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16:09 06.02.2019
Die Eröffnungsrede hielt der Volksbeauftragte Friedrich Ebert: Am 6. Februar 1919 trat die Verfassungsgebende Deutsche Nationalversammlung erstmals in Weimar zusammen – sie schuf ein demokratisches Deutschland. Quelle: dpa
Weimar

Das beschauliche Städtchen glich einem Heerlager. Tausende Soldaten patrouillierten durch die Straßen von Weimar, ein Ring aus Geschützen und Maschinengewehrstellungen umzog die Stadt. Militärs bewachten auch das Nationaltheater, in dem vor 100 Jahren die verfassungsgebende deutsche Nationalversammlung zusammen kam. Es hat eine unfreiwillige Symbolik: Deutschlands erste liberale, moderne Verfassung entstand ausgerechnet auf einer Art Insel, die militärisch abgeriegelt werden musste.

Weimar war zum Sitz der Nationalversammlung gekürt geworden, weil es in Berlin zu unsicher war; in der Stadt tobten wenige Wochen nach dem Ende des Ersten Weltkriegs erbitterte Kämpfe. Außerdem hegten süddeutsche Politiker Vorbehalte gegen einen Tagungsort in Preußen - und beim zentral in Thüringen gelegenen Weimar konnte sich die junge Republik gleich noch ein wenig weihevollen Dichter-und-Denker-Glanz aus der deutschen Vergangenheit borgen. Nach dem Zusammenbruch der maroden Monarchie hoben die rund 400 Väter und 40 Mütter der Weimarer Reichsverfassung dort also etwas aus der Taufe, das es bis dato nicht gegeben hatte.

Frauen durften endlich wählen

Die erste demokratische Verfassung, die sie am 31. Juli 1919 beschlossen, hätte Deutschland den Weg in den Kreis der westlichen Demokratien ebnen können; sie war schließlich mit Blick auf Vorbilder in den USA und Frankreich entstanden. In der vom Geist der Aufklärung durchwehten Verfassung gab es liberale Grundrechte, das Volk war der Souverän, das Frauenwahlrecht wurde endlich festgeschrieben und ein Recht auf gewerkschaftliches Engagement verbrieft. Das Regelwerk sei „die damals modernste Verfassung der Welt“ gewesen, urteilt Michael Dreyer, Politikwissenschaftler der Uni Jena.

Trotzdem wird die Weimarer Republik heute oft nur von ihrem Ende her gedacht. Im Geschichtsunterricht taucht Weimar meist nur als unheilvolles Präludium zum NS-Staat auf. Weimar - das ist die Republik, die ihren eigenen Untergang nicht verhindern konnte. In den Jahren nach 1919 putschten rechte Militärs, es gab Krawalle von Linken, politische Morde erschütterten das Land. Dazu kamen eine heute geradezu grotesk anmutende Inflation, die Hypothek des verlorenen Krieges und eine Wirtschaftskrise, die Millionen Menschen ins Elend stürzte. In blutigen Straßenschlachten zwischen Kommunisten und Nazis blieb die Demokratie vollends auf der Strecke, und am Ende übernahm Hitler die Macht.

War also die Verfassung gut, doch die Zeiten waren schlecht? Oder war die Verfassung eben doch nicht so gut, dass sie auch schlechten Zeiten hätte trotzen können? Drei Jahrzehnte und einen Weltkrieg später, als die Väter und Mütter des Grundgesetzes die Menschenwürde zur obersten Maxime erklärten, zogen sie ihre Lehren aus Weimar. Sie führten beispielsweise das konstruktive Misstrauensvotum ein: Ein Kanzler kann heute nur gestürzt werden, wenn zugleich ein neuer gewählt wird. Die Weimarer Verfassung hatte zudem eine Zersplitterung der Parteienlandschaft begünstigt, und ein kaisergleicher Reichspräsident konnte mit Notverordnungen am Parlament vorbei regieren – lauter juristische Fallstricke, die halfen, die Demokratie zu Fall zu bringen.

„Republik ohne Republikaner“

Vor allem aber war die Verfassung von Weimar ihrer Zeit wohl voraus. Zu Recht hat man Weimar eine „Republik ohne Republikaner“ genannt. Statt Zivilcourage herrschte vielerorts ein militärisch geprägtes Obrigkeitsdenken. Ein Befehl galt mehr als eine Debatte. Kompromissfähigkeit galt vielen nicht als demokratisches Ideal, sondern als Verrat an der eigenen Sache. Und die Verhältnisse waren nicht so, dass sie aus guten Untertanen gute Demokraten gemacht hätten.

Der hannoversche Sozialphilosoph Oskar Negt hat an dieser Stelle einen Geburtsfehler der Weimarer Republik ausgemacht. „Die Arbeitsgesellschaft fußte auf kapitalistischen Maximen“, sagt er. Einen Sozialstaat wie später in der Bonner Republik gab es nicht; unter den Bedingungen von Wirtschaftskrise und Massenelend konnte die junge Demokratie nicht gedeihen. „Die Bevölkerung kann nur demokratisch sein, wenn sie angstfrei ist“, sagt Negt. In Weimar jedoch prägte nackte Existenznot das Leben vieler Menschen: „Angstfreiheit gab es dort nicht.“

Oskar Negt warnt dabei vor der gern wiederholten Behauptung, dass Geschichte sich nicht wiederhole. Natürlich gibt es heute kein Elendsheer von Millionen Arbeitslosen. Doch im Denken vieler Menschen spiele die Identitätsfrage heute eine ähnlich verunsichernde Rolle wie die wirtschaftliche Not in der Weimarer Zeit. „Es gibt die Angst vor dem Verlust der eigenen Identität“, sagt Negt. Wer sind wir? Wer gehört zu uns? In Zeiten von globaler Migration und neuem Nationalismus ist da einmal mehr die Aufklärung gefragt. Denn dass Angst und Demokratie sich nicht gut vertragen, ist auch eine Lehre aus Weimar.

Von Simon Benne

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