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Kultur Zuviel des Guten bei Günter Wallraff
Nachrichten Kultur Zuviel des Guten bei Günter Wallraff
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17:41 22.10.2009
Deutschlands Undercover-Legende Günter Wallraff erkundet als Somalier "Kwami Ogonno" den deutschen Alltagsrassismus. Quelle: X-Verleih
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Der Mann steht in einem gelben Rapsfeld, er trägt ein buntes Hemd und eine imposante Afrofrisur, er hat schwarze Haut, heißt Kwami Ogonno und kommt aus Somalia. Sagt er. Ein bisschen verloren und verträumt wirkt er, als suche er in diesem deutschen Rapsfeld das Glück. Tut er aber nicht. In Wahrheit heißt der Mann Günter Wallraff. Und Wallraff sucht nicht das Glück. Er ist im Dienst.

Wallraffs Lebensaufgabe ist es, nicht er selbst zu sein, in fremde Rollen zu schlüpfen, fremde Leben zu leben und darüber zu berichten. Damit ist er berühmt geworden. „Man muss sich verkleiden, um die Gesellschaft zu demaskieren“, hat er mal geschrieben. Sein Rezept heißt seit 40 Jahren: Erkenntnis durch Erleiden, das hat den 67-Jährigen zur Marke gemacht. Seit den sechziger Jahren ist Wallraff das Ein-Mann-Gewissensprüfungsinstitut der Bundesrepublik Deutschland.

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Wallraff hat in seinen frühen Industriereportagen das Elend der Malocher geschildert, hat als falscher Reporter „Hans Esser“ in Hannover die „Bild“-Zeitung blamiert, schuftete als türkischer Leiharbeiter Ali Levent Sinirlioglu für seinen Weltbestseller „Ganz unten“ an den Hochöfen von Thyssen.

Dann kam die Pause. Zwanzig Jahre lang hatte er sich nach „Ganz unten“ zurückgezogen, kämpfte mit einer schweren Rückenkrankheit und mit – nie erhärteten – Stasi-Vorwürfen, bis ihn das „Zeit-Magazin“ im Mai 2007 aus seiner Einsiedelei herauslockte. Jetzt sitzt er wieder in den Talkshows: In diesen Tagen ist sein neues Buch erschienen, es ist sein achtunddreißigstes, und es heißt „Aus der schönen, neuen Welt“, eine Sammlung von acht Reportagen: Wallraff vertickte System-Lottoscheine in einem Kölner Callcenter, buk als Billiglöhner Billigbrötchen für Lidl, mischte sich unter Obdachlose und wanderte als Kwami Ogonno durch deutsche Fußgängerzonen. Als arbeitsloser „Somalier“ dokumentierte er per Minimikrofon und Kamera im Knopfloch den „Alltagsrassismus“. Der Dokumentarfilm „Schwarz auf weiß“ ist in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen. Darin erlebt „Ogonno“ genau das, was man leider erwarten musste: Menschen pöbeln ihn als „Neger“ an, weichen ihm aus, werfen ihn aus Kneipen. Eine Vermieterin verweigert ihm eine Wohnung und ist bass erstaunt: „Der war so schwarz wie der Heidi Klum ihrer!“

Wallraffs Methode war einst stilprägend. In schwedischen Wörterbüchern ist von „wallraffa“ die Rede, wenn es um Undercover-Reportagen geht. Dennoch beschleicht einen diesmal ein ungutes Gefühl. Allzu karnevalesk ist die Ogonno-Maskerade geraten. Allzu klischeehaft tritt Wallraff auf: die Afroperücke, das scheußliche Hemd, Plastiktüte, braune Kontaktlinsen, absichtlich schlechtes Deutsch, nachtschwarze Schminke, wasserfest aufgesprüht von einer Pariser Make-up-Spezialistin. Provoziert so viel Klischee noch authentische Reaktionen? Da könnte man auch ein Westmädchen im Bikini durch Kabul laufen lassen. Der „Spiegel“ ertappte sich bei dem „zynischen Gedankenspiel, ob ein feiner Anzug, Obama-Haarschnitt und eine Brille vielleicht geholfen hätten“. Und tatsächlich: Welcher dunkelhäutige Bewohner dieses Landes sieht so aus wie Kwami Ogonno? Man muss sich fragen, ob die berühmte „Wallraff-Methode“ diesem Thema angemessen ist.

Es ist nicht schön, dass deutsche Kleingärtner und Kneipengänger rassistisch auf einen „Somalier“ reagieren. Überraschend aber ist es nicht. Den selbst erklärten Anspruch, einen authentischen Einblick in eine bisher verschlossene Welt zu liefern, erfüllt Wallraffs Undercover-Einsatz diesmal nicht. Das sagen auch afrodeutsche Kinogänger. Wallraff lasse die Betroffenen nicht zu Wort kommen, ignoriere die jahrzehntelange Auseinandersetzung der schwarzen Deutschen selbst mit ihrer Situation, erlebe lieber selbst. „Wir finden die Haltung hinter Herrn Wallraffs Film sehr problematisch“, sagt Tahir Della von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland „Wie so oft spricht jemand für statt mit uns Schwarzen. Auch wenn wir uns freuen, wenn Rassismus thematisiert wird: Das tun schwarze Gruppen seit 25 Jahren.“

Wallraff kann etwas Verbissenes haben als deutscher Chefmoralist. Sein Problem: Die Taktik seiner Gegner hat sich gewandelt. Der Springer-Konzern hat den Mann, der bei „BildHans Esser war, einst mit aller publizistischer Härte verfolgt. Heute ignoriert man ihn einfach. Vielleicht muss er deshalb die Dosis erhöhen. Wie bitter muss es sein für einen Kämpfer wie Wallraff, der im juristischen Klein-Klein erst die eigentliche Kärrnerarbeit sieht, wenn sogar „Bild“-Kolumnist Franz Josef Wagner ihn für einen „tollen Coup“ lobt? Lob von Wagner, den er selbst einst beschimpft hatte („Da rülpst und deliriert einer, als läge er unterm Stammtisch“). Das ist die Höchststrafe. Umso kämpferischer und provokativer tritt Wallraff inzwischen auf: „Verklagen Sie mich doch!“, forderte er im ZDF fast flehend. Er weiß natürlich, dass seine Gegner gelernt haben: Ein Prozess schafft nur unnötigen Wirbel. Das gefällt ihm nicht, wenn er keinen klaren Gegner hat, nur das „System“.

Man lächelt heute schnell über Wallraff, den Kümmerer, für den die Welt aus denen ganz oben und denen ganz unten besteht, den Guten und den Bösen. „Wenn ich ein Unrecht einfach hinnehme, mache ich mich mitschuldig“, sagt er. Ein „Fossil“, nannte ihn ein junger Journalist im NDR-Medienmagazin „Zapp“. Es war positiv gemeint. Ohne Wallraff wären der Welt „die da unten“ noch ein bisschen egaler, als sie es ohnehin schon sind. Das ist sein Verdienst, und es verdient Respekt.

Wäre da bloß nicht diese Perücke.

Das Buch: Günter Wallraff: „Aus der schönen neuen Welt – Expeditionen ins Landesinnere“, Kiepenheuer & Witsch, 208 Seiten, ISBN 3462040499, 13,95 Euro

Der Film: „Schwarz auf weiß – Eine Reise durch Deutschland“ von Pagonis Pagonakis und Susanne Jäger. Seit Donnerstag im Kino. In Hannover bisher nicht zu sehen.

von Imre Grimm

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