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Netzgeflüster Leben mit den Dschihadisten
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10:09 19.08.2014
Von Marina Kormbaki
Foto: Die Dokumentation zeigt auch Abdul, der mit seinem Sohn aus Belgien in den Dschihad gereist ist.
Die Dokumentation zeigt auch Abdul, der mit seinem Sohn aus Belgien in den Dschihad gereist ist. Quelle: Vice News
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Die Sonne strahlt, Jungen finden Abkühlung in seichtem Gewässer, planschen herum. Zwischen ihnen schreiten Männer mit Bärten umher, den Kopf in Tücher gehüllt, Kalaschnikows um die Schultern gehängt. Am Ufer parkt der „preacher van“, der Priesterwagen von Abdul, dem Belgier, wie sie ihn nennen. Er ist mit seinem Sohn aus Belgien in den Nahen Osten gekommen, um mitzuhelfen beim Aufbau des selbst erklärten Kalifats „Islamischer Staat“.

„Dschihadist oder Selbstmordattentäter?“

Der Junge lächelt viel, es ist ein verlegenes Lächeln, denn er weiß nicht immer Antworten auf die Fragen seines Vaters. Der Priester fragt seinen Sohn: „Was möchtest du später einmal werden: Dschihadist oder Selbstmordattentäter?“

Es sind verstörende Aufnahmen, die das Magazin „Vice“ jetzt in einer fünfteiligen Reihe ins Internet gestellt hat. Die Reportage des britischen Journalisten Medyan Dairieh aus Raqqa, der Hauptstadt des Anfang Juli ausgerufenen Kalifats, liefert einen ersten, erschreckenden Einblick in den Gottesstaat und in die einfältige, brandgefährlich Gedankenwelt seiner Verfechter.

Kein Journalist hat sich bisher in das von der Terrororganisation „Islamischer Staat“ IS eroberte Gebiet zwischen Syrien und dem Irak getraut – Medyan Dairieh hat dort drei Wochen verbracht. Mit Genehmigung, genauer gesagt: Unter ständiger Begleitung von IS-Freischärlern hat er gefilmt.

Dairiehs Film „The Islamic State“ legt den Schluss nahe, dass die IS-Radikalen längst nicht nur einen Feldzug führen und Territorien erobern, sondern schon jetzt prägenden Einfluss ausüben auf die Alltagskultur in dem von ihnen kontrollierten Gebiet. IS-Milizionäre sind im Kampf mit den Truppen des syrischen Diktators Baschar al-Assad zu sehen, aber auch beim Rekrutieren von Kindern für den „heiligen Krieg“, auf Patrouille als Religionspolizisten, als Gefängniswärter, Richter, Henker. Objektive, frei von Zensur betriebene Berichterstattung sieht anders aus, dennoch geben die fünf jeweils knapp zehnminütigen „Vice“-Dokumentationen Zeugnis von einer unmenschlichen Welt. Nicht obwohl, sondern vielleicht gerade weil sich darin die IS-Kämpfer mit so provozierender Unverfrorenheit inszenieren.

Teil des Geschehens

„Vice“ – was ist das für ein Medium, dem dieser Scoop gelungen ist? Und ist es überhaupt ein Scoop – oder doch eher Propaganda? „,Vice’ fällt seit vielen Jahren schon mit unkonventionellen journalistischen Methoden auf“, sagt Prof. 
Stephan Weichert, Experte für digitalen Journalismus aus Hamburg. „Dass der Reporter nicht bloß Beobachter ist, 
sondern Teil des Geschehens, ist ein Charaktermerkmal der Redaktion – ganz gleich, ob die Reportagen Drogentrips zum Thema haben, Sex in Bangkok oder den Ku-Klux-Klan.“

Angefangen hat „Vice“ 1994 als Gratiszeitschrift für Teenager in Kanada, heute sitzt die Zentralredaktion in New York, hat weltweit 30 regionale Ableger – einen davon in Berlin – und verkauft ihre mal mehr, mal weniger krawalligen Filmreportagen auch an renommierte Fernsehstationen wie den US-Bezahlsender HBO oder das deutsche ZDF.

Die werbefinanzierte Zeitschrift liegt auch heute noch in hippen Cafés und Plattenläden kostenlos aus, macht aber nur fünf Prozent des Umsatzes aus. Denn inzwischen ist „Vice“ zu einem großen Medienunternehmen geworden und erwirtschaftet nach eigenen Angaben 500 Millionen Dollar jährlich.

Das Geld kommt über eine eigene Werbe- und PR-Agentur rein, eine Plattenfirma, einen Verlag, eine Filmproduktionsgesellschaft. Kurzum: Journalismus ist im „Vice“-Imperium eigentlich Nebensache. „Das Unternehmen zehrt vom Underdog-Image seines Magazins – die Reportagen im Netz und auf Papier verschaffen ihm große Aufmerksamkeit“, sagt Prof. Weichert.

Sprachrohr der Terroristen?

In dem Streben danach sieht der Kommunikationswissenschaftler aber auch eine Gefahr: „So toll und mutig unkonventionelle Reportagen sind – was darunter leidet, ist die journalistische Sorgfaltspflicht: Die Aussagen der IS-Kämpfer werden unkommentiert und ungeprüft wiedergegeben, der Reporter läuft Gefahr, mit seiner Arbeit den Terroristen als Sprachrohr zu dienen.“

Diesem Vorwurf sind die „Vice“-Reporter oft ausgesetzt. Shane Smith, Chef des „Vice“-Konzerns, erwidert auf solche Kritik gern mit dem Verweis auf den gesunden Menschenverstand: Die Bilder sprächen für sich, die Protagonisten entlarvten sich selbst.

Damit machen es sich Smith und seine Reporter sicher zu einfach. Wahrscheinlich setzen sie bei ihren Zuschauern kritische Distanz und Mündigkeit in einem Maß voraus, das man als verantwortungsbewusster Journalist nicht immer voraussetzen sollte.

Aber diese Haltung schmälert nicht das Verdienst von Medyan Dairieh. Er hat ein großes Risiko auf sich genommen und Bilder geliefert aus der Welt einer Terrormiliz, deren mörderisches Treiben jetzt alle Aufmerksamkeit erfordert.