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Netzgeflüster „Wen sollen wir heute beschimpfen?"
Nachrichten Medien & TV Netzgeflüster „Wen sollen wir heute beschimpfen?"
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17:21 10.01.2009
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Auch in unseren Redaktionsstuben wird oft heftig geflucht, geschimpft und bös gelästert. Doch davon erfährt der Leser bisher nichts. Wenn jedoch Redakteure twittern, also den immer beliebter werdenden Kurznachrichtendienst Twitter benutzen, um ihre Meinung damit in die Welt hinauszuposaunen, dann kann sich das schlagartig ändern. Und die Bindung zwischen Lesern und Redaktion erhält eine ganz andere Qualität.

Besonders aktiv bei Twitter sind schon seit einiger Zeit Mitarbeiter von „Welt Kompakt“. Von ihnen erfährt man Dinge aus dem Redaktionsalltag, nette Spitzen gegen Politiker, was es gerade in der Kantine zu essen gibt: „3-2-1...gleich geht's zu Tisch. Die Kantine bietet Kohlroulade zum Schnäppchenpreis. Da kann man schon mal qualitative Abstriche hinnehmen." Und bisweilen geht es auch mal um Computer: „frage gerade die kollegen, ob das nagelneue windows irgendwie anders aussieht. keine antwort, niemand kennt das alte.“

Die Beiträge sind mal albern und banal, dann aber auch richtig witzig. Und genauso funktioniert eben Twitter. Doch dann geschah etwas Ungewöhnliches. Die Nachrichtenagentur AP meldete am Abend des vergangenen Montags, dass es eine Verschwörung gegen Barack Obama geben soll. Auch „Welt Kompakt“ reagiert darauf - auch via Twitter: „E i l : US-Regierung: Verschwörung zur Ermordung Obamas aufgedeckt. Sagt AP. Mal schauen..“ Und vermutlich waren die Kollegen schon dabei, daraus einen neuen Aufmacher zu basteln - kurz vor Dienstschluss und unter entsprechendem Stress.

Schnell jedoch entpuppte sich die heiße Geschichte als ziemlich aufgebauscht, und dem Twitter-Kollegen von „Welt Kompakt“ platzte so richtig der Kragen: „was für eine drecks-obama-geschichte. morgen bestellen wir ap ab. diese hirnlosen affen! bringen den ganzen abend durcheinander. mit nichts“. Und kurz danach legte er noch einmal nach: „zwei lausige skins aus tennessee wollen obama umbringen und schaffen es noch nicht mal, die benötigten waffen zu klauen. super verschwörung!“

Dieser ehrliche Wutausbruch kam in der Twitter- und Bloggerszene bestens an, der bekannte Medienjournalist Stefan Niggemeier schrieb in seinem Blog: „Ich bin kein Fan von ,Welt Kompakt', aber diese Wortmeldungen aus der Redaktion sind eine wunderbar ungefilterte Form von Medienkritik und ein schöner Einsatz des Mikro-Blogging-Tools Twitter.“ Und das Online-Medienmagazin Meedia.de feierte die Betreffenden als „Twitter-Rebellen“, fügte aber hinzu: „Mit den Kommentaren zu Barack Obama und AP wagt sich die Redaktion auf dünneres, politisches Eis. Solche Kommentare ist man im direkten persönlichen Gespräch von Redakteur zu Redakteur gewohnt. Nur: solche Dialoge oder Kommentare erblicken nie das Licht der Öffentlichkeit. Bis jetzt. Man darf gespannt sein ob und wie Springer auf die Twitter-Rebellen im eigenen Haus reagiert.“

Und offenbar hat man bei Springer reagiert. „Welt Kompakt“ meldete am folgenden Morgen: „Fege gerade die Trümmer von gestern Abend zusammen. Was klare Worte alles auslösen können...“ Doch kurz danach gab man auch wieder über Twitter bekannt, dass man dort nun 200 neue Abonnenten gewonnen habe - und fügte hinzu: „wen sollen wir heute beschimpfen?“

Nun noch ein paar freundliche Links:
Der neue Musikvideo-Kanal von MTV
Wer will noch in den US-Wahlkampf einsteigen?
AC/DC Rock N Roll Train - ASCII music video in Excel
Und: If the world could vote

von Ernst Corinth

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