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Medien & TV 300. Folge „Polizeiruf 110“: Das Fernsehen der anderen
Nachrichten Medien & TV 300. Folge „Polizeiruf 110“: Das Fernsehen der anderen
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19:44 03.04.2009
Von Marina Kormbaki
Die Hauptkommissare Schmücke (Jaecki Schwarz, links) und Schneider (Wolfgang Winkler) Quelle: ddp
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Nichts half. Selbst mit den abenteuerlichsten Antennenkonstruktionen Marke Ochsenkopf konnten die Dresdener zu DDR-Zeiten nicht das buntere Westfernsehen empfangen. Ob es nun Zufall war, oder das Fernsehen tatsächlich eine lähmende Wirkung hat: Die Gegend um Dresden war die Region mit den meisten Ausreiseanträgen, den meisten Eingaben und der größten politischen Unzufriedenheit in der DDR. Der Rest des Arbeiter- und Bauernstaats spottete über das „Tal der Ahnungslosen“ und schaltete allabendlich die „Tagesschau“ ein. Funktionärs- und Soldatenfamilien natürlich ausgenommen, die hielten sich mit der staatstreuen „Aktuellen Kamera“ auf dem Laufenden.

Laut Umfragen sollen bereits in den siebziger Jahren 70 Prozent der Genossen, die einen Fernsehapparat besaßen, Westfernsehen geguckt haben. Magazinsendungen wie „Kennzeichen D“ oder „Kontraste“, die kritisch über den Bruderstaat berichteten, waren im Osten besonders beliebt. Zwar waren auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze Sendeanlagen mit großer Reichweite aufgestellt woren: Die Neugierde der Westzuschauer auf Ostsendungen wie dem propagandistischen „Der schwarze Kanal“, in denen die Verkommenheit des Kapitalismus anschaulich gemacht wurden, hielt sich aber in Grenzen.

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Es gab aber einige wenige Sendungen im DDR-Fernsehen, die auch die Bewohner der angrenzenden Westregionen gerne guckten. Die Vorzeige-Sonnabendshow „Ein Kessel Buntes“ zum Beispiel, die ab der sechsten Folge tatsächlich in Bunt ausgestrahlt wurde. Oder das Sandmännchen mit seinem lustigen Walter-Ulbricht-Bart. Und nicht zuletzt die Krimiserie „Polizeiruf 110“, die erstmals 1971 als Ost-Alternative zum West-„Tatort“ ausgestrahlt wurde. So haben denn auch nur das Sandmännchen und seine Freunde Pittiplatsch, Herr Fuchs und Frau Elster sowie die Kommissare vom „Polizeiruf 110“ die Wiedervereinigung überdauert.

Dabei war es nach dem Fall der Mauer eigentlich undenkbar, dass der Volkspolizistenkrimi „Polizeiruf 110“ in der ARD fortbestehen kann. Schließlich hatten bundesdeutsche Transitreisende in der Vergangenheit nicht unbedingt ein vorteilhaftes Bild von den „Vopos“ bekommen, wenn diese argwöhnisch den Kofferraum durchwühlten oder mit Spiegeln unter Autos nichtsozialistischer Bauart spähten. Nun also sollten diese Hüter eines Unrechtsstaats neben Derrick und Schimanski ermitteln. Möglich war das, weil Hauptmann Peter Fuchs (Peter Borgelt) oder Leutnant Vera Arndt (Sigrid Göhler) so erfrischend anders als die echten Polizisten im Realsozialismus waren: freundlich, hilfsbereit, integer. Und geschossen haben sie auch kaum. Auch Bösewichte beschränkten sich aufs Würgen, Stehlen oder Erpressen. Schließlich war in der DDR der private Waffenbesitz bis auf wenige Ausnahmen unmöglich.

Statt Ballereien zu bieten, porträtierte der „Polizeiruf 100“ den spröden Polizeialltag und konzentrierte sich auf die Psyche des Täters und sein spezifisch ostdeutsches Herkunftsmilieu. Seine Themen waren oft solche, die es im Osten per Dekret nicht geben durfte: Alkoholismus, Kindesmissbrauch, Vergewaltigung, Selbstmord oder Jugendkriminalität.

Dieser moralische Impetus ist bis heute ungebrochen, auch die 300. „Polizeiruf 110“-Folge am Sonntag hat den Zeigefinger erhoben. In der Folge „Fehlschuss“ ermitteln die raubeinigen Hallenser Kommissare Herbert Schmücke (Jaecki Schwarz) und Herbert Schneider (Wolfgang Winkler) unter straffälligen Jugendlichen. Wie es für den „Polizeiruf“ üblich ist, gibt es im Grunde keine Schuldigen, keine eiskalten Bösewichte. Hier strampeln sich die Menschen ab, um über die Runden zu kommen, aber es hilft alles nichts, und manche rutschen in eine ausweglose Situation. In ausladenden Weitwinkelaufnahmen fängt Drehbuchautor und Regisseur Thorsten Näter die menschenleeren Plattenbausiedlungen in der Hallenser Südstadt eindrucksvoll ein und taucht sie in ein verstörendes Dämmerlicht. Perspektivlosigkeit, wohin man schaut. Fast.

Am Ende vergleicht Kommissar Schneider den zermürbenden Einsatz für Gerechtigkeit mit einer lästigen Diät: „Die Leute sagen: ,Lass das.‘ Aber wenn man nie eine Diät machen würde, wer weiß, wie dick man dann schon wäre?“ Auch das ist ein Relikt aus DDR-Zeiten: Der moralische Appell zu guter Letzt, und möglichst volksnah muss er sein.