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00:16 18.06.2015
Günther ist mit 79 Jahren noch mal Vater geworden. Quelle: ZDF
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Inhaltlich haben die Filme nichts miteinander zu tun, aber die thematische Parallele ist offenkundig: Letzte Woche ging es bei „37 Grad“ noch um entsorgte Erzeuger, diesmal um späte Väter. Der Titel „Der könnte doch Dein Opa sein!“ ist allerdings etwas irreführend, denn Meike Materne betrachtet das Thema in erster Linie aus der Perspektive der Männer. Einer der älteren Herren hat zwar in späten Jahren eine Tochter bekommen, die mittlerweile erwachsen ist und auch ihre Sicht der Dinge schildert, doch im Grunde geht es um ganz andere und vor allem ungleich heiklere Fragen. Allerdings ist auch zu spüren, dass den Vätern diese Aspekte verständlicherweise eher unangenehm sind.

Günter zum Beispiel ist „stolze achtzig“ und vor einem Jahr noch mal Vater geworden. Er macht zwar einen rüstigen Eindruck, kann sich aber natürlich ausrechnen, dass seine kleine Tochter als Halbwaise aufwachsen wird. Heribert ist zwar auch schon 76, aber seine Tochter ist immerhin bereits 21. Dritter im Bunde ist ein zweiter Günter, er ist 78, seine Söhne sind im Grundschulalter.

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Wenn man so etwas liest oder hört, drängt sich unvermeidlich die Frage auf: Ist es nicht gerade im Fall des achtzigjährigen Günter verantwortungslos, ein Kind zu zeugen? In seinem Fall kann man zudem kaum noch von Opa sprechen, er ist ja längst im Urgroßvateralter. Die Autorin stellt diese Frage ebenfalls, kleidet sie aber anders: Sie erkundigt sich, ob es egoistisch sei. Das meint vermutlich letztlich das Gleiche, lenkt den Blick aber zu sehr auf die Eltern. Immerhin ist es Günters Tochter, die später nur diffuse Erinnerungen an ihren Vater haben wird; wenn überhaupt. Aber „37 Grad“ ist ja kein Sendeplatz für Anklagen, sondern für Verständnis und für positives Denken, deshalb ist ein Glas hier immer halb voll.

Getauschte Rollenbilder

Also konzentriert sich Materne auf die schönen Seiten der späten Vaterschaft. Die drei Männer, die auch Söhne und Töchter aus früheren Ehen haben, betonen, wie sehr sie ihr spätes Glück schätzen und es genießen, so viel Zeit mit ihren Kindern verbringen zu können; klar, sie sind ja alle drei Rentner. Tatsächlich leben sie sogar ein ausgesprochen modernes Familienbild vor: Die Frauen sind berufstätig, die Männer kümmern sich um Haushalt und Erziehung. Gerade für den älteren Günter ist das offenbar eine völlig neue Erfahrung. Kein Wunder: Sein ältester Sohn ist fünfzig und somit in einer Zeit groß geworden, als Kinder ihre Väter meist nur am Wochenende gesehen haben. Nur kurz deutet der Film die bizarre Lage der „Erstgeborenen“ an: Günters Tochter (1) ist die Tante seines erwachsenen Enkels.

Streng genommen ist das Thema zu komplex, um wirklich alle Facetten zu beleuchten. Allein die Lebensgeschichte von Heribert, früher Kameramann, der anscheinend eine Menge erlebt hat, wäre fast schon ein eigenes Porträt wert; ganz zu schweigen von der Beziehung zu seiner Tochter, die er ungleich intensiver erlebt als jüngere Väter. Auch deshalb wäre es schön gewesen, wenn die junge Frau, immerhin quasi die Titelheldin des Films, noch mehr über ihre Sicht der Dinge hätte sprechen können.

Eine weitere Komponente kommt ebenfalls zu kurz, auch das ist typisch für „37 Grad“: Hier wird immer alles schrecklich ernst genommen. Ausgerechnet der ältere Günter gibt einen Spruch zum Besten, der das Thema prima auf den Punkt bringt: Wer mit achtzig einen Kinderwagen vor sich her schiebt, braucht keinen Rollator.

"37 Grad: Der könnte doch dein Opa sein", Dienstag, 22.15 Uhr

Von Tilmann P. Gangloff

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