Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Wolf D. Prix: „Doch, das können wir“
Nachrichten Kultur Wolf D. Prix: „Doch, das können wir“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:32 30.05.2013
Von Ronald Meyer-Arlt
Prix um 2003: „Wenn man stehenbleibt, ist man tot.“ Quelle: dpa
Anzeige
Hannover

Das Thema der Kunstfestspiele Herrenhausen in diesem Jahr lautet „Heimat Utopie“. Eigentlich kein Wunder, dass man da auf die Idee gekommen ist, Sie um die Festrede zur Eröffnung zu bitten.

Echt?

Anzeige

Ja. Schließlich gelten Sie und Ihr Architekturbüro Coop Himmelblau als Spezialisten für Utopien.

Das würde ich sogar unterschreiben. Denn ich sage immer: Der Architekt muss in der Utopie beheimatet sein. Wenn er das nicht ist, bleibt er Baumeister. Und wir bauen Räume, die mehr sind als nur das Spiegelbild der Gesellschaft.

In Ihren Bauten scheint meist eine gewisse Utopie kristallisiert zu sein. Aber was genau ist Ihre Utopie des Bauens?

Die meisten Menschen haben Angst vor einer Veränderung der Gesellschaft und vor dem Fremden. Angst zu erzeugen, ist ein gutes System, eine Gesellschaft unter Kontrolle zu halten. Denn Menschen, die Angst haben, sind leichter zu beherrschen. Insofern ist es die Aufgabe der Kunst und der Künstler, Angst vor der Fremdheit durch Neugier zu ersetzen. Jede Architektur, die neu entsteht, ist a priori fremd. Dann gibt es feige Architekten, die den Ängsten der Gesellschaft vor Neuem Rechnung tragen, indem sie alt bauen. Wir aber extrapolieren die nächsten Entwicklungsschritte und sagen, wenn wir nicht 120 Prozent anpeilen, bekommen wir nie 100 Prozent.

Heißt das, dass ein Architekt seiner Zeit immer zwei bis drei Jahre voraus sein muss?

Das ist viel zu wenig. An großen Projekten bauen wir bis zu acht Jahre. Man muss seiner Zeit mindestens 16 bis 20 Jahre voraus sein.

Wie soll das gehen? Sie können ja nicht Werkstoffe vorwegnehmen, die erst noch entwickelt werden müssen.

Doch, das können wir. Wir können ja die vorhandenen Materialien ausbauen, sowie es bessere gibt. Aber Materialien sind nur ein Teil der Sache. Es geht auch darum, dass Gebäude anders funktionieren. Ein Gebäude sollte seinen Bewohnern nicht hierarchisch und totalitär irgendwelche Systeme aufzwingen, sondern ihnen Freiräume zur Verfügung stellen. Bauen sollte nicht statisch gedacht werden, sondern dynamisch.

Das klingt nach Luxus. Nicht jeder kann sich von Bauwerken Freiräume zur Verfügung stellen lassen.

Das konservative, reaktionäre Denken sagt: Bitte keinen Luxus! Ich dagegen bin für das Motto Bigger than Life! Wir können uns das alles leisten, wenn wir nur die richtigen Maßstäbe anlegen. Warum regen sich die Leute über so ein fantastisches Bauwerk wie die Elbphilharmonie auf? Die kostet im Grunde nur zweieinhalb Eurofighter. Nicht hundert Kindergärten oder hundert Schulen könnte man dafür bauen - man müsste nur auf zweieinhalb Kampfflugzeuge verzichten. Es ist nur eine Frage des Maßstabs.

A propos Maßstab: Sie hatten ja auch einmal die Idee formuliert, dass bei Ihnen der Meter ein Meter und fünf Zentimeter lang sein sollte.

Das ist der intelligente Himmelblaumeter.

Aber auch ein Luxusmeter.

Ich will es kurz erklären: Wenn ich den Meter um fünf Zentimeter dehne, bekomme ich zehn Prozent mehr Fläche und 15 Prozent mehr Volumen. Das heißt: Das Gebäude würde um 15 Prozent teurer werden. Das kann man verhindern, indem man zu Zeiten einer Inflation von, sagen wir, fünf Prozent, einfach drei Jahre früher mit dem Bau beginnt. Woran man auch sieht: Es gibt keine intelligente Architektur, es gibt nur intelligente Architekten.

1980 haben Sie den berühmten Flammenflügel entwickelt, um das Credo Ihres Hauses zu unterstreichen: „Architektur muss brennen“. Zeigt sich hier eine Utopie der Zerstörung?

Nein. Das zeigt nur, dass das scheinbar Unmögliche doch möglich ist, wenn man nur clevere Strategien entwickelt.

Waren Sie damals wilder als jetzt?

Vor allem war ich jünger. Es war nie mein Ziel, möglichst wild zu sein. Architektur ist nicht Rockmusik. Wir haben es nicht nötig, um der Provokation willen zu provozieren. Unser Ziel ist ein anderes: Wir bauen den Turm von Babel fertig. Das ist eine vornehme Aufgabe. Es ist sehr schwer, aber wir schaffen es.

Wie weit sind Sie schon?

Das ist so eine Journalistenfrage. Ich bin doch noch nicht tot. Ich schwebe an der Spitze des Turms von Babel, und Sie fragen, wie weit ich gekommen bin.

Das ist eben unsere Aufgabe: Wir müssen alle auf die Erde zurückholen.

Nein, müsst ihr nicht.

Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Ich weiß nicht, was Erfolg ist, daher kenn ich auch nicht das Rezept.

Sie wissen nicht, was Erfolg ist? Na...

Lassen Sie es mich so sagen: Wenn die Gebäude nicht eine Metaebene berühren, dann ist es keine Architektur.

Wo gibt es die besten Voraussetzungen für die Realisierung von Gebäuden, die die Metaebene berühren? In China? Im arabischen Raum?

Ja. Die Bereitschaft, neue Systeme auszuprobieren, ist sicher in China oder in Aserbaidschan, wo wir auch bauen, am größten. Europa dagegen hat Angst vor der Zukunft. Hier hat man begonnen, konservativ zu denken. Die Angst vor Neuheit ist tragisch. Denn Neugierde ist ein Entwicklungsmotor. Wenn wir die aufgeben, geben wir uns selbst auf. Ich bin ein Verfechter des Fortschritts. Wenn man stehenbleibt, ist man tot.

Interview: Ronald Meyer-Arlt

Ronald Meyer-Arlt 02.06.2013
Rainer Wagner 29.05.2013