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23:00 17.11.2015
Stars im System: Luis Trenker (Tobias Moretti) und seine Geliebte Leni Riefenstahl (Brigitte Hobmeier). Quelle: Foto: Tobias Hase/dpa
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Hannover

Der Wendehals gilt als hochmobiles Wesen. Seine Biegsamkeit ist legendär, die Verbreitung enorm. Nur seine Lebenserwartung scheint nicht der Rede wert: Mit vier Jahren ist für den Vogel des Jahres 1988 meist Schluss. Das unterscheidet ihn von seinem menschlichen Gegenstück. Gerade im kulturellen Fach nämlich schafft es der humane Wendehals oft in biblische Sphären.

Ein Ufa-Star von Goebbels Gnaden

Johannes Heesters zum Beispiel: 108 Jahre. Oder Leni Riefenstahl. Oder Luis Trenker. Ältere Zuschauer werden den Südtiroler noch leibhaftig am Röhrenapparat erlebt haben – als Märchenonkel etwa, der das Publikum des BR mit "Luis Trenker erzählt" noch bis zum Beginn der Ölkrise in Heimatliebe tunkte. Oder als Gelegenheitsschauspieler, wo er weißhaarig, lederhäutig, felsenstolz den putzigen Alpenopa gab.

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Was dort jedoch sorgsam verschwiegen wurde, was generell selten zur Sprache kam in der Nachkriegsgesellschaft: Luis Trenker war ein alpinistisches Vorzeigemodell nationalsozialistischer Kinoästhetik, ein Ufa-Star von Goebbels Gnaden. Weil er als NS-Regisseur ein hochgeachteter Pionier naturalistischer Bergfilmfotografie war und sich damit reibungslos ins Unterhaltungsfach der Bundesrepublik einzuordnen vermochte, ist Skepsis angebracht, wenn ihm das öffentlich-rechtliche Fernsehen ein Biopic schenkt. Zu oft schon kamen die Täter und Mitläufer im fiktionalisierten Historienfilm besser weg als verdient.

Gefälschte Tagebücher

Wie gut, dass es Tobias Moretti gibt. Schließlich ist es besonders dem österreichischen Burgschauspieler zu verdanken, dass Wolfgang Murnbergers sehenswertes Filmporträt "Luis Trenker" seinen Untertitel verdient: "Ein schmaler Grat der Wahrheit". Den beschreitet Moretti mit der gebotenen Ambivalenz eines Künstlers von bizarrer Geschmeidigkeit.

Kurz nach Kriegsende, so hat es Peter Probst ins Drehbuch geschrieben, sitzt Trenker vorm heimischen Bergpanorama und fälscht beim Fußbad Eva Brauns Tagebücher, die er dem Hollywoodagenten Paul Kohner (Anatole Taubman) auf dem Filmfestival Venedig 1948 zur Umsetzung anbietet, was keine Geringere als Leni Riefenstahl (Brigitte Hobmeier) zu verhindern sucht, weil sich die schöne Reichsparteitagsregisseurin darin als Hitlers Geliebte verunglimpft sieht, wo sie doch allenfalls mit dem eigenen Steigbügelhalter namens Trenker im Bett war.

Tobias Moretti brüllt und schweigt

Dem verleiht Tobias Moretti eine brüchige Männlichkeit. Gefangen zwischen Kleingeist und Größenwahn, Profilneurose und Geltungsdrang, Brüllen und Schweigen flattert Morettis skeptisch entrückter Blick von fadenscheinigem Erfolg zu folgenloser Niederlage und zurück, immer wieder.

Ob sich die aufstrebende Leni vom älteren Luis nach skurrilem Ausdruckstanz in die Titelrolle bugsieren lässt; ob der absteigende Trenker vom jüngeren Goebbels für seine italienische Staatsbürgerschaft gemaßregelt wird; ob das Tagebuchprojekt des uneinsichtigen Mittfünfzigers nach dessen Ende den Bach runtergeht – stets verpasst Moretti seiner gleichaltrigen Figur eine Aura des Schaumschlägers mit fataler Wirkung.

Nur das Auto ist erfunden

Das alles soll bis ins kleinste Detail belegt sein. "Reine Fiktion", sagt Tobias Moretti, "war eigentlich nur sein Auto", also jener Alfa Romeo, in dem sein Trenker gern windschnittig viril durchs Alpenpanorama rast. Wie es sich eben gehört für ein "gesellschaftspolitisches Chamäleon", das "fünf, sechs Epochen durchschwommen hat und am Schluss trocken aus dem Wasser gestiegen ist".

Morettis Distanz zum Alter Ego auf Zeit, mit dem er die Liebe zum Gebirge als "Sehnsucht, Begrenzung, Motor meines ständigen Aufbruchs, aber auch meiner Überschätzung" nebst der "Neigung zu leidenschaftlichen Frauen und schnellen Autos" teilt, ist offenkundig. Als Star habe Trenker "das System benutzt und zeitgleich in seiner Eitelkeit nicht gemerkt hat, dass es ihn benutzt".

Moretti spielt oft solche Rollen: vom "Jud Süß" Ferdinand Marian über Gestapo-Chef Rudolf Diels bis zum Führer. "Jetzt bringen Sie mich wirklich zum Nachdenken", sagt er auf die Frage, was ihn zum Nazi qualifiziere, und schlägt vor, sich ersatzweise mal um Honecker zu bewerben. "Eine Herausforderung, auch für den Friseur." Tobias Moretti dürfte auch die meistern, denn männliche Abgründe sind sein Metier. Und Wendehälse.

Von Jan Freitag

Luis Trenker – Der schmale Grat der Wahrheit
ARD, Biopic, Mittwoch, 20.15 Uhr
Wertung: 4 von 5 Sterne

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