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Kultur Wolfgang Herrndorf schreibt gegen den Tod an
Nachrichten Kultur Wolfgang Herrndorf schreibt gegen den Tod an
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09:11 03.10.2012
Foto: Der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf hat einen unheilbaren Hirntumor. In seinen Büchern und seinem Blog schreibt er gegen den Tod an.
Der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf hat einen unheilbaren Hirntumor. In seinen Büchern und seinem Blog schreibt er gegen den Tod an. Quelle: dpa
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Berlin

Wegen seines Hirntumors hat Bestsellerautor Wolfgang Herrndorf („Tschick“) inzwischen drei Operationen hinter sich, zahllose Chemos und Bestrahlungen. Diagnose unverändert: Nicht heilbar. Jetzt steht der 47-jährige Berliner mit seinem ebenso rätselhaften wie großartigen Roman „Sand“ in der Endrunde zum Deutschen Buchpreis. Lange wusste er selbst nicht, ob er das fast 500 Seiten starke Buch je würde zu Ende schreiben können.

„Ziemliches Motivationsproblem, von morgens bis abends an etwas zu arbeiten, das man mit achtzigprozentiger Wahrscheinlichkeit als Ergebnis nicht sehen wird“, notierte er im August 2010 während der Schreibarbeiten. „Ich versuche es mit dem Gedanken, daß ich mir in zwei Jahren mit zwanzigprozentiger Wahrscheinlichkeit in den Arsch beißen werde, wenn ich es dann nicht geschrieben habe.“

Nun hat es „Sand“ also in die engste Wahl zum Buchpreis geschafft, obwohl Herrndorf für den vielgelobten Agententhriller im März auch schon den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen hatte. Jurychef Andreas Isenschmid begründete das kürzlich so: „Wenn man den Anspruch hat, die feinsinnigsten, innovativsten und genauesten Erzählungen zu benennen, dann muss Herrndorf dabei sein. Da kann man nicht sagen, der hat schon einen Preis.“

Schon in Leipzig konnte der Autor die Ehrung nicht mehr persönlich entgegennehmen. Durch einen Freund ließ er lediglich ein afrikanisches Sprichwort übermitteln: „Die Sonne geht immer hinter der Düne unter, die Dir gerade am nächsten ist.“ Auch zu der neuerlichen Nominierung gab es keinen persönlichen Kommentar.

„Keine Anfragen, keine Interviews, keine Lesungen, keine Ausnahmen“, steht auf Herrndorfs Internetseite. Nur in seinem Blog „Arbeit und Struktur“ gibt er regelmäßig Auskunft über sich. Am 8. März 2010, nach einer Einlieferung in die Psychiatrie begonnen, ist das Internet-Tagebuch ein ebenso erschütterndes wie bitter-komisches Dokument von Wut und Verzweiflung, Angst und Lebensmut.

„Gib mir ein Jahr, Herrgott, an den ich nicht glaube, und ich werde fertig mit allem“, schreibt er zu Beginn. Doch so soll es nicht kommen. Erst eine OP, dann eine zweite, eine dritte. „Der aktuelle Champion in meiner Gewichtsklasse hat es hier auf vier Hirn-OPs gebracht“, notiert er einmal. Ein andermal heißt es: „Links jetzt, als ob jemand die Nervenstränge büschelweise aus den Buchsen zieht.“ Oder: „Ja, mach dich vom Acker, Körper, hau ab, nimm mit, was du tragen kannst.“

Nur die Freunde, die Lebensgefährtin C. und die Arbeit geben noch Struktur. Im vorerst letzten Kapitel, das am 23. September endet, findet er wegen seiner Wahrnehmungsstörungen im vertrauten Stadtteil Wedding vom Plötzensee nicht mehr heim in die eigene Wohnung. Ein neues Science-Fiction-Projekt musste er „aus Kompliziertheitsgründen“ schon vorher aufstecken.

1965 in Hamburg geboren und in einem „sehr kleinbürgerlichen Haushalt“ aufgewachsen, hatte Herrndorf ursprünglich Kunst studiert und als Illustrator gearbeitet – unter anderem für das Satiremagazin „Titanic“. Sein erster Roman „In Plüschgewittern“ (2002) fand wenig Aufmerksamkeit. Doch schon beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2004 konnte der Newcomer mit einer Kurzgeschichte aus dem Stand den Publikumspreis einheimsen.

Mit „Tschick“ landete er 2010 schließlich den Überraschungserfolg des Jahres: Die abenteuerliche Lada-Fahrt der beiden Freunde Maik und Andrej quer durch Ostdeutschland rührte viele Leser. „Ein großartiges Buch, egal, ob man nun dreizehn, dreißig oder gefühlte dreihundert ist“, befand die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“.

Mit „Sand“ hat der Autor das Genre gewechselt. Sein Wüstenroman ist ein Thriller, aber auch viel mehr: Ein brillantes Vexierspiel um Gewalt und Verfolgung, Selbstsuche und Tod. In Leipzig hatten auch die Leser Herrndorf zu ihrem Favoriten gekürt. „25 Jahre am Existenzminimum rumgekrebst und gehofft, einmal eine 2-Zimmer-Wohnung mit Ausblick zu haben“, schreibt er in seinem Blog. „Jetzt könnte ich sechsstellige Summen verdienen, und es gibt nichts, was mir egaler wäre.“

dpa

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