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Medien & TV "37 Grad" wird 15 Jahre alt
Nachrichten Medien & TV "37 Grad" wird 15 Jahre alt
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19:16 02.11.2009
Von Imre Grimm
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Doch, das gibt es noch, dass Fernsehen den Blick verändert, das Denken anregt, Einblicke bietet in sonst verschlossene Welten, ganz nah dran ist am Menschen und an dem, was wirklich zählt. Aber dieses Fernsehen heißt nicht „Die Schicksalsreportage“ oder „Raus aus den Schulden“ oder „Das Aschenputtel-Experiment“ oder was sonst so den Anspruch erhebt, ganz!dicht!dran! zu sein. Dieses Fernsehen heißt „37 Grad“.

37 Grad ist die gesunde Körpertemperatur des Menschen, hier beginnt das Fieber. Im ZDF steht die Marke seit 15 Jahren für leises, kluges Fernsehen, immer 30 Minuten am Dienstag, seit vier Jahren eingeleitet von Mias wunderbarem Liebeslied nach Erich Fried: „Es ist, was es ist, sagt die Liebe / Was es ist fragt der Verstand / Ich freu’ mich auf mein Leben – mache frische Spur’n in den weißen Strand ...“ Es geht um Kinderarmut, Zwillinge, Messies, die „Generation Porno“, Nachtschichtler, Großfamilien, Kinderlose, arbeitslose Ex-Yuppies, Hebammen – um echte Menschen also, keine Dokusoap-Zombies, die sich in Zeitlupe weinend in die Arme fallen. „37 Grad“ ist Fernsehen mit Muße. Unpathetisch, geduldig und oft hoch spannend.

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Exakt 628 Sendungen waren seit dem Start am 1. November 1994 im ZDF zu sehen, die erste hieß „Jenseits der Schattengrenze“. Es ging um einen Vietnam-Soldaten, der nicht vergessen kann. Gemeinsam zuständig sind die evangelische und die katholische Redaktion sowie die Gesellschaftsressorts des ZDF. 33 Preise gab es bisher. Die Sozialreportage, Königsklasse des Mediums, ist ein rares Gut geworden. Bei „Menschen hautnah“ (WDR), „Gott und die Welt“ (ARD) oder eben „37 Grad“ verdient sie diesen Namen noch. Die Produktion eines Beitrags dauert bis zu einem Jahr. Und so ist „37 Grad“ für das Fernsehen, was der Manufactum-Katalog für die Konsumwelt ist: eigentlich viel zu teuer, aber schön, dass es das noch gibt. Das ZDF feiert den 15. Geburtstag der Reihe am Dienstag, 3. November, um 22.15 Uhr mit der Folge „Leben im Chaos“ und um 0.35 Uhr mit einer „Langen Nacht“.

„Wir haben die Erfahrung gemacht, dass ,37 Grad’-Filme nie aufgehübscht werden müssen“, sagt Redaktionsleiter Peter Arens. „Sie können ungeschminkt daherkommen, ohne dass die Geschichten, dass Text, Schnitt und Musik dramatisiert werden.“ Das ist es, was den meisten Filmen aus der Reihe Wahrhaftigkeit verleiht. Ein seltenes Gut in diesen Zeiten. Auf die nächsten 15 Jahre.

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Imre Grimm 02.11.2009