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Kultur Zwei Entdeckungen im hannoverschen Wilhelm-Busch-Museum
Nachrichten Kultur Zwei Entdeckungen im hannoverschen Wilhelm-Busch-Museum
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10:03 21.05.2011
Von Karl-Ludwig Baader
Das Wilhelm-Busch-Museum zeigt Werke von Heinrich Kley, unter anderem "Die Belastungsprobe". Quelle: Pressefoto
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Heinrich Kley – auch vielen, die sich unter den deutschen Meistern der spitzen Feder auskennen, dürfte der Name bis vor Kurzem nicht viel gesagt haben. Von einer Neuentdeckung schrieben denn auch einige Zeitungen, als die Ausstellung „Heinrich Kley. 1863–1945. Meister der Zeichenfeder im Kontext der Zeit“ bis Anfang Mai in der Münchener Villa Stuck gezeigt wurde. Das Deutsche Museum für Karikatur und Zeichenkunst Wilhelm Busch in Hannover hat sie übernommen und zeigt sie bis zum 21. August zusammen mit der Schau „Heile Welt – Künstler der Meggendorfer Blätter und der Fliegenden Blätter“.

Um den Rang von Kley deutlich zu machen, hängen in der von Alexander Kunkel kuratierten Ausstellung die Werke des in Karlsruhe geborenen Künstlers neben thematisch und stilistisch ähnlichen Arbeiten von Olaf Gulbransson, Eduard Thöny oder Max Klinger. Und dabei muss Kley den direkten Vergleich nicht scheuen. Begonnen hatte er als Industriemaler und wurde eher zufällig vom Chef des Münchener Satireblatts „Simplicissimus“ entdeckt.
Mit der Karikatur „Die Belastungsprobe“ von 1912 offenbart sich Kley als ein Zeichner, der seine Karikaturen mit liebevoller Detailtreue auszustatten versteht. Da ächzt der deutsche Michel unter der Belastung des Kirchenkampfes und der militärischen Aufrüstung, die ihm Geistlichkeit und Junker aufgebürdet haben – während sich im Hintergrund eine voluminöse, aber ganz zart gezeichnete Germania an den Kopf fasst.

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Kleys stilistische Vielfalt bezeugen seine erotischen Szenen genauso wie jene Zeichnungen, die Motive aus der Antike verarbeiten und die es mit Werken von Franz von Stuck oder Max Klinger aufnehmen können – was man in dieser Ausstellung im direkten Vergleich der Motive nachprüfen kann. Kley verstand sich auf dämonische Sujets wie auf fabelhaft-witzige Mensch-Tier-Vergleiche. Sein Faible für Tanz und Bewegung, mit dem er die Grazie der Elefanten entdeckte, erregte das Interesse von Walt Disney, der auf Alben mit Kleys Zeichnungen gestoßen war. Einige von ihnen wurden Vorlagen für den berühmten Zeichentrickfilm „Fantasia“ von 1940. Aus dem Disney-Archiv sind einige Gipsfiguren von grazil tanzenden Elefanten und Nilpferden zu sehen, die nach Zeichnungen von Kley modelliert wurden und ihrerseits als Vorbilder für Disneys Zeichner dienten.

Eine andere Entdeckung ist ein Stockwerk höher zu besichtigen: die Illustrationen der „Meggendorfer Blätter“, die seit 1889 als wöchentliches Witzblatt erschienen und sich 1928 mit den bis heute wesentlich berühmteren „Fliegenden Blättern“ vereinigten. Die 140 Exponate sind Zeugnisse eines zutiefst bürgerlich-biederen, etwas behäbig selbstzufriedenen Humors, dessen Adressat eine wohlhabende Mittelschicht war, die sich nicht mit den trostlosen Aspekten ihrer Zeit belasten wollte.

Würde in der chronologisch angelegten Schau nicht mit wenigen Stichworten auf die Zeitumstände wie Krieg oder Infla­tion hingewiesen, könnte man die Zeichnungen allenfalls anhand der Kleidung der gutbürgerlichen Witzfiguren zeitlich einordnen. Dabei wirken manche Zeichnungen aus den dreißiger und vierziger Jahren elegant, in der schnittigen Form urbaner Reklamekunst. Desillusionierend sind allerdings viele der Beschriftungen, die dann doch einen überwiegend harmlosen bis bräsigen Schwiegermutterwitz entfalten. Merkwürdigerweise finden sich in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft kaum antisemitische Motive, wie Museumschef Hans Joachim Neyer betont. „Man“ wollte damit wohl nicht viel zu tun haben. Welcher historische Zusammenhang gleichwohl bestand, zeigen die antisemitischen Witzzeichnungen, die vor dem Ersten Weltkrieg in hämischer, aber noch nicht mörderischer Absicht die gängigen Klischees von reichen, verdächtig geschickten Juden bedienten. Und dabei auch optisch auf die antisemitischen Stereotypen zurückgriffen. Die von der hannoverschen Galerie Bauer ausgeliehenen Blätter können nach der Ausstellung von Interessierten erworben werden.

Die beiden Ausstellungen im hannoverschen Deutschen Museum für Karikatur und Zeichenkunst Wilhelm Busch, Georgengarten, werden vom 22. Mai bis zum 21. August gezeigt. Geöffnet sind sie dienstags bis sonntags und an Feiertagen 11 bis 18 Uhr. Der Eintritt beträgt 10 Euro für die Familienkarte, 4,50 Euro für die Einzelkarte, ermäßigt 2,50 Euro. Der Katalog zu Heinrich Kley kostet 19,90 Euro.

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