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22:19 28.01.2014
Aufsehenerregender Justizirrtum: Der Fall des Pforzheimer Bauzeichners Harry Wörz steht für die Kraft und den Durchhaltewillen, mit denen die Korrektur eines Fehlurteils erkämpft wurde. Quelle: dpa
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Harry Wörz wurde mehr als zwölf Jahre lang einer Straftat beschuldigt, die er nicht beging. Der Mann aus Pforzheim saß viereinhalb Jahre unschuldig im Gefängnis. Er kämpfte sich mehrfach durch alle Instanzen. Erst Ende 2010 gelang der endgültige Freispruch vom Vorwurf des Mordversuchs an seiner Frau, von der er getrennt lebte. Nun ist Harry Wörz frei, verschuldet und psychisch am Ende. Ein Einzelfall ist er nicht. Horst Arnold saß wegen eines falschen Vergewaltigungsvorwurfs im Gefängnis. Die Verurteilung der Frau, die sein Leben zerstört hat, erlebte er nicht mehr, weil er vorher tot vom Fahrrad fiel. Und was ist mit Jörg Kachelmann? Und vielleicht – in ganz anderer Angelegenheit – mit Christian Wulff?

Ist es Journalisten, Polizisten, Staatsanwälten zunehmend gleichgültig, wenn sie für eine gute Story, einen schnellen Ermittlungserfolg, eine spektakuläre Anklage Leben zerstören? Hoffentlich nicht. Hoffentlich haben diejenigen recht, die vielmehr einen funktionierenden Rechtsstaat darin sehen, dass die Fehlurteile im Fall Wörz und Arnold überhaupt erkannt wurden. Sie sagen: Kachelmann ist doch freigesprochen worden, und Wulff wird es demnächst doch auch.

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Am heutigen Mittwoch zeigt die ARD den Spielfilm „Unter Anklage: Der Fall Harry Wörz“. Till Endemann führte Regie und schrieb mit Holger Joos auch das Drehbuch für diese Teamworx-Produktion. Es ist ein wichtiger Film. Denn er lässt erahnen, was es für einen Menschen bedeutet, gejagt zu werden. Von Polizei, Justiz, Presse. Wie es ist, über Jahre einer institutionellen Übermacht ausgeliefert zu sein und eigene Ohnmacht zu erleben. „Jetzt soll es auch der Letzte begreifen, was mit mir passiert ist“, so sagt es Harry Wörz selbst.

War es fatale Kungelei innerhalb einer verschworenen Gemeinschaft? War es Inkompetenz? Zufall? Kann es so viel Inkompetenz und Zufall geben? Die Maxime schien zu lauten: Mochte die Beweislage auch noch so dünn sein, Harry Wörz muss der Täter sein – als einziger Nicht-Polizist im Umfeld der Tat.

Gegen den Liebhaber von Wörz’ Frau, den das Gericht in der Urteilsbegründung als „den wahrscheinlichen Täter“ bezeichnete, wurde eher rudimentär ermittelt. Der Mann ist Polizist wie das Opfer und dessen Vater. Die ermittelnden Beamten sind Kollegen des Liebhabers. Im Januar 2013 werden die Ermittlungen im Fall Wörz endgültig eingestellt. Wer die Frau 1997 fast gehirntot gewürgt hat, weiß bis heute nur der Täter. Das Opfer ist seit der Tat schwerstbehindert. Die Frau kann es nicht verraten.

Felix Klare, der Stuttgarter „Tatort“-Kommissar, spielt Wörz’ Anwalt Hubert Gorka. Dass Gorka nach einigem Zögern schließlich in den Film einwilligte, soll auch an Klares Besetzung gelegen haben. Klares zurückgenommene Darstellung des Anwalts ist keine dokumentarische, in die Figur sind noch weitere Menschen aus dem Umfeld von Wörz eingeflossen: ein zweiter Anwalt und ein Pfarrer. Im Film ist Anwalt Gorka der Held, der nicht aufgibt, sondern noch in scheinbar aussichtsloser Lage zu kämpfen beschließt. Rüdiger Klink kommt in seiner Darstellung des heute 47-jährigen Harry Wörz dem Original sehr nah: breiter schwäbischer Dialekt, einfache Sprache, eine durch Kampfestrotz überdeckte Verzweiflung als Grundhaltung.

Der Fall Wörz hat kein Happy End. Nicht im Leben, nicht im Film. Vielleicht aber trägt der Fall dazu bei, Polizisten, Juristen, Journalisten an die fundamentale Bedeutung der Unschuldsvermutung zu erinnern. Deswegen ist es gut, dass es diesen Film gibt. Deswegen ist es gut, dass er zur Hauptsendezeit in der ARD läuft. Und deswegen ist es gut, dass im Anschluss Anne Will über Justizirrtümer diskutiert. Harry Wörz hat davon nichts mehr, Horst Arnold auch nicht. Aber vielleicht der nächste Wörz oder der nächste Arnold.

Von Wiebke Ramm

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