Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Medien & TV ARD zeigt zweiteiligen Thriller „Russisch Roulette“
Nachrichten Medien & TV ARD zeigt zweiteiligen Thriller „Russisch Roulette“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:12 01.01.2012
Von Stefanie Nickel
Da ist noch alles gut: Katherina Wagner (Katharina Böhm) spielt mit ihrem Sohn Nikolai (Emil Kafitz) in Sankt Petersburg Eishockey. Quelle: ARD
Anzeige
Hannover

Eigentlich wollte sie ihrem Sohn in Sankt Petersburg nur seine Wurzeln zeigen. Nikolai sollte ein Gefühl für den Mann bekommen, der sein Vater ist und den er nie kennenlernen wird. Denn der Investigativjournalist Viktor hat Selbstmord begangen – so die offizielle Version. Doch bevor Katherina Wagner (Katharina Böhm) ihrem Sohn Sankt Petersburg so richtig zeigen kann, passiert das, was wohl der Albtraum einer jeden Mutter ist: Nikolai verschwindet im Gewühl der fremden Großstadt. Schnell wird klar, dass sein Verschwinden kein Zufall ist, sondern Vorsatz. Auf der Suche nach ihrem entführten Kind stößt die ehemalige Journalistin Katherina auf ein Netz krimineller Machenschaften und bekommt Zweifel an dem vermeintlichen Selbstmord ihres Mannes.

Der ARD-Zweiteiler „Russisch Roulette“ ist aus dem Stoff, der Zuschauer packen kann: Da ist der steinreiche Oligarch Alexej Romanowitsch (Merab Ninidze), der seine Vormachtstellung in der Stadt durch brutale Schlägertrupps absichert und in dessen Umkreis Katherinas Mann kurz vor seinem Tod recherchiert hat. In exklusiven Klubs feiert der mächtige Mann Zigarre rauchend rauschende Partys, auf denen Kaviar und Champagner gereicht werden. Auf der anderen Seite stehen Viktors Exkollegen, ein kleiner Trupp von Journalisten, der gegen die herrschende Korruption und Bestechung anzurecherchieren scheint. Und da ist der gutmütige Pole Adam (Heinz Hoenig), der ständig an Katherinas Seite auftaucht, um sie aus gefährlichen Situationen zu retten. Schnell vermischen sich allerdings die Ebenen, und Gut ist von Böse nicht länger zu trennen. Es wird immer unklarer, wem sie trauen kann. Auf einmal wirken viele in ihrem Umfeld verdächtig.

Anzeige

Regisseur Joseph Vilsmaier und Drehbuchautor Rolf-René Schneider haben einen spannenden Handlungsstrang entwickelt, und doch bleibt das Fernsehdrama letztlich unglaubwürdig. Die Charaktere sind allzu eindimensional, die Dialoge wirken genauso konstruiert wie die Beziehungen der Figuren untereinander. Eine besonders wesenlose Figur ist der Schachmeister Boris Sorokin (Klaus Ofcrarek), dessen Geschichte Viktor kurz vor seinem Tod aufschrieb. „Schach ist das Leben, und Leben ist Schach. Sie sind Teil dieses Spiels“, sagt er an einer Stelle zu Katherina. Die bedeutungsschweren Worte verhallen letztlich hohl und saftlos. Katherina sei in diesem Spiel die „weiße Dame“, schwant er noch, bevor er aus dem Hinterhalt erschossen wird. Auch der Schauplatz dient Vilsmaier nur als Kulisse, vor der er namhafte Schauspieler herum­turnen lässt. Es sind schöne Postkartenansichten, die die Kamera von Sankt Petersburg einfängt: Paläste und Kathedralen erscheinen in „Russisch Roulette“ in künstlichem Licht, die Eremitage erhebt sich prunkvoll auf dem Palastplatz, und die Lichter der Nacht reflektieren sich in unzähligen Kanälen. Letztlich sind es aber Bilder, die man auch auf den Hochglanzseiten einer Reisebroschüre findet. Das Ganze könnte auch in einer anderen Stadt spielen.

Wie vielschichtig, differenziert und intelligent auch eine Fernsehproduktion die Verstrickungen der Russenmafia in Szene setzen kann, hat die zehnteilige Krimiserie „Im Angesicht des Verbrechens“ von Drehbuchautor Rolf Basedow und Regisseur Dominik Graf über die russische Mafia in Berlin gezeigt. Die Krimiserie, die im Ersten, auf arte und auf der Berlinale 2010 zu sehen war, wurde mit dem Deutschen Fernsehpreis, dem Grimme-Preis und dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Der Zweiteiler „Russisch Roulette“ kann sich mit dieser Serie nicht messen. Neues erzählt der Film nicht, stattdessen bedient er alte Klischees vom Kaviar essenden und Champagner trinkenden, korrupten Russen. Unterhaltung und Spannung scheinen hier Selbstzweck zu sein.

„Russisch Roulette“ | ARD
Zweiteiliger Thriller
Montag und Dienstag, 20.15 Uhr

Stefanie Nickel 31.12.2011
Imre Grimm 31.12.2011