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00:15 30.08.2013
Von Daniel Alexander Schacht
Mehr als 300 Juden ermöglichte Laemmle die Flucht aus Deutschland. Quelle: Königshaus& Neumann
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„Mehr habe ich noch nie für einen Nickel bekommen“, soll der Mann beim Verlassen des schummrigen Ladens ausgerufen - und begeistert hinzugefügt haben: „Dieses Business hat unglaubliche Möglichkeiten.“ Drinnen wollen Zeugen zuvor gehört haben, wie er erst „Wot is dot?“ und dann „Dot is wonderful!“ sagte. Sicher ist nur: Der Ort dieser Szene war Chicago, die Zeit das Jahr 1906, und der Laden war ein Nickelodeon. Also eine der damals quer durch die USA sprießenden Vergnügungsstätten, die erstmals massenwirksam Filme zeigten. Und das für fünf US-Cents, eben einen Nickel.

Die erste Filmstadt der Welt

Die Begegnung mit den bewegten Bildern hat den Mann mit dem deutschen Akzent selbst bewegt. Und das so sehr, dass er umsattelte: Statt wie bisher Kleider begann er Träume zu verkaufen - wie viele der kleinen Filmproduzenten damals zunächst noch in New York. Doch Carl Laemmle (1867-1939) war visionärer und entschlusskräftiger als viele andere: Die Not eines aussichtslos scheinenden Kampfes gegen das damalige Filmtechnikmonopol von Thomas Alva Edison wusste er in einen Vorteil zu verwandeln - auch durch ein Ausweichen nach Kalifornien. Dort errichtete er bei Los Angeles die erste Filmstadt der Welt.

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Verblichen schien jahrzehntelang die Erinnerung an diesen Pionier des Studiosystems und der internationalen Filmproduktion, der in den zwanziger Jahren in Berlin noch die „Deutsche Universal“ gründete. Jetzt sind gleichzeitig zwei Bücher über ihn erschienen, die erstmals ausführlich Laemmles Leben dokumentieren. Beide haben die Eröffnung der Filmstadt „Universal City“ vor genau 100 Jahren zum Anlass, beide erheben filmwissenschaftlichen Anspruch. Der wird im einen Fall exzellent, im anderen nicht ganz eingelöst.

Udo Bayer nennt sein Buch eine „transatlantische Biografie“. Tatsächlich war Laemmle fast Jahr für Jahr auf beiden Kontinenten unterwegs. Als „Carl Laemmle, der Mann, der Hollywood erfand“, präsentiert ihn Cristina Stanca-Mustea - ein wenig reißerisch und nicht ganz richtig. Tatsächlich prangte der Schriftzug „Hollywoodland“ erst 1923 in den Santa Monica Mountains oberhalb von Los Angeles. Da existierte Laemmles Filmstadt schon zehn Jahre. Und tatsächlich gab es da bereits zuvor einige Filmstudios. Aber Universal war dort eben nicht nur das größte, sondern auch das erste Studio, das aus einer ganzen Filmstadt bestand. Und es ist als einziges seither Filmproduktionsstätte und Vergnügungspark zugleich.

Seit August 1913, als das Studio als „Universal City“ für Schaulustige geöffnet wurde, gelingt dieser Spagat. Und Laemmle war gleich so erfolgreich, dass er bald per Zeitungsanzeige neue Flächen suchte: „Welche Stadt will das größte Filmunternehmen der Welt bei sich haben?“, stand in der Annonce, die mit einer Million Dollar Jahresumsatz und Jobs für Tausende warb. „Wir sind das größte Filmunternehmen der Welt. Wir sind reich. Und wir geben gern Geld aus.“

Zwei Bücher, ein Thema

Beide Autoren zeichnen die Stufen dieses Erfolges nach: Sie lassen das von Laemmle initiierte Starsystem Revue passieren, mit dem er Schauspieler zu Markenartikeln machte. Und sie beschreiben den Zielkonflikt zwischen Massenware und anspruchsvolleren Spielfilmen. Universal bot beides: Dracula- und Frankenstein-Filme in Serie, aber auch Literaturverfilmungen wie „20.000 Meilen unter dem Meer“ (1916) oder „Der Glöckner von Notre Dame“ (1923).

Im Zentrum beider Bücher steht aber die Persönlichkeit Carl Laemmles. Der ist im schwäbischen Laupheim aufgewachsen, als zehntes Kind einer jüdischen Kaufmannsfamilie. Da lernte er, die Chancen der württembergischen Judenemanzipation zu nutzen, mit viel Fleiß, Geschäftssinn und - nicht zuletzt geistiger - Mobilität. Die schlug sich auch im Namen „Universal“ nieder. Der stand zunächst für den Zusammenschluss mehrerer kleiner Filmproduzenten, markierte zudem aber den Anspruch, Filme aus einem universalistischen Geist heraus zu entwickeln. Und das nicht nur aus weltbürgerlichem Humanismus, sondern auch, weil im multiethnischen Einwandererland USA ebenso wie in Europa universalistische Botschaften leicht ein großes Publikum fanden.

Die Grenzen der Weltbürgerlichkeit erlebte Laemmle während des Ersten Weltkriegs. Aus Loyalität gegenüber seiner neuen Heimat Amerika drehte der Mann, der Jahr für Jahr seinen Geburtsort Laupheim besuchte und dabei meist reich beschenkte, Propagandafilme gegen Wilhelminismus und Militarismus, was ihm hierzulande pauschal als Deutschfeindlichkeit angekreidet wurde. Dass er 1929 auch Erich Maria Remarques Antikriegsklassiker „Im Westen nichts Neues“ produzierte, hat ihn bei Nationalisten erneut als „antideutsch“ verdächtig gemacht.

US-Patriot mit deutscher Heimat

Vielleicht geriet Laemmle gerade deshalb lange Zeit in Vergessenheit, weil er zugleich US-Patriot und seiner deutschen Heimat verbunden war. Er pflegte damit eine transatlantische Identität zu einer Zeit, da alle Welt dem Nationalismus frönte. Den einen war er dadurch als Amerikaner, den anderen als Deutschstämmiger verdächtig.

Dass er vor allem Humanist war, zeigen seine letzten Lebensjahre, in denen er sich mit privaten Bitten, öffentlichen Appellen und viel Geld für die Rettung von Juden aus Deutschland einsetzt. Das war alles andere als selbstverständlich, denn auch in Hollywood ging man mit seiner jüdischen Herkunft nicht hausieren. Dabei hatten nicht nur Schauspieler wie die Marx Brothers, sondern auch Studiobosse wie Adolph Zukor, Samuel Goldwyn, Harry Warner oder Louis B. Mayer jüdische Wurzeln.

Aber nur Carl Laemmle ist bei Freunden und Bekannten mit einer ganzen Liste von zu rettenden Juden herumgezogen. „Ich habe 150 Menschen versprochen, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um Sponsoren für sie zu finden“, schreibt Laemmle 1938, wenige Monate vor seinem Tod. Da hatte er schon für so viele Juden gebürgt, dass die US-Regierung ihm nicht mehr zutraute, für weitere finanziell geradestehen zu können. Lange vor der berühmten Liste Oskar Schindlers gab es also Laemmles Liste zur Rettung bedrängter Juden. Am Ende hat er mehr als 300 Juden die Flucht aus Deutschland ermöglicht.

Dieses Engagement schildern beide Autoren. Aber nur Udo Meyer geht auch der „Geschichte hinter der Geschichte“ nach - der Frage, wieso Laemmles Engagement so lange unbeachtet geblieben ist. In den USA gibt es seit 1960 einen Stern für Laemmle auf dem „Walk of Fame“. In seinem Geburtsort Laupheim wurde er noch 1982 als „jüdischer Spieler“ diffamiert. Heute sind dort eine Straße, eine Schule und ein Brunnen nach ihm benannt. So lange dauerte es, bis dieser Transatlantiker, dem man 1933 die Ehrenbürgerwürde entzogen hatte, wenigstens mental wieder eingebürgert war.

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