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Kultur Woody Allens Film „Whatever Works“ kommt ins Kino
Nachrichten Kultur Woody Allens Film „Whatever Works“ kommt ins Kino
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19:36 02.12.2009
Von Karl-Ludwig Baader
Larry David und Evan Rachel Wood in "Whatever Works"
Larry David und Evan Rachel Wood in "Whatever Works" Quelle: Central Film
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Er ist ein Miesmacher und Misanthrop, der seinen Weltekel und seine ausufernden Schimpftiraden in vollen Zügen genießt: Boris ist gescheitert als Ehemann (es war einfach zu perfekt) und als Physiker (der fast den Nobelpreis bekommen hätte, wie er gern nebenbei und mit wegwerfender Geste betont). Nun gibt er gegen Geld Schachunterricht für Kinder – als Dummköpfe beschimpft werden sie dann allerdings gratis, da ist er großzügig. Der Anfangssechziger wohnt, nein: haust, in einem heruntergekommenen Apartment in Manhattan und lebt dort als selbsterkanntes Genie ungestört seine Hypochondrien aus, oder er verbringt seine Zeit mit zwei Freunden im Coffeeshop, um ihnen die Welt zu erklären: Sie ist eine desaströse Fehlkonstruktion, bewohnt von Waffennarren und anderen Trotteln. Verzweiflung duckt sich hinter lautstark inszenierter Arroganz.

Am 3. Dezember startet Woody Allens neuer Film „Whatever Works“ in den deutschen Kinos.

Für seinen neuen Film „Whatever works“ (deutscher Untertitel: „Liebe sich wer kann“) bietet Woody Allen, der nach ein paar Ausflügen in europäische Städte mal wieder in seiner geliebten Heimatstadt New York gedreht hat, einen Grantler auf, der als aggressive Variante des von Hypochondrie und Todesangst neurotisierten Homo Woody Allensis angelegt ist. Nicht schüchtern wie der kleine verhuschte Original-Woody-Darsteller, dafür grob, ruppig, beleidigend. Larry David gibt hier mit Verve den aufgeblasenen Schwadroneur, der notorisch auf Konfliktkurs mit seiner Umwelt ist. Boris hat Angst davor, dass jemand Liebenswertes an ihm entdecken könnte.

Und diesen Typen setzt Allen nun einem besonders fiesen Härtetest aus: Dem Unglücksmenschen Boris, der seit einem missglückten Selbstmordversuch hinkt, läuft ein Mädchen zu, sehr schön, sehr naiv, ein süßes Dummchen, eine anrührende Unschuld vom Lande, von Evan Rachel Wood allerliebst verkörpert. Melody, dieses Kind aus dem Süden der USA, dem Bible Belt, hat zwar gesündigt (Sex vor der Ehe!), wie sie Boris gesteht, findet das aber gar nicht so schlimm. Sie bringt Boris, den sie bewundert, dazu, dass er sie heiratet – und es kommt, was kommen muss: Seine raue Schale wird immer dünner. Und er muss sich missmutig damit abfinden, dass wieder ein bisschen Lebensfreude bei ihm einkehrt.

Die gewohnt leichthändig in Szene gesetzte und mit starken witzigen Dialogen ausgestattete Komödie nimmt Fahrt auf, als Melody Besuch von ihrer gottesfürchtigen Mutter (grandios: Patricia Clarkson) bekommt, die von ihrem gottesfürchtigen Mann verlassen wurde, weil der mit ihrer – im Zweifel gottesfürchtigen – besten Freundin die Sünde des Ehebruchs genießen wollte.

Nicht nur sie, auch der später reumütig seine Frau um Vergebung nachsuchende Vater werden irgendwann in den Sündenpfuhl New York eintauchen und, von Fanatismus und Selbsttäuschung gereinigt, als freie, liebes- und glücksfähige Menschen wieder auftauchen, die endlich ihre Neigungen und Begabungen erkennen. Es ist erstaunlich, wie es Allen gelingt, Sarkasmus und Sentimentalität auszubalancieren, ohne das eine durch das andere zu dementieren. Es ist eine witzige Klage über die Sinnlosigkeit des Lebens, die Blödheit der Menschen und die Brutalität der Zeitläufte – zugleich wird dieses Auftrumpfen des Pessimismus von einer menschenfreundlichen Skepsis unterlaufen, die dem Glück – gegen alle Wahrscheinlichkeit – eine kleine Chance lässt. Versuch’s halt, muntert Allen sein Publikum auf: whatever works – wenn’s klappt, klappt’s

Woody Allen entwirft hier augenzwinkernd die Utopie der romantischen Komödie, die sich recht widerborstig zeigt gegen die üble Nachrede der Kitschgegner. Allen spottet damit über alle Glaubenssysteme, sei es den eloquenten Nihilismus des heimlichen Humanisten Boris oder die exaltierte Bigotterie fundamentaler Christen.

Allens komödiantisches Glücksversprechen scheint sich auf den traditionellen Theologensatz „Credo quia absurdum“ (ich glaube, weil es widersinnig ist) zu gründen. Damit das Publikum aber nicht transzendenten Illusionen verfällt und den schnöden Zufall mit einem höheren Orts verhängten Schicksal verwechselt, hat Boris das letzte Wort. Er spricht direkt die Zuschauer im Kinosaal an, er weiß, dass das alles ja nur ein Film, nur eine Komödie ist, aber die Figuren in seinem Film wollen ihm einfach nicht glauben. Ihr Glück.

Pessimismus mit Glücksverheißung: 
Woody Allen ist zurück in New York
mit einer witzigen Komödie.


Alexander Dahl 02.12.2009