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Medien & TV Götz George spielt seinen Vater Heinrich
Nachrichten Medien & TV Götz George spielt seinen Vater Heinrich
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14:26 23.07.2013
Umgeben von Nationalsozialisten: Heinrich George (Götz George, M.) mit Joseph Goebbels (Martin Wuttke, l.) bei einem Interview. Quelle: ARD
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Hannover

Götz George ist omnipräsent in diesem Dokudrama über seinen Vater Heinrich: In den Spielszenen von Joachim Langs schlicht  „George“ betiteltem 113-Minuten-Werk stellt der 74-Jährige seinen Vater, der 1946 mit 52 Jahren starb, selbst dar. Und in den Interviewsequenzen erinnern sich Götz und sein älterer Bruder Jan George an den Schauspiel-Giganten Heinrich. Sie nennen ihn einfach „George“, als sprächen sie nicht über den Vater, sondern über den Star.

Für Götz, der seinen Vater im Alter von sechs Jahren verlor, ist Heinrich George ein Schatten. Ein unerreichbares Vorbild, wie der Sohn findet. Jeder andere würde Götz, der am heutigen Dienstag seinen 75. Geburtstag feiert, als einen der wichtigsten Film- und Fernsehschauspieler der Bundesrepublik bezeichnen. Götz aber hängt immer noch an dem Satz seines Vaters: „Ein Genie in der Familie reicht.“

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Götz nennt die Mimen der dreißiger Jahre „Giganten“ und die heutige Zeit „Mittelmaß“. Gigantisch aber war auch das moralische Dilemma, in das Heinrich George 1933 sehenden Auges hineinwalzte: Obwohl er hoch dotierte Angebote aus Hollywood hatte, blieb er in Hitlers Deutschland, machte Kompromisse, ließ sich benutzen, machte sich schuldig. George hatte bei Bertolt Brecht und Erwin Piscator linkes Agitationstheater gemacht, nun spielte er in „Hitlerjunge Quex“ einen kommunistischen Vater, der seinem Sohn die „Internationale“ einprügelt. „Ein grottenschlechtes Drehbuch, ich spiele es trotzdem“, sagt Götz als Vater Heinrich in einer Spielszene. „Hitler ist nur ein schlechter Schauspieler, der wird umbesetzt“, tönt der massige Mime kurz nach der Machtübernahme der Nazis bei einer Feier in seiner Berliner Villa am Wannsee. „Jetzt wird gefeiert!“

TV-Tipp

„George“, ARD, Dokudrama mit Götz George; Mittwoch, 24. Juli, 21.45 Uhr

Bald aber wollen die Nazis mehr von George, wollen dessen Popularität nutzen. „Es ist leichter, aus einem guten Schauspieler einen Nationalsozialisten zu machen als umgekehrt“, sagt Martin Wuttke als Joseph Goebbels in einer Spielszene. Goebbels wusste Georges Spielwut und dessen Liebe für die deutschen Klassiker zu nutzen. Es folgten: 1938 die Intendanz des Berliner Schiller-Theaters und 1940 die Rolle in Veit Harlans antisemitischem Hetzfilm „Jud Süß“.

Veit Harlan aber kommt in „George“ nicht vor – und das ist das entscheidende Manko an dieser gut gemachten Produktion, die wie viele deutsche Geschichtsfilme von Nico Hofmanns Produktionsfirma „Teamworx“ stammt. Der Film erzählt die Geschichte Heinrich Georges vom Ende her: Wir sehen den Großschauspieler als Gefangenen, befragt vom sowjetischen Geheimdienstoffizier Bibler (Samuel Finzi). Bibler will George Propaganda für die Nazis nachweisen. Der aber besteht darauf, immer nur gespielt zu haben. Bibler bohrt nach, will verstehen. Schließlich platzt dessen Vorgesetzten der Kragen: George landet im Speziallager Sachsenhausen, ohne Prozess. Dort spielt er bis zu seinem Tod weiter Theater. Nie wollte er in einer anderen Sprache als Deutsch spielen, doch sein letztes Stück, Puschkins „Postmeister“, gibt er auf Russisch. Für die Wachmannschaften.

Der Film ist hervorragend gemacht: Spielszenen, Interview und Making-of-Sequenzen sind meisterhaft kombiniert. Die Georges umtänzeln sich: Götz, Heinrich und Götz als Heinrich nähern sich an, fliehen, werden verglichen. Doch Götz und Jan George haben ein Ziel: Heinrich zu entlasten. Und Regisseur Lang hilft ihnen dabei. Zwar verschweigt der Film nichts von dem, was Heinrich George belastet. Nicht die Dankesworte an Adolf Hitler bei der Eröffnung des Schiller-Theaters 1938, sechs Tage nach der Pogromnacht. Nicht seine Hauptrollen in den Veit-Harlan-Propagandafilmen „Jud Süß“ und „Kolberg“. Nicht seine Teilnahme bei der Sportpalast-Rede, als Goebbels „Wollt ihr den totalen Krieg?“ brüllte. Und auch nicht seine Durchhalteparolen im „Völkischen Beobachter“ kurz vor Kriegsende. Doch weitaus mehr Zeit verwendet Lang darauf, Georges Hilfe für verfolgte Kollegen in den Mittelpunkt zu stellen. Und so bekommt dieser Film – den die ARD trotz Protesten von Götz George und anderen erst um 21.45 Uhr zeigt – Schlagseite.

Von Jan Sternberg

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