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Medien & TV ARD zeigt RAF-Drama „In den besten Jahren“
Nachrichten Medien & TV ARD zeigt RAF-Drama „In den besten Jahren“
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20:23 13.12.2011
Gemeinsame Suche nach der Wahrheit: Fernsehtechniker Karl Wenzelburger (Matthias Brandt) mit Erika Welves (Senta Berger) am holländischen Strand.
Gemeinsame Suche nach der Wahrheit: Fernsehtechniker Karl Wenzelburger (Matthias Brandt) mit Erika Welves (Senta Berger) am holländischen Strand. Quelle: ARD
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Ein Film über die namenlosen Opfer der Rote-Armee-Fraktion (RAF) – das war überfällig. Gedreht hat ihn nun der renommierte und mit zahlreichen Film- und Fernsehpreisen ausgezeichnete 60-jährige Regisseur Hartmut Schoen, der – wie auch in diesem Fall – fast ausschließlich eigene Drehbücher verfilmt. Unterstützt wird Schoen dabei von einer ganzen Schar anerkannter Schauspieler, die auch kleinste Rollen in diesem Drama übernommen haben. Im Mittelpunkt von „In den besten Jahren“ steht aber eine ganz Große ihres Gewerbes: Senta Berger, die auch in diesem ARD-Mittwochsfilm wieder einmal brilliert.

Berger spielt Erika Welves, die Frau eines Polizisten (Matthias Koeberlin), der vor 41 Jahren bei einer Verkehrskontrolle von einem RAF-Mitglied erschossen wurde. Die Frau hat die Tat auch nach all den Jahren nicht verkraftet, geschweige denn bewältigt. Ihr Leben ist damals gleichsam stehen geblieben. So wohnt sie beispielsweise noch immer in derselben dunklen Wohnung wie damals, auch die Einrichtung hat sich nicht wesentlich verändert. Ja, man hat als Zuschauer das Gefühl, dass Erika sich in eine Art Wohn- und Schutzhöhle zurückgezogen hat. Außerdem hat sie jahrelang unter starken psychischen Problemen gelitten, ist sogar eine Zeit lang in der Psychiatrie gewesen. Und sie erschrickt auch heute noch, wenn sie einem Mann begegnet, der nur entfernt dem Mörder ihres Mannes ähnelt.

Was für Erika erschwerend hinzukommt, ist die Tatsache, dass der Mörder nie verurteilt oder seiner Tat überführt wurde. Er erhielt nämlich den Status des Kronzeugen, wurde nach den Prozessen also mit neuer Identität ausgestattet und erhielt vom Staat für einen Neustart sogar Geld. Für Erika ist dies einfach schreiendes Unrecht, sie fühlt sich dadurch gedemütigt und verletzt. Und denkt an Rache, die man dieser Frau allerdings nie so richtig zutraut. Aber es gibt noch ein Opfer dieses fiktiven RAF-Mordes: Erikas Tochter (Christina Große), die ihr Leben lang unter ihrer traumatisierten Mutter gelitten hat. Und die bisweilen, wie sie sagt, sogar eifersüchtig auf ihren toten, aber in der Familie allgegenwärtigen Vater ist.

Als ein Journalist (Felix Eitner) über Erikas Leid schreiben möchte und sie dafür ausführlich befragt, brechen die alten, nie richtig verheilten Wunden wieder auf. Erika muss und will nun handeln, ihre Schutzhöhle verlassen, um sich auf die Suche nach dem Mörder ihres Mannes zu machen. Dabei wird sie unterstützt von dem Fernsehtechniker Karl (Matthias Brandt), den sie zufällig kennengelernt hat und dessen Frau vor Jahren verstorben ist. Wohin die Reise diese beiden führt, wird nicht verraten.

Inszeniert ist dieser karge, spröde Film wie ein Kammerspiel in mehreren Akten. Auf Rückblenden wird dabei außer im Prolog vollständig verzichtet, auch andere filmische Tricks fehlen. Stattdessen verfolgt der Zuschauer Erikas Suche nach dem Mörder, bei der es dann zu Gesprächen mit einem Zeugen (Manfred Zapatka), mit dem damaligen Richter (Burghart Klaußner) und schließlich der Mutter (Ellen Schwiers) des Mörders kommt. Beachtlich ist vor allem Senta Bergers Leistung, die über ein erstaunliches darstellerisches Repertoire verfügt. So wirkt sie mal erschreckend hilflos und verletzt, dann agiert sie entschlossen und zornig, um kurz danach so rigide aufzutreten, dass sie für einen Moment sogar unsympathisch erscheint. Eine Glanzleistung, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Und ein Film, dessen Kronzeugenproblematik durch das mörderische Nazi-Trio von Zwickau Aktualität erhalten hat.

„In den besten Jahren“ | ARD
RAF-Drama mit Matthias Brandt
Mittwoch, 20.15 Uhr

Ernst Corinth