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22:06 23.12.2013
Weihnachten, Heiligabend. Kinder schauen durch ein mit Kunstschnee verziertes Fenster und warten auf die Bescherung. Quelle: Martin Steiner
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Hannover

„Hey Leute“, fragt ein junger Mann in einem der Gute-Fragen-Portale im Internet, „früher war Weihnachten ein richtig großer Tag für mich. Ich hab mich schon Wochen vorher drauf gefreut. Doch jetzt? Heute ist Weihnachten und für mich ist es wie ein normaler Tag. Ich frage mich, woran das liegt.“

Tja, woran mag das liegen? Ist es das Alter? Liegt es an der vermaledeiten Kommerzialisierung des Festes? Liegt es daran, dass Weihnachten seit einigen Jahren immer früher beginnt? Oder ist es so, dass das Besondere ganz grundsätzlich nicht oft wiederholt werden kann?
„Früher war mehr Lametta“ – das hat schon Loriots Opa Hoppenstedt erkannt. Aber hat er auch recht? Eine paar weihnachtliche Eindrücke.

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Schon die Weihnachtspost irritiert: Wer nicht die eigenen (Klein-)Kinder als Weihnachtsengel posieren lassen will, muss auf Grußkarten zurückgreifen, die alles Besondere einebnen – absoluter Gefrierpunkt: „Season’s Greetings“. Wer aber einsieht, dass sich den alten Eltern die Vorzüge von E-Mails nicht mehr erschließen werden, steht vor der Neuentdeckung des Briefes – mit Tinte geschrieben, mit Buntstift verziert, auf Papier, mit Briefmarke auf dem Umschlag. So wie früher. Oder man besucht sie.

Die meisten nehmen den Fahrstuhl. Wer das nicht will, muss durch eine Glastür ins etwas versteckt gelegene Treppenhaus gehen. Im Erdgeschoss sind Gemeinschaftsräume, Speisesaal und Küche. Und natürlich der Eingangsbereich, wo die Alten sitzen und auf die Tür schauen. Nach außen lässt sich die Automatiktür nur öffnen, wenn man zuvor einen Schalter betätigt. Das wurde so eingerichtet, damit die dementen Bewohner das Haus nicht so einfach verlassen können. Gegenüber der Automatiktür ist der Fahrstuhl, dahinter liegt das Treppenhaus. Es wird kaum benutzt. Daher kann man den Platz ganz unten gut als Lager nutzen.

Der Weihnachtsbaum in Plastikfolie

Aneinandergelehnt wie eine Kolonie von Pinguinen stehen hier: Weihnachtsbäume. Jeder einzelne in Plastikfolie eingewickelt. Zur Weihnachtszeit ist der untere Raum im Treppenhaus leer, dann sind die Bäume auf den Fluren und in den Gemeinschaftsräumen im Einsatz. Die Weihnachtsfeier am Heiligabend beginnt am frühen Nachmittag. Nachmittags gibt es Kaffee. Meist ist der Heiligabend früh beendet. Abends laufen die Fernseher. Eine Zimmertür steht offen. Vor dem Fernseher sitzt ein sehr alter Mann. Jemand hat ihm eine rote Zipfelmütze aufgesetzt. Der Fernseher ist sehr laut. Anfang Januar ist die Pinguinkolonie im Treppenhaus wieder vollzählig.

Als Weihnachtsmann gehst du automatisch langsam. Sehr langsam. Du kannst gar nichts dagegen tun. Als Weihnachtsmann trittst du sehr schwer auf. Mantel, Mütze, Geschenkesack und Rute verwandeln dich in einen alten Mann. Und natürlich der lange weiße Bart. Du gehst, als würdest du durch hohen, verharschten Schnee stapfen. Auch wenn gar kein Schnee liegt. Ein Weihnachtsmann muss gewichtig erscheinen, sich gravitätisch bewegen. Weihnachtsmänner rennen nicht und springen nicht herum. Sie sind müde und nachdenklich. Wenn du als Weihnachtsmann verkleidest durch die Straße gehst, und dir kommt ein Auto entgegen: Winke langsam und bedächtig. Allerdings: Es gibt immer mehr Weihnachtsmänner, die sich ganz anders verhalten. Und: Beim Überqueren der Straße sollten auch Weihnachtsmänner nicht zu langsam sein.

Je lauter der Vorweihnachtstrubel, umso auffälliger ist der Einbruch der Stille am Heiligabend. Es ist der Moment nach Schließung der Geschäfte und bevor in den Kirchen die Gottesdienste beginnen. Es ist, als würde jemand etwas ausschalten. Vielleicht ist dieser Einbruch der Stille von allen weihnachtlichen Momenten der weihnachtlichste.

Eilige Nacht I:
Auffällig ist der Trend zur Frühschmückung. In vielen Wohnzimmern steht bereits am dritten Advent ein Weihnachtsbaum, zuerst noch schamhaft ungeschmückt. Wie absichtslos wird dann weit vor Heiligabend der eine oder andere Strohstern, der eine oder andere selbstgetöpferte Engel drübergeworfen. Und schon am Tag vor Heiligabend steht der Weihnachtsbaum festlich geschmückt da. Ist auch praktischer: Wer in den Weihnachtsferien in den Skiurlaub fährt, hat so mehr vom Baum. Außerdem  kann man mit vorgeschmücktem Baum am 24. Dezember den Vormittag besser zum Einkaufen nutzen. Alles richtig. Aber Feierlichkeit entwickelt sich immer nur jenseits von Pragmatismus. Weihnachten sei längst zur reinen Sentimentalität verkommen, befand Hermann Hesse. Es sei „Reklameobjekt, Basis für Schwindelunternehmungen, beliebtester Boden für Kitschfabrikation“ geworden, wetterte der Dichter. Das war 1917.

Eilige Nacht II:
Vormittags am 24. Dezember kümmern sich viele bereits um die Festessen der kommenden Tage: Sie joggen durch Wald und Flur. Sie laufen dem Fest entgegen und treiben eine Art Präventivsport: Die Kilokalorien, die sie sich heute runterlaufen, können sie morgen und übermorgen getrost wieder draufschaufeln. Aus dem iPod tönt wahrscheinlich Mitreißenderes und Antreibenderes als „Maria durch ein Dornwald ging“.

Rausgehen? Geschenke kaufen?
 Im Vorweihnachtsendphasentorschlusspanikschaos eintauchen? Sich in Spielzeugabteilungskassenschlangendiskussionen aufreiben? Auf überfüllten Rolltreppen den körperlichen Stress des viel zu dick angezogenen Nebenmannes auf Achsel- statt auf Augenhöhe erleben? Und womöglich bar bezahlen?

Ach was! Wer bis zum 23. Dezember um 8 Uhr morgens bei amazon bestellt, bekommt die heiße Ware am Heiligabend ins Haus! Falls da – was nicht zu erwarten ist – irgendetwas – natürlich völlig Unmögliches – nicht klappen sollte – was schon höhere Gewalt sein müsste, Meteoriteneinschlag, plötzliche Eiszeit, Xaver mit Wind oder Streik  –, dann hat man immer noch zwei Stunden, um viele schöne Gutscheine zu basteln! Und nächstes Mal geht man wieder ganz analog einkaufen. Vielleicht sogar vor dem 23. Dezember, 8 Uhr.  

Eilige Nacht III:
Jahrzehntelang ist man mit dem Ritual konfrontiert – als kleines Kind begeistert, als größeres genervt, als Erwachsener dann ratlos: Wochenlang musste man „O, du fröhliche“ auf dem Klavier üben. Später sollte man „Stille Nacht“ wenigstens zur Klavierbegleitung auf der Flöte spielen. Noch später zuhören, wie Oma und Enkelin sich auf Instrumenten abmühen. Aber Weihnachten ohne Ritual? Dann kann man ja gleich wegfahren. Jedenfalls, wenn die Hausmusik dazukommen sollte.

Jetzt hadern wir wieder. Früher war die Weihnacht weiß und der Winter kalt. Jeder trägt diese Frühergefühle in sich, sie sind der innere Wunschzettel. Dabei behaupten die Meteorologen, diese Spielverderber, etwas ganz anderes. Seit 25 Jahren gehen die Durchschnittswintertemperaturen bergab. So kalt allerdings, wie unser Frühergefühl von der weißen Weihnacht es gehabt haben will, könnte es bei den Statistikern wohl nie gewesen sein. rom, das, uj

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