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Nachrichten Medien & TV Wenn Journalisten in den Spiegel schauen
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22:23 20.12.2018
Ein Reporter fantasiert wie Karl May – und niemand merkt es? Spiegel-Autor Claas Relotius hat über Jahre hinweg Geschichten zum Teil frei erfunden. Quelle: imago/Lars Berg
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Das hat gerade noch gefehlt. Zum Ende eines Jahres, in dem die Glaubwürdigkeit des Journalismus auch hierzulande immer öfter bezweifelt wird, leisten sich der „Spiegel“, möglicherweise auch „Zeit online“ und weitere Medien einen handfesten Betrugsskandal. Der junge Autor Claas Relotius hat großen Redaktionen über Jahre hinweg Reportagen untergejubelt, die zuweilen wenig bis nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatten. Und niemand hat es bemerkt. Im Gegenteil: Die um Eitelkeiten nie verlegene Branche hat den Reporter auch noch mit Preisen überhäuft. Das klingt nicht nur sehr nach Volkswagen – es ist auch so.

Dabei wird man zwei Dinge auseinanderhalten müssen. Zunächst gibt es auch im Journalismus Menschen, deren innerer Kompass nicht sauber eingestellt ist. Wer es mit gründlicher Arbeit, Fleiß und dem Bemühen um Wahrhaftigkeit nicht so hat, ist in diesem Metier natürlich falsch. Wenn aber überbordendes schreiberisches Talent hinzukommt, lässt sich das für eine gewisse Zeit ganz gut tarnen. „Karl-May-Journalismus“ nennen das manche; Claas Relotius passt in die Kategorie: Wenig erlebt, gesehen und gefragt – das aber spannend erzählt. Ein Hochstapler, wie es sie immer wieder einmal gibt. Ein Blick auf die Hitler-„Tagebücher“-Story von „Stern“-Reporter Gerd Heidemann oder die erfundenen Interviews von Tom Kummer für das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ und andere große Medienhäuser sind Beispiele dafür. Wo Relotius das gelernt hat, ist übrigens auch mal eine Frage an seine Ausbilder.

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Ein Reporter fantasiert wie Karl May – und niemand merkt es?

Also nur ein weiteres schwarzes Schaf, das schnell isoliert werden muss, damit es weitergehen kann? So stellt es der „Spiegel“ in seiner bemerkenswert offenen Selbstanklage dar. Das ist zu wenig. Sicher, wer betrügen will, wird es immer einmal schaffen. Wenn aber erfundene Berichte in Serie über Schreibtische und Bildschirme in den Redaktionen gehen, stimmt in Kontrolle und Professionalität etwas grundsätzlich nicht. Hier wird ein Bild von Journalismus gepflegt, in dem die gute Erzählung schon einmal die Details übertrumpfen darf und „Haltung“ wichtiger erscheint als der Kampf um das ganze Bild. Das gibt es auf allen Ebenen und in allen politischen Schattierungen. Und überall ist es ein Fehler.

Wer jetzt jedoch von Relotius und seinen Betreuern auf die Arbeit aller Journalisten im Land schließt, springt dann doch zu kurz. Ja, wir Medienleute machen Fehler. Weniger wegen der Bedeutungshuberei einzelner Charakterathleten, sondern weil es oft darum geht, komplexe Sachverhalte in kurzer Zeit für ein ungeduldiges Publikum zu dokumentieren. Und, ebenfalls ja: Das ist eine Erklärung für Pannen, die auftreten können – aber kein Grund für systematischen Pfusch. Fehlerfreiheit können wir nicht versprechen. Harte Arbeit aber schon.

Von Hendrik Brandt