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12:50 01.03.2014
Von Imre Grimm
Jörg Pilawa moderiert die Quizshow „Einer wird gewinnen“. Quelle: ARD/Thomas Leidig
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Hannover

Dass die ARD die Sache mit den Nachrichten ganz gut hinkriegt, hat sich herumgesprochen; „Tagesschau“ und so. Jedenfalls, so lange nicht gerade der Korrespondent in Kiew ausgetauscht wird. Auch Krimis, Dokus und Sport gehören zur ARD-Kernkompetenz. In Humorfragen allerdings ist das Erste noch Entwicklungsland. Um nicht zu sagen: Wüste. Der „heute-show“-Nachbau „Das Ernste“ mit Florian Schröder verschwand nach dem Testlauf kurz vor Weihnachten sang- und klanglos wieder in der Schublade. In die donnerstägliche Familienunterhaltung („Die große Show der Naturwunder“) hat sich eine plüschige Betulichkeit eingeschlichen. Die Late Night ist tot. Und eine neue Samstagabendshow nicht in Sicht.

Stattdessen geht’s mit Rezepten von gestern zurück in die Zukunft: Die Neuauflage des Hans-Rosenthal-Klassikers „Dalli Dalli“ mit Kai Pflaume funktioniert als solides Retro-Fernsehen für Nostalgiker, seit die Sendung 2013 mit dem neuen Titel „Das ist spitze!“ vom Dritten ins Erste wechselte. Ein Wiedersehen mit einem Format aus dem Urschlamm der Fernsehunterhaltung gibt es auch heute Abend, wenn ZDF-Rückkehrer Jörg Pilawa um 20.15 Uhr eine einmalige Live-Sonderausgabe des alten Hans-Joachim-Kulenkampff-Straßenfegers „Einer wird gewinnen“ moderiert – zum 50. Geburtstag des Showklassikers. Es ist Pilawas Einstand.

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Revolutionäres Fernsehen war „EWG“ damals, ab 1964. Die gut gemeinte Anspielung auf die „Europäische WirtschaftsgemeinschaftEWG. Der völkerverbindende Anspruch. Der aufwendig produzierte Einspielfilm mit „Kuli“. Seine fünfminütige, aktuelle Stand-up-Comedy-Eröffnung („Conférence“), stilprägend für die Late Night. Und natürlich der gestrenge Butler „Herr Martin“ im Frack (gespielt von Produzent Martin Jente), der „Kuli“ bis in die achtziger Jahre mit Mantel, Schal, Hut und bissigen Resumées versorgte. 1987 war dann endgültig Schluss. Eine „EWG“-Neuauflage mit Jörg Kachelmann endete 1998 nach nur drei Ausgaben. Nun wagt Jörg Pilawa einen sogenannten „One Shot“, eine einmalige, dreistündige Sonderausgabe.

Diesmal freilich sind es nicht Normalverbraucher, sondern acht Prominente, die um 50.000 Euro für einen guten Zweck quizzen – darunter Nora Tschirner für Deutschland, der „Bergdoktor“ Hans Sigl für Österreich, Francis Fulton-Smith für England, Ornella Muti für Italien, Lilly Becker für die Niederlande und der Franko-Mexikaner Rolando Villazón für Frankreich. Ehrengast ist „Kulis“ Sohn Kai Joachim Kulenkampff, der als Radiologe in Wien arbeitet. Und wer ist der „Butler“ am Ende? Das soll eine Überraschung sein. Hoffen wir, dass Eckart von Hirschhausen keine Zeit hatte. Ist das jetzt Markenpflege oder Ideenlosigkeit? Ist die Reanimation eines Steinzeitformates ein Zeichen der Hilflosigkeit oder eine stolze Rückbesinnung auf die eigenen Stärken? Man vergisst das gerne mal, aber in Paragraph 11 des Rundfunkstaatsvertrags heißt es, die Angebote der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten „haben der Bildung, Information, Beratung und Unterhaltung zu dienen“. Heißt: Entertainment ist ein Staatsauftrag.

Es wäre freilich ungerecht, die laufende Unterhaltungsoffensive im Ersten auf die Wiederbelebung scheintoter Showzombies zu reduzieren. Langsam, ganz langsam, tut sich dann doch etwas mehr beim alten Dampfer. Nach dem Aus für Reinhold Beckmanns Donnerstagstalk im Herbst wird endlich ein wöchentlicher Sendeplatz für Satire frei. Möglicherweise rückt die NDR-Satireshow „extra 3“ nach nur 37 Jahren im Dritten Programm regelmäßig ins Erste. Die Fernsehdirektoren müssen aber noch zustimmen. In Arbeit ist auch eine Samstagabendshow für die allgegenwärtige Barbara Schöneberger. Und für „Verstehen Sie Spaß?“ mit Guido Cantz, das auf überraschend ordentliche Zahlen bei den Jüngeren kommt, plant ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber eine Frischzellenkur.

„Diese Marke möchten wir revitalisieren“, sagte Schreiber dem „Spiegel“. Das Format sei „das ,Wetten, dass ...?‘ der Achtziger“ – ein Vergleich, der angesichts der Rekordquotenflaute bei den ZDF-Kollegen möglicherweise etwas unglücklich gewählt ist. Und auch von einer gemeinsamen Show für Pflaume und Pilawa ist die Rede, RTL hat’s mit Günther Jauch und Thomas Gottschalk („Die Zwei“) gerade vorgemacht. Pilawa, Pflaume, Schöneberger – keine jungen Hüpfer, aber bewährt.

Und nebenan? Beim ZDF? Dort will man der „Wetten, dass ...?“-Krise weiterhin mit Sitzfleisch begegnen, ist völlig zu Recht stolz auf die „heute-show“ mit Oliver Welke und bastelt an einem neuen Format für Urban Priol, der seine „Anstalt“ gerade in die Hände der Satirenachrücker Claus von Wagner und Max Uthoff übergeben hat. In Vorbereitung ist eine Sendung, die von den Kabarettisten Christoph Sieber und Tobias Mann moderiert werden soll. Hartnäckig halten sich außerdem Gerüchte über neue ZDF-Formate für die unverwüstlichen Veteranen Hape Kerkeling und – Otto Waalkes. 65 Jahre alt ist der ewige Friesenjung im Sommer geworden. Das sind auch nur vier Jahre mehr als der durchschnittliche ZDF-Zuschauer (60,6 Jahre).

„Komik ist immer ein Spiel aus Erwartung und Überraschung“, hat Otto Waalkes mal gesagt. „Nur die Erwartungen zu bedienen reicht nicht.“ Das gilt genauso auch für öffentlich-rechtliche Fernsehunterhaltung.

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