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Kultur Woyzeck erobert das Publikum
Nachrichten Kultur Woyzeck erobert das Publikum
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16:49 20.02.2012
Von Rainer Wagner
Foto: Daniel Nerlich spielt den „Woyzeck“ im Staatsschauspiel.
Daniel Nerlich spielt den „Woyzeck“ im Staatsschauspiel. Quelle: Ribbe
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Hannover

Nach neunzig Minuten ist alles vorbei, und der Jubel ist groß. Beim Premierenpublikum kommt Heike M. Götzes „Woyzeck“-Inszenierung bestens an. Das Staatsschauspiel könnte zufrieden sein: Ausverkaufte Vorstellungen kann das Haus brauchen. Da ist es nie ganz verkehrt, Büchners „Woyzeck“ zu spielen, den die Deutschlehrer wegen seiner Vieldeutigkeit so lieben und an dem die Schüler zumindest schätzen, dass er kurz ist. Bei der Hauptprobe soll es allerdings im Schauspielhaus zu Problemen mit Schülern gekommen sein, die sich von drastischen Darstellungen überfordert fühlten. Nicht jeder ist schließlich so leidgeprüft und belastbar wie Theaterkritiker und Abonnenten. 

Aber es könnte sein, dass die Rechnung auch aus anderen Gründen auf Dauer nicht aufgeht. Etwa wenn sich herumspricht, wie wenig Büchner in diesem Abend steckt. Das ist in Zeiten der Theaterprojekte nicht ungewöhnlich. Überraschender ist schon, dass auch die Musik in diesem Musical nur eine Nebenrolle spielt. Was nicht an den wacker singenden Schauspielern liegt und an der von Martin Gantenbein geleiteten, engagiert aufspielenden Band. Sondern an der vorlauten Regie.

Gegeben wird in Hannover die Kompressfassung des Stücks, die der amerikanische Theatermagier Robert Wilson und sein musikalischer Partner Tom Waits (und dessen liedertextende Frau Kathleen Brennan) mit großem Erfolg vor zwölf Jahren in Kopenhagen vorgestellt hatten. Das war nach „Black Rider“ und „Alice“ die dritte spektakuläre Zusammenarbeit von Waits und Wilson. Lange war dieses Stück für andere Bühnen gesperrt, seit 2009 feiern damit auch deutsche Stadt- und Staatstheater Triumphe.

Es ist ein Elend. Davon erzählt das Stück, davon berichtet schon der Song „Misery is the River of the World“. Aber wenig später heißt es auch: „Everything goes to Hell“. Und wenn es auch nicht gleich die Hölle sein muss, abwärts geht es schon, nicht nur mit Woyzeck.

Zunächst aber lockt eine weißgewandete Frau (Beatrice Frey) die Theaterbesucher mit Zuckerwatte. Das Leben ist offenkundig ein Jahrmarkt. Oder – mal wieder – ein Zirkus. Bühnenbildner Dirk Thiele hat jedenfalls einen Kreis aufgebaut, in dem Woyzecks Dressur stattfinden soll. Auf diesem Rund singt Beatrice Frey, die der Doctor sein soll, ihr Lied, später wird sie unter dem Laufring liegen und die Handlung mimisch kommentieren.

Dann fällt Woyzeck zwar nicht der Himmel auf den Kopf, aber doch ein Sack Erbsen. Die muss der arme Daniel Nerlich sich in den Mund stopfen, kauen, ausspucken, als gäbe es den Spruch nicht, dass man nicht mit dem Essen spielt. Später wird auch mit Wasser herumgeschmuddelt. Das soll wahrscheinlich die Sinnlichkeit zwischen Woyzecks Marie und dem Tambourmajor signalisieren, wirkt aber nur wie ein Kindergeburtstag, der aus dem Ruder läuft.

Lisa Natalie Arnold als Marie ist offenbar in einem überdimensionierten Fallschirm vom Himmel gefallen (Kostüme: Inge Gill Klossner und die Regisseurin). Immerhin bleibt sie weitgehend bedeckt, während Dominik Maringer und Daniel Nerlich blankziehen müssen: Früher hat man in den Schauspielschulen Fechten gelernt, heute gibt es wahrscheinlich eine Ausbildung im Onanier-Simulieren. Nur leider hält sich dabei der Erkenntnisgewinn für den Zuschauer in Grenzen, wenn er kein Urologe ist. Diese Theaterchiffre ist, pardon, abgegriffen. Und beim mädchenumschwärmten Tambourmajor, der über die Zucht von Tambourmajors schwadroniert, ist dies auch noch Unsinn. Überrascht, dass später der Tambourmajor auch noch den armen Woyzeck vergewaltigt?

Das Ensemble trägt seine sichtbaren blauen Flecken wie Tapferkeitsorden. Ständig wird gefallen und gestürzt. Daniel Nerlich kann zumindest Anteilnahme für Woyzeck wecken, auch wenn er als Zeichen für dessen Naivität einen Michael-Mittermeier-Gesichtsausdruck aufsetzt. Sein Woyzeck ist der einzige Charakter in diesem Panoptikum.

Lisa Natalie Arnold als Marie muss sich anhören, dass der Mord an ihr wie „Starving in the Belly of a Whale“ sei. Thomas Mehlhorn (Hauptmann) und Raffaele Bonazza (Andres) haben den Regiekahlschlag im Personal immerhin überlebt.

Es wird gerne mehr hessisch gebabbelt, als es der Hesse Büchner vorschreibt. Und wenn Büchner vorkommt, dann auch gerne als Textschleife. Nach anderthalb Stunden Auflockerungsübung in Sachen „Woyzeck“ könnte das Stück eigentlich endlich anfangen. Aber dann ist es auch schon aus.

PS: Liebe Deutschlehrer, den Text gibt es auch bei Reclam und die Musik auf CD (Tom Waits: „Blood Money“)

Die nächsten Vorstellungen am 23. (ausverkauft) und am 25. Februar. Karten: (05 11) 99 99 11 11.