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Kultur Zaz beeindruckt mit neuem Album
Nachrichten Kultur Zaz beeindruckt mit neuem Album
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20:21 09.05.2013
Von Frerk Schenker
Es wird Sommer, auch in Frankreich: Zaz macht einen Schminkvorschlag. Quelle: Sony
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Der 33-Jährigen ist gelungen, was frankofonen Musikern meist verwehrt bleibt: hierzulande erfolgreich zu sein. 2011 kletterte Zaz mit ihrem gleichnamigen Debütalbum bis auf Platz drei der deutschen Charts. Dabei steht Zaz für viel - nur eben nicht für Mainstream. Ihre Musik ist eine eigenwillige und zugleich einnehmende Mixtur aus Jazz, Varieté, Chanson und Soul, gepaart mit einem Gesang, den ein Kritiker einst als „sacrée voix“ beschrieb.

Jetzt ist diese „heilige Stimme“ zurück. Heute erscheint das zweite Album von Zaz, mit dem sie an ihren Erfolg anknüpfen will. Und es hat den Anschein, als könnte ihr das gelingen. Denn auf „Recto Verso“ hat sie 14 Lieder versammelt, mit denen sie ihrem (erfolgreichen) Stil treu geblieben ist - und sich musikalisch dabei doch weiterentwickelt hat. Da sind die klasssichen, handgemachten Chansons wie „Comme ci, comme ça“, die Erinnerungen an einen Spaziergang hinauf zum Montparnasse wachrufen. Da sind die sommerlichen Stücke wie „Cette Journeé“, die so klingen, wie sich Zaz für das Albumcover hat ablichten lassen: ein wenig zerzaust, ein wenig schrill. Das ist Zaz, das kennt und erwartet man von ihr. Doch auf „Recto Verso“ ist sie im Vergleich zum Debutalbum bei der Instrumentierung noch bunter, noch frischer, noch überraschender geworden. Fiedel, Banjo, Drehorgel - und immer wieder sticht Zaz mit ihrer markanten Stimme in diesen leicht beschwingten Sound hinein. Das hat Charme und Esprit. Ein Banause, wer seine Füße stillt hält.

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Zaz, die eigentlich Isabelle Geffroy heißt, ist aber mehr als eine Gute-Laune-Musikerin. Sie kann auch ernst. „Toujours“ ist eine lebendige und doch nachdenkliche Ode an die eigene Kindheit, an eine Zeit, als man noch „auf dem Gehweg zu einer anderen Welt“ saß. „Ich wäre noch immer gern das kleine Mädchen, das auf den Mund fällt - und das lacht.“ Mit „Si je perds“ spannt Zaz dann den Bogen an das andere Ende des Lebens, wenn Alzheimer die eigenen Erinnerungen auffrisst und die Menschen zu Fremden wird. Dann singt sie Sätze wie: „Wenn meine Kinder mich einladen, mache ich sie unglücklich. Sie kommen, um mich zu waschen, und verlassen mich wieder als Unbekannte.“ Das klingt gar nicht mehr nach der unbeschwerten Hymne „Je veux“, mit der Zaz 2011 die Charts stürmte. Das klingt ziemlich erwachsen.

Und jetzt kommt auch noch Politik ins Spiel - zumindest ein bisschen. Für „Recto Verso“ hat Zaz wieder mit Kerredine Soltani zusammengearbeitet. Der hatte 2012 vor der französischen Präsidentschaftswahl mit „J’veux m’intégrer“ („Ich will mich integrieren“) eine scharfe muskalische Antwort auf die Ausländerpolitik des damaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy formuliert. Diese Handschrift ist auch bei „On ira“, vor allem aber bei „T’attends quoi“ zu sehen. Die Frage „Auf was wartest du?“ beantworten Soltani und Zaz mit einer Reise zu Menschen in den Folterkellern des Irak, zu Geschundenen in Syrien. Auch das klingt plötzlich erwachsen.

Zaz wäre aber nicht Zaz, könnte sie diese Schwermut nicht sofort wieder aufbrechen. Und sie ist sich nicht zu fein, dafür beim großen Chansonier Charles Aznavour abzukupfern. Doch was heißt hier schon abkupfern? Aus „Oublie Loulou“, einem im Original schon temporeichen Stück, macht Zaz einen atemberaubenden Pareforceritt, der trotz der Sprachakrobatk (rund 400 Wörter in 150 Sekunden!) immer leicht beschwingt bleibt.

Da sieht man es auch nach, dass Zaz bei „Si“ (arrangiert von Jean-Jaques Goldmann) ein bisschen zu viel Schmalz und Kitsch im Repertoire hat. Und mit „Gamine“ vor allem Radiotauglichkeit unter Beweis stellt. Wer sich daran stören sollte, der dürfte aber spätestens am Ende des Albums wieder versöhnt sein. Bei „La Lune“ läuft Zaz noch einmal zur Höchstform auf. Das ist Chansonmusik pur. Und so, wie sie es ihr nach „Oublie Loulou“ entfährt, möchte man ihr zurufen: Merci!

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