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Netzgeflüster Über Sinn und Unsinn des Tetris-Spielens
Nachrichten Medien & TV Netzgeflüster Über Sinn und Unsinn des Tetris-Spielens
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22:59 02.09.2009
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Am Mittwoch begann eine Onlinemeldung mit dem Satz „Hirnforscher des Mind Research Network im US-Bundesstaat New Mexiko haben herausgefunden, dass ...“ Weiterlesen oder nicht? Wir haben weitergelesen. Und gelernt, dass die „Hirnforscher“ angeblich herausgefunden haben, dass das Computerspiel Tetris die Effizienz des Gehirns steigern kann. Und dass verstärktes Spielen das graue Hirngewebe vergrößern kann. Und schließlich, dass die Forscher eine gesteigerte Effizienz feststellten, „allerdings in anderen Gegenden des Gehirns als in denjenigen, die durch das Spielen anwuchsen.“ Also: Tetris am besten in den Schulunterricht, oder?

Dumm nur, wenn man einmal nachschaut, wer die Studie finanziert hat. Dabei handelt es sich um die Firma Blue Planet. Früher hieß dieses Unternehmen Bullet Proof. Und wer hat Tetris für den Gameboy erfunden und hält noch heute die Rechte daran? Genau: die Firma Bullet Proof. Das ist doch schön, wenn eigenen Geschäftsinteressen durch semiwissenschaftliche Untersuchungen untermauert werden. Zumal die Studie auf der gewiss nicht repräsentativen Zahl von exakt 26 untersuchten Mädchen basiert.

Für die Tonne war diese Woche auch die Reaktion des Sportartikelherstellers Jako und einer von ihr beauftragten Anwaltskanzlei auf die Kritik eines Bloggers am neuen Logo des Unternehmens. Unter www.trainer-baade.de hatte Frank Baade aus Duisburg scharfe und durchaus unflätige Kritik an dem neuen Design geübt, was Jako als „unzulässige Schmähkritik“ abmahnen ließ. Baade nahm seinen Text vom Netz, unterzeichnete eine abgespeckte Unterlassungserklärung, zahlte einen Teil der Anwaltskosten.

Er hatte jedoch die Rechnung ohne die Anwälte gemacht. Sie entdeckten in einem Newszusammensteller namens newstin.de später erneut einen Teil des Blogbeitrags – und werteten dies als Verstoß gegen die Unterlassungserklärung. Nun sollte es richtig teuer werden: 5100 Euro sollte Baade als Vertragsstrafe bezahlen. Und das weil ein Aggregatordienst im Web, ganz ähnlich wie Google News, weiterhin die beanstandeten, kopierten Textpassagen vorhielt. Schuld habe aber Baade: Selbst wenn er seinen Artikel nicht selbst bei Newstin eingestellt habe, so habe er es doch unterlassen, das Internet darauf zu prüfen, dass seine Aussagen nicht anderswo veröffentlicht werden.

Der Fall schlägt nun hohe Wellen. Im Web diskutieren mehrere Dutzend Blogger öffentlich über das Gebaren von Jako, solidarisieren sich mit Frank Baade, machen schlechte Stimmung gegen den Sportartikelhersteller. Branchenblätter wie „Horizont“ und „Meedia“ berichten unter dem Motto „David gegen Goliath“ über den Fall. Und nun rudert das Unternehmen zurück: Man bemühe sich um Kontakt zu dem Blogger, werde sich der Sache annehmen, bereite eine Erklärung vor.

Vielleicht ja diese: Das Unternehmen hat seinen Anwälten empfohlen, häufiger Tetris zu spielen.

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