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Kultur „Auf Noten kann man fast nichts mehr geben“
Nachrichten Kultur „Auf Noten kann man fast nichts mehr geben“
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18:49 24.08.2018
„Zeit für eine Flurbereinigung in der Wissenschaftspolitik“: Wilhelm Krull, Generalsekretär der Volkswagenstiftung. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

 Wilhelm Krull, Generalsekretär der Volkswagenstiftung, im HAZ-Interview:

Fragt man die Deutschen nach ihrer Meinung, dann gibt nur gut die Hälfte an, der Wissenschaft noch zu vertrauen. Was läuft denn da falsch?

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Wir beobachten nicht nur in Deutschland, sondern weltweit, wie das Vertrauen in die Expertise der Wissenschaft infrage gestellt wird. Das hat sicher etwas mit dem Erstarken populistischer Bewegungen zu tun, denn anders als die Populisten können Wissenschaftler in vielen Feldern keine einfachen Antworten geben. Es hat aber auch etwas mit der Wissenschaft selbst zu tun. Die Fälschungsskandale etwa haben das Vertrauen in die Verlässlichkeit von Wissenschaft erschüttert.

Oder müssen die Wissenschaftler sich und ihre Arbeit einfach besser und häufiger erklären?

Möglicherweise. Lange Zeit hat sich die Wissenschaft nicht gegenüber der Gesellschaft geöffnet. Bei Debatten, die wir bei der Volkswagenstiftung zu diesem Thema veranstaltet haben, kam immer wieder das Argument, dass dafür doch die Kommunikationsabteilungen der Einrichtungen zuständig seien. Die Wissenschaftler sollten sich auf Forschung und Lehre konzentrieren. Das aber wäre ganz falsch.

Tritt die Volkswagenstiftung da jetzt gegen Kommunikationsabteilungen der Universitäten an?

Sicher nicht. Klar ist, dass sich die Kommunikationsabteilungen enorm ausgeweitet und zum Teil auch in Richtung Marketing entwickelt haben, aber darin sehe ich kein Problem. Uns geht es eher darum, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dazu zu bringen, sich selbst sehr viel stärker in Debatten einzubringen. Wichtig sind Transparenz und Partizipation. Und dazu gehört auch die frühzeitige Einbindung der Öffentlichkeit mit Blick auf das, was in den großen Programmen der EU und des Bundes künftig erforscht werden soll.

Zur Person

Wilhelm Krull ist seit 1996 Generalsekretär der Volkswagenstiftung. Neben seinen beruflichen Tätigkeiten in der Wissenschaftspolitik und Forschungsförderung nahm und nimmt er zahlreiche Funktionen in nationalen, ausländischen und internationalen Gremien wahr. Krull, der 1952 auf dem Bauernhof seiner Eltern im Emsland geboren wurde, studierte Germanistik, Philosophie, Pädagogik, Politikwissenschaft und bekleidete nach einem vierjährigen Aufenthalt in Oxford Spitzenpositionen im deutschen Wissenschaftssystem, unter anderem beim Wissenschaftsrat und der Max-Planck-Gesellschaft. Von 2008 bis 2014 war er Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen.

Als guter Wissenschaftler gilt man heute unter anderem, wenn man viel publiziert. Das geht aber nicht einfach so im Netz – man braucht einen Verlag. Nun zeigt sich, dass in diesem Verfahren auch Betrug getrieben wird. Ist das System gescheitert?

Der Publikationsdruck und der Druck, möglichst viele Drittmittel einzuwerben, haben zu einer erheblichen Betriebsamkeit und Kurzatmigkeit geführt. Wissenschaftler müssen heute immer mehr und immer schneller publizieren. Wer sein Thema nicht in den Spitzenjournalen unterbringen kann, versucht es eben anderswo, und da sind mittlerweile einige recht dubiose Firmen am Werk. So erodiert das Vertrauen in die Wissenschaft noch weiter.

Sie erwähnen die Drittmittel - Geld also, das die Wissenschaftler für ihre Forschung beschaffen müssen. Auch das stärkt ja nicht gerade die Glaubwürdigkeit. Ist das Verfahren der Drittmittelbeschaffung eigentlich noch zeitgemäß?

Wir beobachten eine radikale Verschiebung bei den Drittmitteln. Mitte der Neunziger Jahren kamen auf einen Euro an Drittmitteln noch zwei Euro an Grundausstattung für die Forschung. Mittlerweile hat sich das Verhältnis mehr als umgekehrt. Das führt auch zu dieser erhöhten Betriebstemperatur und dem enormen Konformitätsdruck, den wir allenthalben wahrnehmen – und übrigens auch zu einer größeren Fehleranfälligkeit in der Wissenschaft.

Die Volkswagenstiftung ist ja Teil dieses Systems. Auch sie vergibt Drittmittel. Was unternehmen Sie, damit die Betriebstemperatur nicht noch weiter steigt?

In den vergangenen Jahren haben wir uns von der projektbezogenen Fördertätigkeit zu eher personenorientierten Förderverfahren entwickelt. Und auch die Förderfristen sind länger geworden. Heute arbeiten wir mit Förderzeiträumen von fünf bis acht Jahren. Früher waren es zwei bis drei Jahre. Wir wollen eine größere Vertrauensbasis für diejenigen schaffen, die wir fördern. Gleichzeitig wollen wir uns aber die Risikobereitschaft erhalten, auch ganz neue Dinge auszuprobieren.

Zum Beispiel?

Bei unseren Freigeist-Fellowships etwa laden wir junge Wissenschaftler ein, ihre originellen Ideen in Zwischenfeldern zwischen den etablierten Bereichen auszuprobieren. Solch eine Förderung ist in den kollektiven Großformen der Wissenschaftsförderung sonst kaum möglich. Dort hat man nur auf der Basis von bereits gesichertem Wissen – belegt durch eigene Vorarbeiten – eine Chance, einen Antrag erfolgreich durchzubringen.

Wenn man heute mit Handwerksmeistern spricht, klagen die oft über die mangelnde Qualität von jungen Bewerbern. Wie steht es eigentlich um den Nachwuchs in der Wissenschaft? Wird der auch schlechter?

Ach, auch in der Zeit von Wilhelm von Humboldt finden Sie schon Klagen über die Qualität des wissenschaftlichen Nachwuchses. Im Hinblick auf heutige Studienanfänger ist diese Klage aber doch wohl nicht ganz von der Hand zu weisen. Es ist schon so, dass sich in den Schulen die Parameter dessen, was gelehrt wird, verschoben haben. Rechtschreibung und andere Basisfertigkeiten des wissenschaftlichen Arbeitens sind heute deutlich schwächer entwickelt. Aber dafür haben die jungen Wissenschaftler ganz andere Qualitäten. Wir entdecken zuweilen Personen, die unglaubliche Kreativität in die Forschung bringen. Das hat auch mit den neuen Möglichkeiten der Digitalisierung zu tun.

Muss ein junger Professor heute auch Fertigkeiten eines Showmasters mitbringen, um erfolgreich zu sein?

Kommunikative Fähigkeiten spielen in der Lehre natürlich eine große Rolle; wir dürfen niemanden zu einem Lichtenberg-Professor machen, der ein absoluter Nerd ist. Aber „Verkäufermentalität“ allein reicht nicht. Jemand, der nur ein guter Verkäufer ist und sonst nicht viel zu bieten hat, würde es auch nicht durch unsere Bewerbungsverfahren schaffen. Das persönliche Gespräch ist übrigens immer wichtiger als die Mappe mit den Zeugnissen. Auf Benotungen kann man fast nichts mehr geben. Selbst bei Promotionen haben wir es mit einer extremen Inflation der Bestnoten zu tun. Das ist sehr beliebig geworden.

Wer ist für Sie ein guter Professor oder eine gute Professorin?

Jemand, die eine hervorragende akademische Lehrerin ist. Jemand, die auf der Basis ihrer eigenen, originellen Forschungsaktivitäten in der Lage ist, neue Impulse zu setzen. Jemand, die in der Lage ist, die Dinge, die in ihrem Feld wichtig sind, so rüberzubringen, dass sie jedermann verstehen kann.

Die Volkswagenstiftung verfügt über ein Vermögen von etwa 3,8 Milliarden Euro und vergibt im Jahr rund 150 bis 200 Millionen Euro an Fördergeldern – wie lange kann das bei der herrschenden Zinssituation noch so weitergehen?

Eingerechnet sind in diesem Fördervolumen die Dividenden auf mehr als 30 Millionen VW-Aktien, die das Land Niedersachsen besitzt und die der Stiftung im Rahmen des Niedersächsischen Vorab für die Förderung von Wissenschaft in Niedersachsen zufließen. Wir haben in der Vermögensanlage ganz andere Möglichkeiten als kleinere Stiftungen, die oft satzungsmäßig verpflichtet sind, ihr Vermögen in Bundesanleihen und ähnlichen Papieren anzulegen und damit seit einigen Jahren ein massives Ertragsproblem haben. Wir haben es durch unsere Diversifizierungsstrategie geschafft, immer noch eine Verzinsung von vier Prozent zu halten. Die Vermögensanlage in drei großen Komponenten, etwa 45 Prozent verzinsliche Papiere, knapp 40 Prozent breit gestreut in Aktien und 15 Prozent in Immobilien, beschert uns einen Einkommensmix, der uns einigermaßen stabil und zukunftssicher agieren lässt. Wir gehen sogar davon aus, dass wir die Allgemeine Förderung auf 80 bis 90 Millionen Euro hochfahren können.

Wenn sich die wirtschaftliche Lage nicht ändert, dürften die VW-Aktien auch künftig eine hübsche Dividende abwerfen. Was haben Sie mit dem Geld vor?

Eine Möglichkeit wäre, auf dem Feld der Digitalisierung und bei den kapitalbasierten Stiftungsprofessuren noch einen weiteren Schritt zu gehen. Damit würde Niedersachsen die Chance haben, weitere herausragende Köpfe ins Land zu holen. Als private Förderer müssen wir uns immer überlegen, wo wir die entscheidenden Impulse setzen können. Das ist bei der Förderung einzelner Professuren so, das betrifft aber auch die transnationale Zusammenarbeit von Förderorganisationen. Im Moment arbeiten wir daran, mit anderen europäischen Stiftungen, etwa aus Dänemark, Schweden oder Italien, gemeinsam Zeichen zu setzen. Es geht dabei um Fragen der sozialen Ungleichheit, um globale Gesundheitsvoraussetzungen, um Umwelt und Klima und um die Symmetrie zwischen der Forschung in sich entwickelnden Ländern und der Forschung in Europa.

Warum arbeiten Sie dabei mit dänischen und schwedischen Stiftungen, nicht aber mit Förderinstitutionen aus Afrika oder Südostasien zusammen?

Wir würden gern afrikanische oder südostasiatische Stiftungen dabei haben, aber die gibt es mit der erforderlichen Förderkapazität leider nicht. Deshalb arbeiten wir für diesen Zweck vorrangig mit Stiftungen aus Europa zusammen.

Die Volkswagen Stiftung

Anders als der Name vermuten lässt, ist die Volkswagenstiftung keine Unternehmensstiftung, sondern Deutschlands größte private Wissenschaftsförderin. Sie ermöglicht Forschungsvorhaben in zukunftsträchtigen Gebieten und hilft wissenschaftlichen Institutionen bei der Verbesserung der Voraussetzungen für ihre Arbeit. Besondere Aufmerksamkeit widmet sie dem wissenschaftlichen Nachwuchs sowie der Zusammenarbeit von Forschern auch jenseits wissenschaftlicher, kultureller und staatlicher Grenzen.

Die Volkswagenstiftung wurde 1961 von der Bundesrepublik Deutschland und dem Land Niedersachsen gegründet und nahm 1962 ihre Arbeit auf. In den bislang 56 Jahren ihres Wirkens hat die Stiftung mehr als 32.000 Projekte mit 4,9 Milliarden Euro gefördert. Die Geschäftsstelle im Stadtteil Döhren zählt etwa 100 Mitarbeiter. Oberstes Entscheidungsgremium ist das 14-köpfige Kuratorium, dessen Mitglieder vom Bund und dem Land Niedersachsen vorgeschlagen werden.

Seit 15 Jahren fördert die Exzellenzinitiative die Spitzenforschung und die Qualität der Hochschulen. Wie sieht es in Niedersachsen aus? Sind die Universitäten hier auf einem guten Weg?

Niedersachsen ist mit zehn Clustern im Rennen, fünf davon aus Hannover. Das ist ein großartiges Ergebnis. Ende September werden wir wissen, welche Universitäten die erste Hauptrunde der Exzellenzinitiative erfolgreich absolviert haben. Danach schauen alle gespannt auf den 15. Juli 2019, wenn entschieden wird, welche Universitäten als Exzellenzuniversitäten gefördert werden. Im Herbst 2019 wäre der Zeitpunkt gekommen, mit Blick auf die Entwicklung des Gesamtsystems eine Zwischenbilanz zu ziehen: Was ist eigentlich erreicht worden? Und was muss im Hinblick auf die kommenden Jahre geschehen? So wie wir im Moment agieren, kann es zwischen Bund und Ländern und Wissenschaftsorganisationen nicht weitergehen. Es ist nicht sinnvoll, immer wieder den nächsten Pakt für drei oder vier Jahre zu schließen. Das ist aus meiner Sicht keine nachhaltige Wissenschaftspolitik.

Es geht Ihnen also nicht darum, den Hochschulpakt zwischen Bund und Ländern zu verlängern, sondern ...

... eine Flurbereinigung vorzunehmen. Die Verantwortlichkeiten müssen klar definiert werden. Dieser Mischmasch, der im Moment existiert, ist aus einem gewissen Bund-Länder-Pragmatismus heraus entstanden. Auf Dauer können wir aber international nur konkurrenzfähig bleiben, wenn wir verlässliche Rahmenbedingungen aufweisen, unter denen Wissenschaftler in Deutschland arbeiten können.

Ihr Vertrag als Generalsekretär der Volkswagenstiftung wurde vor ein paar Jahren bis 2020 verlängert. Gibt es schon Kandidaten für Ihre Nachfolge?

Im Oktober findet die erste Sitzung der Findungskommission statt. Wenn alles glatt läuft, könnte im Juni kommenden Jahres eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger gewählt werden, die oder der dann 2020 anfangen könnte.

Gibt es noch ein wichtiges Projekt, das Sie bis dahin anschieben wollen?

In den vergangenen 24 Jahren habe ich die meisten Projekte, die mir wichtig waren, umgesetzt. Ich habe tatsächlich das Gefühl, fast alles erreicht zu haben. Aber natürlich gibt es nach wie vor sehr viele Baustellen im deutschen und auch im internationalen Wissenschaftssystem. Ich freue mich darauf, ab 2020 diese Entwicklungen noch stärker als bisher beratend begleiten zu können.

Das sind die nächsten Veranstaltungen

Die Vermittlung von Wissenschaftsthemen ist ein wichtiges Anliegen der Volkswagenstiftung. Seit 2012 bietet sie im Tagungszentrum Schloss Herrenhausen Veranstaltungen an. Die nächsten Termine:

Dienstag, 28. August: „Zukunft denken – Welt erhalten! 50 Jahre Club of Rome“: Über die Frage, ob die Grenzen des Wachstums nicht längst überschritten sind, diskutieren Ernst Ulrich von Weizsäcker und Mojib Latif.

Dienstag, 11. September: Neue, nachhaltigere Formen des Wirtschaftens, die Ernährung und Rohstoffversorgung sichern und dabei Klima und Artenvielfalt schützen sollen, stehen im Mittelpunkt einer Expertendiskussion unter dem Titel: „Bioökonomie – sauber, effizient und günstig?“

Mittwoch, 12. September: Um „Künstliche Photosynthese“ geht es bei einer Diskussionsrunde im Rahmen der Reihe Leopoldina-Lectures. Wissenschaftler erörtern mögliche Wege zu einer bioinspirierten Energieversorgung.

Beginn ist jeweils 19 Uhr. Der Eintritt ist frei. Eine Platzreservierung ist nicht möglich.

Von Hendrik Brandt, Ronald Meyer-Arlt

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