Meistens kreist Kaminer doch um die Deutschen und die Russen, die er gleichermaßen satirisch wie philosophisch betrachtet. Da mag es dann um die Deutschen gehen, die dem GPS auch dann trauen, wenn dies zu einem Autounfall führen muss. Um die Russen, die sich partout keiner Volkszählung unterwerfen wollen („ohne Volk keine Zählung“). Oder um ein verunglücktes Salatrezept, in dem es ganz offensichtlich einen Fehler gibt, das aber trotzdem getreulich befolgt wird.

Dann war Schluss. Wenn er wieder nach Hannover komme, versprach Kaminer, werde er nach dem Salat weitermachen. Dem Beifall nach zu schließen, freuten sich alle schon darauf.

Ekkehard Böhm

29.12.2010
Heinrich Thies 27.12.2010