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Kultur Zeitgenuss statt Zeitverlust
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22:07 27.04.2015
Kunst und Kuratorin: Dörte Wilke vor Fotografien von Boris Mikhailov. Quelle: Insa Cathérine Hagemann
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Hannover

Entspannt lehnt eine Nackte den Kopf auf den Arm, ein leichtes Lächeln umschließt die Lippen, ihre Lider sind ebenso geschlossen wie die des Schafes vor ihr. Das Werk zeugt davon, wie reizvoll das uralte Schäferidyll noch im längst angebrochenen Industriezeitalter war. „Schlafende Hirtin“ (1912) heißt der Holzschnitt von Franz Marc, der jetzt in „Auszeit“ gezeigt wird, der neuen Ausstellung im Sprengel-Museum.

Zwar hat die schöne Frau, streng genommen, keine Auszeit, sondern als Hirtin im Feudalismus einfach entspanntere Arbeitsbedingungen, als sie im Turbo- kapitalismus üblich sind. Aber der Horizont dieser Ausstellung ist eben weit gezogen, um einem Thema gerecht zu werden, das sich nach den Worten von Sprengel-Museumschef Reinhard Spieler um den Anfang alles Schönen dreht. „Hier geht es um Gegenentwürfe zur Effizienzgesellschaft, in der Freizeit nur als Atempause akzeptiert ist, nach der der Profitgedanke umso rasanter maximiert wird“, sagt Spieler. „Auszeit, das ist die Zeit, in der Kunst entsteht.“

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Wie unterschiedlich dabei die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Auszeit sein kann, zeigt die von Dörte Wilke kuratierte Ausstellung. Außer Motiven der Ruhe wie Marcs „Hirtin“ hat sie dafür Werke der Unterhaltung, Zerstreuung und Erbauung ausgewählt, Zeichnungen und Grafiken, Skulpturen, Fotografien und eine Film- und Musikinstallation.

Spannend ist es, dass Dörte Wilke in dieser Schau in den Grafikausstellungsräumen des Museums auch die Frage aufwirft, in welchem Verhältnis Zeitbudget und Selbstbestimmung zueinander stehen. Da zeigt ein Foto, das Walter Ballhause 1932 in Bothfeld bei Hannover aufgenommen hat, spielende Jugendliche in einem Ferienlager der Roten Falken. Da präsentiert ein Aquarell von Theo Garve eine Lesende im Liegestuhl. Da halten Fotos des in Berlin lebenden Spektrum-Preisträgers Boris Mikhailov munter plaudernde Rentner fest. Aber da sind auf der Käthe-Kollwitz-Zeichnung „Zertretene“ (1900) eben auch ermattete Arbeiter zu sehen. Oder auf einem Bild Ballhauses Arbeitslose, die an der Bordsteinkante schlafen.

Solche Motive zeugen davon, dass nicht nur knappe Zeit eine Qual sein kann, sondern auch ein Übermaß daran - wenn man nichts daraus machen kann. Dass Freiräume auch ein Stressfaktor sein können, wenn sie zu scharf definiert sind, zeigt eine Diainstallation des in Großbritannien lebenden tschechischen Künstlers Pavel Büchler. Der hat für „Work. All the Cigarette Breaks“ über sieben Jahre seine Zigarettenpausen zwischen den Arbeitstakten mit je einem Foto dokumentiert. Jedes der 1200 so entstandenen Bilder wird vier Minuten, etwa so lang wie die Zigarettenpausen, gezeigt. Wer alle Bilder sehen will, darunter auch eines mit Museumschef Spieler, muss also 80 Stunden dranbleiben. Fraglich nur, ob man diesen Zeitaufwand als Gewinn empfindet.

Lieber leistet man sich vielleicht eine Auszeit von der „Auszeit“. Auch dafür hat die Kuratorin vorgesorgt: Im letzten Raum liegen etliche Sitzkissen vor Piero Steinles Videoinstallation „Triphibische Erbauung“. So kann man bequem diesem Video folgen, das vor Meer und Himmel einen Pool zeigt, in dem ein Schwimmer mal nach links, mal nach rechts durchs Bild krault. Und dazu der von Steinle aus Versatzstücken von John Cage montierten Musik lauschen. Zeitverlust? Eher Zeitgenuss.

Das Steinle- und das Büchler-Werk sind übrigens zwei von drei Leihgaben für diese Ausstellung, deren 110 Werke ansonsten komplett aus der Sammlung des Museums stammen. Die dritte Leihgabe hängt draußen an der Sprengel-Fassade. Es ist der vom Künstler Omar Alessandro konzipierte Schriftzug „Der Künstler ruht sich aus.“ Ach so. Pardon.

Auszeit. Vom Faulenzen und Nichtstun“. Bis 30. August im Sprengel-Museum, Kurt-Schwitters-Platz. Eröffnung heute um 18.30 Uhr.

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