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Nachrichten Kultur Wolfsburger Museumschef strebt Runderneuerung an
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20:19 22.05.2015
Museumschef Ralf Beil.
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Gerade war er bei der Kunstbiennale in Venedig. Danach im Braunschweiger Dom. Dann als Juror beim Kunstverein Hannover. Und jetzt ist er wieder in Wolfsburg.

Ralf Beil, seit Februar Direktor des dortigen Kunstmuseums, ist, passend zur Stadt der Mobilität, selbst ganz schön viel unterwegs. „Solche Wochen sind durchaus repräsentativ für meinen Alltag“, sagt der 49-Jährige. „Ich will nach außen und innen wirken, ich muss mich über die Kunstschauplätze der Welt auf dem Laufenden halten, und ich will das Haus in der Metropolregion stärker vernetzen.“

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Beil selbst ist im Städtedreieck Hannover-Braunschweig-Wolfsburg schon erstaunlich gut vernetzt. Nicht zuletzt weil er Sprengel-Museumsdirektor Reinhard Spieler und Kestnergesellschaftschefin Christina Végh aus gemeinsamen Jahren in der Schweiz kennt, wo die drei Karrierestationen hatten, und weil er auch privat bereits öfter in Hannover anzutreffen ist. „Es ist wichtig, dass Kunstakteure zusammenwirken, und wir sollten dazu in Niedersachsen eine gemeinsame Plattform bilden.“

Das eigene Haus will er auch dafür neu aufstellen. Was Beil nach 100 Tagen als Museumschef in Wolfsburg an Plänen präsentiert, läuft auf eine Runderneuerung des erst gut zwei Jahrzehnte alten Kunstmuseums und der darin praktizierten Präsentationskonzepte hinaus. Mit einem starken Akzent auf Internationalisierung bis hin zu englisch durchsetzten oder sogar komplett englischsprachigen Ausstellungstiteln. „Für mich ist Welterkenntnis durch Kunst und Kultur die zentrale Triebfeder“, sagt Beil und kündigt neue Ausstellungsformate, ein neues Corporate Design und Umbauten an. Um den Museumsbesuchern stets „Spielraum für eigene Kreativität“ zu bieten, soll die bisherige Zaha-Hadid-Lounge verändert werden. „Das Volkswagenwerk versorgt Wolfsburg mit Fernwärme, das Kunstmuseum soll als Kraftwerk eigener Art ab sofort für Reibungshitze sorgen - durch Ausstellungen, Sammlungspräsentationen, Feste und Ereignisse, die Nahrung für Kopf und Bauch gleichermaßen bieten.“

Hübsch gesagt, doch wie setzt man solche Ansprüche im Alltag um? Ein Beispiel könnten die für das Frühjahr 2016 geplante Ausstellung „Wolfsburg Unlimited“ sein. Dafür will Beil mit vielen Künstlern die Stadt im Museum und die Rolle des Museums in der Stadt reflektieren. Und das nicht nur in der zentralen Ausstellungshalle: Beil will die nach Wolfsburg fahrenden Züge ebenso bespielen wie die Fußgängerzone und die Tiefgarage ums Museum. Und in einer „Hall of Fame“ sollen die Zuschauer mit Lichtduschen traktiert werden. Emotionalisierendes Erleben statt trockener Belehrung? „Ich nenne es Reflexion durch Erfahrung“, setzt Beil dagegen. Sinn und Sinnlichkeit also.

Wolfsburg Unlimited“ - englischsprachig wie, so weit absehbar, alle künftigen Ausstellungstitel im Kunstmuseum - deutet auf das grenzenlose Agieren des Volkswagen-Konzerns ebenso hin wie auf dessen entgrenzenden Einfluss auf Wolfsburg. International ausgerichtet wird auch die für Herbst 2016 geplante Schau „This was Tomorrow“ zur Entstehung der britischen Pop-Art sein, und für das Documenta-Jahr 2017 plant Beil außer einer Soloausstellung schon „From Hudson to Hollywood“, eine Schau zum gebrochenen Mythos der Weltmacht USA. „Wo kann man globale Zukunftsfragen aufwerfen, wenn nicht am Sitz eines Weltkonzerns?“, sagt der Museumsdirektor und lobt Wolfsburg als „Zukunftslabor“, als Stadt, in der sich Fragen nach Mobilität und Urbanität besonders deutlich stellten.

Das große Ganze treibt Ralf Beil auch mit Blick auf die Sammlung des Kunstmuseums Wolfsburg um. „In dieser Stadt leben 145 verschiedene Nationalitäten, mehr als derzeit bei der Biennale Venedig repräsentiert sind“, sagt Beil. „Gibt es einen besseren Ort, um eine Globalisierung der Sammlung anzustreben?“ Nach seinem Urteil muss die seit 1968 entstandene Sammlung „politischer, weiblicher und insbesondere globaler“ werden. Leitfigur für Beil ist Richard Francis Burton, ein weltgewandter und höchst polyglotter Forscher aus dem 19. Jahrhundert. „Er war britischer Kolonialoffizier - aber mental schon postkolonial“, lobt Beil, der die Sammlungserweiterung denn auch „Burton Collection“ nennen will. „Es wäre doch toll, wenn wir 14 Jahre, nachdem Okwui Enwezor die erste Welt-Documenta auf die Beine gestellt hat, jetzt nachhaltig globale Kunst sammeln und in fünf Jahren spannende Positionen aus Teilen der Welt präsentieren können, die bislang keine Wahrnehmung hatten“, sagt Beil. Das wäre nach seiner Beobachtung auch ein Alleinstellungsmerkmal für das Wolfsburger Haus. „Kein einziges Museum weltweit hat bislang einen klaren Sammlungsschwerpunkt bei globaler zeitgenössischer Kunst gesetzt.“

Wie ein derart globaler Blickwinkel aussehen kann, ist übrigens schon in der ersten Ausstellung zu sehen, die Ralf Beil in Wolfsburg initiert hat: „Dark Mirror“ heißt die im Herbst startende Schau mit 150 Werken lateinamerikanischer Kunst seit 1968. „Diese Ausstellung“, sagt Beil, „dient uns als erstes Labor einer globalen Ausrichtung und Sammlungserweiterung.“

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