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00:15 26.09.2018
Werden in der Marktkirche begeistert gefeiert: Der Hannoversche Oratorienchor. Quelle: Samantha Franson
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Hannover

Manchmal erschließt sich der Sinn einer Sache eben doch erst auf den zweiten Blick. Ein ohnehin langes Oratorium von Händel, und dazu noch Lesungen? Zum Thema religiöser und politischer Fanatismus? Als ob ein Publikum, das sich freiwillig drei Stunden lang in die Marktkirche setzt und Händels „Deborah“ anhört, davon betroffen wäre!

Interessanter neuer Denkansatz

Irgendwo zwischen den Zeilen aus Amos Oz‘ „Liebe Fanatiker“ aber wird klar, dass diese Verbindung von Literatur und Musik ein interessanter neuer Denkansatz ist. Denn wenn wir im Alten Testament lesen, wie die Israeliten den Feind – in diesem Falle die Baalsanbeter um Sisera – vernichtend schlagen, dann ist es für uns selbstverständlich, dass dabei Gut gegen Böse gesiegt hat.

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Auch Händel muss das so empfunden haben, und es wird besonders deutlich am Beginn des dritten Aktes: Der Chor besingt hier die Berge von Leichen der Feinde in einem heiter-tänzerischen Dreiertakt. Aber so schwarz-weiß ist es eben nicht. Deborah, die Prophetin und Richterin, war auch eine brutale Kriegstreiberin, die Friedensverhandlungen ablehnt.

Und Jael, die – so will es das Libretto – am Ende als Heldin verehrt wird, hat einen bereits geschlagenen, wehrlosen Menschen im Schlaf umgebracht. Sie beide waren letztendlich nicht weniger fanatisch als die Heiden, unter deren Knechtschaft das Volk Israel stand.

Widersprüchlichkeiten einer Heldengeschichte

Die Widersprüchlichkeiten dieser vermeintlichen Heldengeschichte entlarven auch die musikalischen Einlagesätze zwischen den einzelnen Akten des Oratoriums. Händel selbst verlangte, dass vor dem dritten Akt eine „große militärische Sinfonie“ gespielt würde, stellvertretend für die nicht im Libretto vorkommende Schlacht. Keno Weber hat sich hier unter anderem für zwei der „10 Märsche, um den Sieg zu verfehlen“ von Mauricio Kagel entschieden, die auf ganz eigene Weise das Groteske jeglicher kriegerischer Auseinandersetzung illustrieren.

Satter, ausgewogener Klang

Bei der Auswahl der Solisten bewies der Dirigent ebenfalls Geschick. Die fünf Sängerinnen und Sänger harmonieren nicht nur gut miteinander, sondern auch mit ihren jeweiligen Rollen: Katherine Manley singt die Deborah mit herber, kämpferischer Überzeugungskraft, Anna Nesyba wirkt als Jael zunächst weicher und mädchenhafter, bis auch sie am Ende als vermeintliche Rächerin triumphiert.

Dem Countertenor Christian Rohrbach nimmt man den Jüngling, der – noch kaum erwachsen – in den Krieg ziehen soll, ebenso ab wie Markus Flaig den besorgten Vater. Johannes Strauss komplettiert als gegnerischer Feldherr das stimmlich starke, dramaturgisch überzeugende Quintett.

Ein langes Oratorium von Händel, und dazu noch Lesungen? Das Konzept geht auf. Viel Beifall für den Hannoverschen Oratorienchor mit Händels „Deborah“ in der Marktkirche.

Dem Göttinger Barockorchester merkt man an, dass es in dieser Musik ganz zu Hause ist. Die Musiker spielen präsent und auf den Punkt, ohne sich jedoch in den Vordergrund zu drängen. Sie lassen sowohl dem Chor als auch den Solisten genug Raum zur Entfaltung. Auch der seit 2015 unter der Leitung von Keno Weber stehende Hannoversche Oratorienchor vermag zu überzeugen, vor allem mit seinem satten, ausgewogenen Klang.

Kleine intonatorische Unsicherheiten und rhythmische Ungenauigkeiten bei den zahlreichen Fugen sieht man dem Ensemble angesichts des Kraftaufwands, den ein solches Werk auch für den Chor bedeutet, gern nach. Der begeisterte Applaus im Stehen am Ende dieses denkwürdigen Konzertabends ist absolut verdient.

Von Juliane Moghimi

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