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Kultur Zum Mainstream gehören immer nur die anderen
Nachrichten Kultur Zum Mainstream gehören immer nur die anderen
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19:45 12.10.2011
Mediengesellschaften geben sich tierisch aufgeregt: Das schwarze Kampfschaf ist ein beliebtes Rollenmodell in menschlichen Herden. Quelle: dpa
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Zivilcourage! Kaum ein Wert hat in unserer Gesellschaft ein vergleichbar hohes Renommee. Sie gehört als moralische Preziose zu den rhetorischen Standards staatstragender Sonntagsreden. Ihre Bedeutung verdankt sie nicht zuletzt der moralischen Verurteilung des „Mitläufers“, ohne den die Terrormaschine des nationalsozialistischen Regimes nicht so reibungslos funktioniert hätte. Die Zivilcourage wird deshalb in der deutschen Nachkriegsdemokratie gleichsam zur ersten Bürgerpflicht erhoben.

So weit das Grundsätzliche. Jenseits der politischen Sonntagsrede gibt es allerdings noch den politischen Alltag. Und da darf dann jemand, der in einer politisch brisanten Frage von der Partei- oder Fraktionslinie abweicht, nicht auf moralische Adelung, ja, noch nicht einmal auf Achtung hoffen. Im Gegenteil, wie zuletzt die Reaktion auf das abweichende Votum des CDU-Abgeordneten Bosbach zum Euro-Rettungsschirm zeigte. Solche Widersprüche von Norm und praktischem Verhalten begleiten jede Moral, die nicht ganz anspruchslos ist.

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Wer hierzulande in den Kulturbetrieb integriert ist, darf nicht nur, er muss das Rollenfach des „Störenfrieds“ besetzen und sich möglichst „unbequem“ geben. Die Standards einer „gesellschaftskritischen“ Position, die sich seit den Achtundsechzigern durchgesetzt hat, gehören zu den schon häufig kritisierten und ironisierten Routinen des umtriebigen Kunst- und Kulturbetriebs – es hat sich längst eine Art offizieller Nonkonformismus etabliert.

Seinen Nimbus verdankt er einer nostalgischen Erinnerung an seine heroische Frühphase, als er noch gegen mächtige Gegner in Politik und Kultur kämpfen und gesellschaftliche Verkrustungen aufbrechen musste. Aber inzwischen ist er selber „Mainstream“ geworden – was aber noch lange nicht gegen ihn spricht.

Denn „nonkonformistisch“ zu sein sagt über die Richtigkeit oder Vernünftigkeit einer Meinung oder einer Denkhaltung nichts aus. Sie kann sehr wohl blödsinnig sein wie die aller Fanatiker, die nicht nur dem Denken oder der Logik Gewalt antun. Insofern ist ein rechtsextremer Altachtundsechziger wie Horst Mahler in seinem Wahn ein Nonkonformist: Er vertritt nicht nur – wie in einer früheren Lebensphase als linker Terrorist – „eine kleine radikale Minderheit“, sondern geht mit seinen Hasstiraden ein beträchtliches ­Risiko ein und beweist damit auch den so häufig geforderten Mut.

Letzterer gehört natürlich zu den Haupteigenschaften eines echten Nonkonformisten – und zu messen ist er nicht an den Inhalten der vertretenen Meinungen und Positionen, sondern allenfalls an dem Risiko, das der eingeht, der sie äußert. Es gehört zu den Vorzügen des neuen „Merkur“-Sonderheftes „Sag die Wahrheit! Warum jeder ein Nonkonformist sein will, aber nur wenige es sind“ (Klett-Cotta, 21,90 Euro), dass es überwiegend diese inhaltlich unbestimmte Definition bevorzugt und für das Heer der talkshowkompatiblen „Querdenker“ und „Tabubrecher“ nur Verachtung bekundet.

Die Herausgeber Karl Heinz Bohrer und Kurt Scheel meinen mit ihrem Titel „Sag die Wahrheit“ nicht, dass mit dieser Aufforderung tatsächlich die Wahrheit garantiert ist. Die Aufforderung „will auf einen existenziellen Nonkonformismus hinaus, der das Risiko des Aussprechens als Verpflichtung nimmt, nicht als Warnung“.

In den vielen gelehrten Beiträgen wird dem Thema in allen Bereichen der Kunst, Literatur, des Universitätslebens oder des Sozialverhaltens nachgegangen, allenthalben werden Spuren eines „echten“ Nonkonformismus gesucht – ob nun bei Dandys, Exzentrikern oder osteuropäischen Dissidenten, die tatsächlich hohe Risiken eingegangen waren, als sie einem kommunistischen Polizeistaat Widerstand geleistet hatten.

Allerdings findet sich unter den Beiträgen auch ein Beispiel, das die ganze Albernheit der hierzulande beliebten Selbstheroisierung zeigt. Mit großem Aufwand an polemischer Rhetorik hält der Soziologe Norbert Bolz eine Laudatio auf den Reaktionär als zeitgemäßen Nonkonformisten. Denn der muss seine Wahrheiten – den Zweifel an der Klimaveränderung oder die Merkwürdigkeiten des Radikalfeminismus – gegen eine übermächtige Phalanx der Political Correctness behaupten.
Solche Selbststilisierungen als mutiger Kämpfer gegen den „Mainstream“ gehören nun mal zu den modisch-konservativen Allgemeinplätzen, die schon seit Jahren im Chor aufgesagt werden und (nicht nur) im Springer Verlag erscheinen. Die „politische Korrektheit“ zu bespötteln ist inzwischen Teil des pseudokritischen journalistischen Alltagsschnacks. Peinlicher wird es, wenn sie wie bei Bolz auch noch pathetisch bekämpft wird. Solche Dramatisierungen erinnern fatal daran, wie im linken Milieu bis in die Achtziger und Neunziger Jagd auf tote Bestien gemacht wurde und der jederzeit bedrohlich aufkommende Faschismus bekämpft wurde.

Der ehemalige Linke Bolz, der vielen Linken zu Recht die nonkonformistische Pose vorwirft, bestimmt also seinerseits den Nonkonformismus inhaltlich, indem er – wenig originell – die traditionellen Ressentiments aufbietet, die klassische Reaktionäre schon immer der „Massendemokratie“ gegenüber hegen. Diese mit historischer Patina überzogenen Positionen sind nur dann nonkonformistisch, wenn eben alle Minderheitspositionen automatisch „nonkonformistisch“ sind.
Die These, dass die „Emanzipation der Vernunft“ uns der öffentlichen Meinung versklavt habe und der moderne Konformismus des Denkens eine Nebenwirkung der Aufklärung sei, ist trotz ihres gegen-aufklärerischen Pathos trivial und entspricht der ganz banalen Beobachtung, dass Menschen sich in Gruppen normalerweise anpassen und Opportunismus seit je die Regel und nicht die Ausnahme ist.

Und woher kommt nur die Empörung, mit der Bolz dem „Linkskonformismus“ vorwirft, dass er bestimmte Auffassungen als „reaktionär“ beschimpft, wenn er doch reaktionäre Positionen für legitim hält? Wirft er seinen Gegnern damit vor, dass sie sich wie Gegner verhalten und seine Position bekämpfen? Ohne Kampf­situation kann er doch den Mut nicht beweisen, der zur Ausstattung eines Nonkonformisten gehört.

Es ist diese von Weinerlichkeit durchtränkte Aggressivität, die unseren Debatten die typisch-hysterische Note verleiht. Das passt zu einer politischen Kultur, die sich – das gilt nun für Rechte wie für Linke – statt durch eine unpathetische Streitlust durch eine Selbstheroisierung der Jammerlappen auszeichnet.

All die Tabubrecher- und Außenseiterdarsteller hoffen, dass es sich noch nicht herumgesprochen hat, wie es sich in einer postheroischen Gesellschaft, in der Individualismus eine Massenerscheinung ist, verhält: Der Ort, wo sich das Außenseitertum präsentiert, ist kein Feld der Ehre, sondern eine Marktnische.

Karl-Ludwig Baader

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