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Medien & TV 3sat begeht 70. Todestag des Journalisten und Schriftstellers Joseph Roth
Nachrichten Medien & TV 3sat begeht 70. Todestag des Journalisten und Schriftstellers Joseph Roth
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20:58 30.03.2009
Von Kristian Teetz
Literat und Journalist: Joseph Roth Quelle: ZDF
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Die genaue Zahl der Gläser Cognac, Armagnac und Wein dagegen lässt sich nicht mehr feststellen. Es waren genug, um seinen Freund Soma Morgenstern im Sommer 1937 urteilen zu lassen: „Er war damals weniger als dreiundvierzig Jahre alt, und – er sah aus wie ein sechzigjähriger Säufer.“

Unter dem treffenden Titel „Das bin ich wirklich; böse, besoffen, aber gescheit“ zeigt der Fernsehsender 3sat am 1. April einen Dokumentarfilm über Roths Leben – als Auftakt einer Reihe von Verfilmungen seiner Romane anlässlich seines 70. Todestages. In seinem einstündigen Werk entwirft der Regisseur Karl Pridun das Bild eines Getriebenen. Seit seinem 18. Geburtstag lebt der 1894 im galizischen Brody geborene Roth – mit einer Ausnahme von wenigen Wochen – in keiner eigenen Wohnung.

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Seine Texte schreibt er am Kaffeehaustisch, sein Zuhause ist das Hotelzimmer. „Wie andere Männer zu Heim und Herd, zu Weib und Kind heimkehren, so komme ich zurück zu Licht und Halle, Zimmermädchen und Portier“, heißt es in dem Essay „Ankunft im Hotel“. Roth verkörpert mit seinem Nomadentum, seiner Ruhelosigkeit den Verlust des Bürgerlichen, der die Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs kennzeichnet.

Zahlreiche Verluste prägen Joseph Roth: Sein Vater Nachum verlässt die Familie noch vor Josephs Geburt. Seine geliebte Ehefrau Friederike (Friedl) Reichler erkrankt an Schizophrenie und lebt seit 1929 in Pflegeheimen. Mit dafür verantwortlich waren nach einem Bericht des gemeinsamen Freundes Soma Morgenstern die vielen, oft monatelangen Reisen, die Roth als einer der bedeutendsten Journalisten seiner Zeit für die ,,Frankfurter Zeitung‘‘ unternimmt.

Unter dem Eindruck der totalitären Angriffe auf die Weimarer Republik von links und rechts, vor allem aber geprägt von seiner Reise durch die Sowjetunion 1926, wandelt sich Roth vom zukunftsgläubigen Sozialisten zum Apologeten des Vergangenen. Im Roman „Radetzkymarsch“, der 1931 erscheint und der neben „Hiob“ sein wichtigstes Buch ist, schreibt er, traurig über den Niedergang des Habsburgerreichs: „Die Welt, in der es sich noch lohnte zu leben, war zum Untergang verurteilt. Die Welt, die ihr folgen sollte, verdiente keinen anständigen Bewohner mehr.“ Roth flieht in die Vergangenheit, in den Alkohol – und in das Schreiben. „Ich kenne, glaube ich, die Welt nur, wenn ich schreibe, und wenn ich die Feder weglege, bin ich verloren.“

Roths Ende ist grausam. 1933 geht er nach Paris ins Exil, der körperliche Verfall beschleunigt sich, der unaufhörliche Alkoholkonsum führt zu einer Leberzirrhose. Gleichwohl schreibt er in diesen sechs Jahren bis zu seinem Tod am 27. Mai 1939 noch zwölf Romane und Erzählungen, zuletzt die „Legende vom Heiligen Trinker“. Als er am 23. Mai 1939 im Café Le Tournon vom Freitod seines Freundes Ernst Tollers erfährt, bricht er zusammen. Vier Tage kämpft er, ans Bett gefesselt, dann stirbt er.

In seinem streckenweise allzu nüchternen Dokumentarfilm verknüpft Pridun Auszüge aus Roths Werken mit Erläuterungen von Experten wie dem Publizisten Wilhelm von Sternburg, dessen lohnende Roth-Biografie gerade erschienen ist. Der Film hilft, Roth kennenzulernen. Wer den feinsinnigen Chronisten seiner Zeit aber verstehen will, sollte Sternburgs Biografie lesen – und vor allem Roths Romane.

„Radetzkymarsch“ (Regie: Axel Corti, Gernot Roll): 1. Teil: 1. April, 22.25 Uhr; 2. Teil: 2. April, 22.25 Uhr; 3. Teil: 4. April, 22.25 Uhr

„Die Rebellion“ (Regie: Michael Haneke): 4. April, 20.15 Uhr

„Hiob“ (Regie: Michael Kehlmann): 1. Teil: 8. April, 22.25 Uhr; 2. Teil: 9. April, 22.25 Uhr; 3. Teil: 10. April, 22.25 Uhr

„Hiob“ (Inszenierung: Johan Simons), Münchener Kammerspiele 2009. 11. April, 22.30 Uhr

„Tarabas“ (Regie: Michael Kehlmann): 1. Teil: 12. April, 11 Uhr; 2. Teil 13. April, 11 Uhr

„Das falsche Gewicht“ (Regie: Bernhard Wicki): 13. April, 21.45 Uhr