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Medien & TV ARD zeigt die Doku „Acht Türken, ein Grieche und eine Polizistin“
Nachrichten Medien & TV ARD zeigt die Doku „Acht Türken, ein Grieche und eine Polizistin“
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21:30 11.12.2011
In München haben Demonstranten Namensschilder und Rosen im Gedenken an die Opfer niedergelegt – wie die Doku zeigt, hieß das fünfte Opfer nicht Yunus, sondern Mehmet.
In München haben Demonstranten Namensschilder und Rosen im Gedenken an die Opfer niedergelegt – wie die Doku zeigt, hieß das fünfte Opfer nicht Yunus, sondern Mehmet. Quelle: dpa
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Jahrelang sprachen Presse und Fahnder von „Döner-Morden“. Die Opfer kamen aus Einwandererfamilien. Das Interesse an den Toten war gering – bis sich herausstellte, dass Neonazis dahintersteckten. Ein ARD-Film will nun den Menschen ein Gesicht geben, die von der Zwickauer Terrorzelle ermordet wurden.

Die Angehörigen mussten nicht nur mit dem Tod ihrer Liebsten klarkommen. Sie wurden auch durch Mutmaßungen verletzt und eingeschüchtert – von einer Verwicklung der Opfer in Drogenhandel war die Rede, von Blutrache und Spielschulden. „Es hat überhaupt keinen interessiert, wer gestorben ist“, so fasst Fernsehautor Matthias Deiß die Gefühle der Angehörigen zusammen.

Am Montagabend um 22.45 Uhr läuft der 45-minütige Film im Ersten. Am Freitag wurden erste Ausschnitte aus der WDR/NDR/RBB-Koproduktion „Acht Türken, ein Grieche und eine Polizistin“ vorgestellt. Drei Wochen hatten die Autoren Zeit. Sie mussten das Vertrauen der Angehörigen wiedergewinnen, die von den Fahndern und den Medien enttäuscht waren. „Das war eigentlich das Schwierigste“, sagt Deiß, der die Doku als „eine Art Denkmal“ sieht.

Zum Beispiel für den Blumenhändler Enver Simsek, einen Familienvater, der im Jahr 2000 am Straßenrand von Nürnberg erschossen wurde. Aus Angst will seine Tochter ihr Gesicht nicht vor der Kamera zeigen. Sie litt unter den Spekulationen, ihr Vater habe nicht nur Blumen, sondern auch Drogen aus Holland importiert. „Ich bin schon Opfer gewesen, und dann wurde ich auch noch abgestempelt.“

Die Filmrecherchen nahmen eine überraschende Wendung, als es um das fünfte Opfer der Mordserie ging. In einem Rostocker Imbiss wurde demnach im Jahr 2004 nicht wie angenommen Yunus Turgut, sondern sein Bruder Mehmet getötet. Die Opferliste müsse neu bearbeitet werden, sagt Deiß. Die Verwechslung entstand demnach durch falsche Bilder in den Pässen der Brüder. Der Fehler der türkischen Behörden sei den deutschen Fahndern nicht aufgefallen.

Das Landeskriminalamt in Mecklenburg-Vorpommern dementierte das noch am Freitagnachmittag. Die Polizei habe schon zu Beginn der Ermittlungen von der falschen Identität gewusst. Mehmet sei mit den Personalien seines Bruders nach Deutschland eingereist.

Im Film ist der Grabstein des Neonazi-Opfers in einem türkischen Bergdorf zu sehen. Darauf steht der Name Mehmets. In einer Resolution des Bundestags war im November noch von Yunus Turgut die Rede. Mehmets Eltern wussten laut der Doku im abgeschiedenen Anatolien nicht, dass die mutmaßlichen Mörder ihres Sohnes tot sind. Die Bundesregierung habe sich noch nicht bei ihnen gemeldet.

Kenan Kolat, der Bundesvorsitzende der türkischen Gemeinde in Deutschland, kritisierte bei der Filmvorstellung am Freitag, die Anteilnahme der Deutschen sei nicht so, wie er sie sich gewünscht hätte. Es werde lange Jahre dauern, bis das Vertrauen wieder hergestellt sei. Kolat fordert den deutschen Staat auf, auch alte Fälle von Brandstiftungen an türkischen Einrichtungen aufzuklären. Ob ein NPD-Verbot sinnvoll sei, sollte seiner Meinung nach gar nicht erst diskutiert werden. „Man muss es umsetzen.“

„Acht Türken, ein Grieche
und eine Polizistin“ | ARD
Doku mit den Angehörigen der Opfer
Montag, 22.45 Uhr

Caroline Bock