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Medien & TV Ab Herbst 2011 wird in der ARD fünfmal in der Woche getalkt
Nachrichten Medien & TV Ab Herbst 2011 wird in der ARD fünfmal in der Woche getalkt
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19:04 10.12.2010
Von Imre Grimm
Günther Jauch und Anne Will laden zur Gesprächsrunde. Quelle: dpa
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Vor ein paar Jahren gab es mal ein interessantes TV-Experiment: Da saßen die damaligen Heroen des deutschen Talkshowgeschäfts im Kreis, eine halbe Fernseh-Ewigkeit lang: 30 Minuten – und schwiegen. Roger Willemsen, Jürgen Domian, Alfred Biolek, Arabella Kiesbauer, Bärbel Schäfer und Giovanni di Lorenzo sagten: nichts. Und die Kameras liefen. Die Diplomarbeit eines Kölner Medienstudenten ist auf DVD erschienen. 30 Minuten Ruhe kosten 2,99 Euro.

Ruhe ist ein seltenes Gut. 33 Talkshows gehen im Wochenschnitt auf Sendung. 33 Redaktionen buhlen um Gäste, Themen, Zuschauer. „Die Deutschen sind sehr gesprächig“, stöhnte kürzlich der frühere US-Botschafter John Kornblum bei „Anne Will“. Und von Herbst 2011 an, wenn Günther Jauch sonntags in der ARD an den Start geht – so haben es die ARD-Intendanten jüngst beschlossen – wird im Ersten praktisch durchpalavert: montags Plasberg, dienstags Maischberger, mittwochs Will, donnerstags Beckmann, freitags die Talks in den Dritten, dazu Lanz und Illner im ZDF. Deutschland einig Laberland.

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Die Frage, die in den Quatschbuden der Republik freilich niemand stellt, lautet: Wem nützt das alles? Die politischen Talkshows bei ARD und ZDF sehen sich selbst als Ersatzparlamente, als neuzeitliche Dorfbrunnen des Politbetriebs. Aber nicht zuletzt die große Heiner-Geißler-Show zu „Stuttgart 21“ live auf Phoenix hat gezeigt, dass öffentliches Darübersprechen noch lange keine Lösung bringt. In Wahrheit beschränken sich die Runden bei Maischberger & Co. in der Regel auf den rituellen Austausch erwartbarer Wortstanzen. Thema? Egal, wie wir’s diese Woche nennen – Hauptsache, ich bin im Bild.

Zwanghaft wirkt das, und eitel. Talkmaster wie Gäste wissen: Wer redet, signalisiert Transparenz und Expertise. Wer schweigt, gilt als nichtssagend. Talkshows wirken demokratisch, als böten sie Gelegenheit zur Neuausrichtung politischer Überzeugungen. In Wahrheit aber sind sie simulierte Partizipation. Und das aktuelle Übermaß offenbart zwei entscheidende Mängel. Erstens: Die Frequenz erhöht nicht zwingend die Substanz. Und zweitens: Die demokratiefördernden Eigenschaften einer Talkshow verwässern, wenn immer dieselben Gäste zu Wort kommen. Warum immer wieder Hans-Olaf Henkel, Klaus Kocks, Norbert Blüm, Peter Scholl-Latour und Gerhart Baum? Antwort a) Weil der Phänotyp „knorriger alter Mann“ dem klassischen, reiferen ARD-Talkzuschauer entspricht. Und b) Weil niemand sonst zur Verfügung steht. Die Gäste werden knapp. Rund 100 meinungsfreudige Persönlichkeiten benötigt die Maschinerie pro Woche. Die Redaktionen kannibalisieren sich gegenseitig.

Was wäre ein Ausweg aus dem Immergleichen? Harald Schmidt kehrt zu SAT.1 zurück – höchste Zeit fürs Erste, eine kluge, leichte Late-Night-Show zu etablieren. ZDFneo probiert’s mit Benjamin von Stuckrad-Barre, das ZDF feiert mit Oliver Welkesheute-show“ Erfolge. Hier täte sich eine Lücke auf, mit der die ARD vielleicht auch mal vom 50-minus-Publikum wahrgenommen würde.

Stattdessen: Vertrautes. Opfer des anschwellenden Redeflusses sind Reportagen und Dokumentationen. Dass Plasberg die Dokumentarfilmer montags vom 21-Uhr-Sendeplatz verdrängt, empört die Branche – und nicht wenige Zuschauer. Doch manche ARD-Intendanten vermitteln den Eindruck, sie hielten Dokus für Quotengift und Selbstverwirklichungsfirlefanz überbezahlter Autoren. „Nichts erschreckt mich mehr als ein Lob des Feuilletons“, sagte ARD-Programmdirektor Volker Herres kürzlich – und klang ganz wie sein Vorgänger Günter Struve, unter dessen Einfluss das Jugendwort des Jahres „Niveaulimbo“ bei der ARD eine ganz eigene Blüte erlebte. Problem: Dokus kosten Geld. Talkshows dagegen sind billiges, mit geringem Aufwand produziertes Fernsehen – quasi Kochshows ohne Herd.

ARD und ZDF stecken in der Zwickmühle. Die Marktanteile beider Sender waren 2009 so gering wie noch nie. Erstmals in der deutschen Fernsehgeschichte wird RTL im Jahr 2010 aller Voraussicht nach als neuer Gesamtmarktführer die ARD überholen. Herres muss handeln. Auffällig grob geißelte er kürzlich das RTL-Programm als „zwischen anal und banal“. Mit plumpem Herziehen über die Konkurrenz aber wird Herres den Kahn nicht wieder flottmachen. Die ARD will jüngere Themen in Kürze in einen eigenen Digitalkanal für junge Zuschauer auslagern. Es wäre ein Armutszeugnis.

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