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Kultur Scham und Neugier im Sprengel Museum
Nachrichten Kultur Scham und Neugier im Sprengel Museum
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17:04 03.02.2014
Von Daniel Alexander Schacht
Für seine Serie „Mrs. Raab wants to go home“ hat der deutsche Fotograf Zoltán Jókay die Einsamkeit des Alters festgehalten. Quelle: Surrey
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Hannover

Wer ein Foto macht, kann einen Augenblick für die Ewigkeit festhalten. Intimes ins Licht der Öffentlichkeit zerren. Oder umgekehrt vermeintliche Privatheit öffentlich inszenieren. „Fotografieren“, sagt Zoltán Jókay, „ist grundsätzlich eine Grenzüberschreitung.“ Ein Paparazzo setzt sich salopp über Grenzen hinweg, hält drauf, drückt ab und schert sich nicht um Persönlichkeitsrechte. Der Fotograf Jókay dagegen reflektiert sensibel wie nur wenige darüber – und eben deshalb gelingen ihm Werke, die Intimität ohne Voyeurismus sichtbar machen.

Da sieht man beispielsweise über einem Bett zwischen goldglänzenden Wandleuchtern das goldgerahmte Gemälde einer blond gelockten Frau prangen: biografische Souvenirs, vor denen eine metallene Aufstehhilfe ins Bild ragt. „Sie lebt in einer Ein-Zimmer-Wohnung und hängt an den Erinnerungen, die ihr noch geblieben sind“, steht daneben in englischer Sprache auf farbigem Hintergrund. Auf einem anderen Foto ragt eine gichtige Hand in den Bildausschnitt, und daneben wird konstatiert: „Sometimes there is no chance for a last farewell“ („Manchmal gibt es keine Chance für ein letztes Lebwohl“). Und ein weiteres Bild zeigt eine Frau beim verlorenen Blick durch bunte Mosaikscheiben in die Ferne. Auf Englisch steht daneben: „Frau Raab will nach Hause“.

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Der Satz liefert auch den Titel der Ausstellung „Mrs. Raab wants to go home“, die jetzt im hannoverschen Sprengel Museum zu sehen ist – zwar in der Reihe „Photography Calling Reloaded“, doch in einer Präsentation, die nicht nur aus Fotografien besteht. Denn Zoltán Jókay bietet hier höchst stringent durchkomponierte Konzeptkunst auf, in der Bilder und Texte einander nicht nur ergänzen, sondern auch wechselseitig übereinander hinaus verweisen. Und das in mehr als zwei Dutzend Porträts, die dem Betrachter die Lebenswelten der Dargestellten nahebringen – bisweilen ganz ohne deren Konterfeis vorzuführen.

Bei diesen Arbeiten hat Jókay nichts dem Zufall überlassen, sie sind die Frucht einer jahrelangen, einfühlsamen Beschäftigung mit den Porträtierten. Die hat der Fotograf als Betreuer in einem Armenviertel in der Münchener Vorstadt und in einem Altenheim kennengelernt. Er wusste um ihre Schicksale, lange bevor er den Beschluss gefasst hat, sie zu fotografieren. Und er hat damit erst nach dem Ende seiner sozialarbeiterischen Tätigkeit begonnen. Kurzerhand abzudrücken ist nicht sein Stil – weder in der Wahl des Bildausschnitts noch im Umgang mit den Menschen vor der Kamera. Doch ethische Motive dafür weist er zurück. „Ethik und Fotografie, das sind verschiedene Welten“, sagt Jókay. Er sei „zu schüchtern, um rücksichtslos draufzuhalten“, und, wichtiger vielleicht: „Ich liebe diese alten Leute.“

Für seine Serie „Mrs. Raab wants to go home“ hat der deutsche Fotograf Zoltán Jókay die Einsamkeit des Alters festgehalten. Von Mittwoch an sind die Fotos im Sprengelmuseum zu sehen.

 

Jedenfalls lässt sich an seinen Bildern ablesen, wie würdig man die Welt von Menschen porträtieren kann, die von Armut und Krankheit, Alter und Einsamkeit gezeichnet sind und sich daher nicht ohne Weiteres freudig dem Auge der Kamera stellen: Mal bildet Jókay die Porträtierten von hinten ab, mal zeigt er nur ihre Wohnräume, mal Ikonen ihrer eigenen Erinnerung: ein Hochzeitsfoto, ein Gesangbuch, einen Kalender. Die dazugestellten Texte eröffnen Deutungsräume und steuern die Bildwahrnehmung, ohne sie komplett zu überlagern. „Da scheint eine Intensität der Begegnung auf, die emotional sehr berührt“, sagt Inka Schube, die Fotografie-Kuratorin des Sprengel Museums, das dem 1960 in Deutschland geborenen Sohn aus Ungarn stammender Eltern seit 2004 schon die zweite Einzelausstellung widmet.

Und wie hält man die Emotionalität dieser Bilder aus? Dass die Begleittexte durchweg in englischer Sprache sind, ist weder Marotte noch bloßes Zugeständnis an die Internationalisierung der Fotokunst. Die Fremdsprache schafft lakonische Distanz zum emotionalen Gehalt, und diese Bild-Text-Kombination schützt vor bloßem Sentiment, das Kunst in Kitsch kippen lassen könnte. „Fotografiert zu werden ist eine sehr zwiespältige Erfahrung“, weiß Jókay. „Es kann heißen, begafft zu werden, es kann aber auch bedeuten, Aufmerksamkeit zu erlangen.“ Statt mit Scham könne man der Neugier dann auch mit Freude begegnen. Und die Neugier könne mehr sein als bloße Schaulust. „Ich hoffe, dass die Betrachter sich in den Bildern auch selbst wiederfinden, dass sie zu einer Reflexion eigener Erfahrungen führen.“

Bei ihm selbst hat dieser Prozess zweifellos stattgefunden. Jókay legt hier zwar Konzeptkunst vor, aber er ist dabei nicht mit einem vorgefassten Konzept vorgegangen. Die Ausstellung ist eine Auswahl aus einem Vielfachen an Bildmaterial, und auch die langen Erfahrungen mit den Porträtierten fließen in die Bildkomposition ein. „Ich entwickele mich, und das Projekt entwickelt sich“, sagt der Fotograf. „Meine große Hoffnung ist, dass ich dazulerne.“

„Mrs. Raab wants to go home“, 4. Dezember 2013 bis 16. März 2014. Eröffnung heute um 18.30 nach einem Künstlergespräch mit Zoltán Jókay unter dem Motto „Das Ich im anderen“. Sprengel Museum Hannover, Kurt-Schwitters-Platz.

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