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19:45 08.12.2011
Flusspferde, Hautpflege, Rätsel: Die altehrwürdige Fernsehzeitschrift „Hörzu“ feiert ihren 65. Geburtstag – und überlässt die kritische Berichterstattung über das TV-Geschehen schon seit Jahren lieber anderen.
Flusspferde, Hautpflege, Rätsel: Die altehrwürdige Fernsehzeitschrift „Hörzu“ feiert ihren 65. Geburtstag – und überlässt die kritische Berichterstattung über das TV-Geschehen schon seit Jahren lieber anderen.
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Ich lese ,Hörzu‘ wegen der spannenden und bewussten Berichte über Frauen.“ Es klingt leicht überholt, wie Alice Schwarzer der alten Zeitschriftentante vor 15 Jahren zum 50. Geburtstag gratuliert. Wenn „Deutschlands erstes TV-Magazin“, wie sich „Hörzu“ nennt, am Sonntag ins Rentenalter eintritt, ist von Deutschlands erster Feministin kein Lob zu erwarten. Denn „bewusste Berichte über Frauen“ oder sonst irgendwas finden sich darin kaum noch.

Merkwürdig eigentlich. Dabei ist Fernsehen nicht bloß Zeitvertreib, sondern für viele geradezu Lebensinhalt. Wer fernsieht, tut dies im Schnitt fast vier Stunden täglich. Er spricht, klagt, freut sich darüber. Da könnte man meinen, Deutschlands älteste Fernsehzeitschrift hätte viel darüber zu erzählen. Doch „Hörzu“ erzählt auch in ihrer Geburtstagsausgabe etwas anderes: zwei Tiergeschichten (Flusspferde, Eichhörnchen) finden sich darin, zwei medizinische (Pillen, Hautpflege), eine Heimat- und eine Technik-Story (Winterwunder, Weltraumreisen), je eine Gewinnspielkooperation (Gospelchor) und Leserumfrage (zu Lieblingsstars) – dann regiert das Programm der Woche. Nicht ein journalistisches TV-Thema in dem Medium, das die Programmzeitschrift als Genre einst gebar – nicht viel für die älteste Europas.

Als Axel Springers erste „Hör Zu!“ (bis 1972 schrieb man sich in zwei Worten) am 11. Dezember 1946 an den Kiosken lag, ging es für 30 Pfennig ausschließlich um den Rundfunk – das Radio, wohlgemerkt. Reparaturtipps inklusive. Erst drei Jahre später kamen Stars, Kunst, Wissen, Mode, Sport und Zeitgeschehen hinzu und irgendwann sogar Fernsehen. „Hörzu“ war die Illustrierte zum Abschalten per Einschaltknopf, ein gedrucktes Sedativ der jungen Republik, wie „Quick“ und „Revue“. Aber eben doch: ein Medienmagazin, dessen Inhalt nicht nur Anlass für Promi-Präsenz, Service und Tierbabys liefert wie heute. So gesehen entspricht die Entwicklung der „Hörzu“ der des Fernsehens insgesamt: Beide werden immer glitzernder, schlichter, stromlinienförmiger, beide wollen nur noch spielen.

Das hat vor allem mit dem dualen System zu tun. Als 1984 der Privatfunk startete, bekam das halbe Dutzend Platzhirsche von „Gong“ bis „Funk Uhr“ plötzlich reichlich Konkurrenz. Auch ästhetisch. Neue wöchentliche Blätter wie die „Bildwoche“ und 14-tägliche, die 1990 mit der „TV Spielfilm“ hinzukamen, erhöhten den Wettbewerbsdruck. Heute ringen 33 TV-Titel im Zeitschriftenregal um 17 Millionen Kunden, die vornehmlich zweiwöchentliche Magazine kaufen. Hinzu kommen 8,6 Millionen Exemplare des Gratisblattes „rtv“, das 200 Tageszeitungen beiliegt. So wächst der Druck auf die (wöchentlich erscheinende) „Hörzu“ weiter. Mit 1,3 Millionen liegt ihre Auflage fünfmal höher als 1946 – aber nur bei einem Viertel der siebziger Jahre. Da heißt es sparen.

Und das sieht man. „Welche Themen die ,Hörzu‘ mit welchem Bildmaterial auf dem Cover präsentiert, entscheidet die Redaktion für jede Ausgabe individuell“, beteuert Verlagsgeschäftsführer Jochen Beckmann. Die Entscheidung fällt jedoch meist auf „Stockfotos“: Bilder von der Stange mit plakativen Heimatansichten, Billigmodels und Symbolen. Selbst Starporträts sind zu teuer fürs Titelblatt. Es regiert der Sachzwang. Optisch wie dramaturgisch.

Im Jubiläumsjahr 2011 war jede fünfte Ausgabe frei von jeglicher TV-Kritik. Im Frühling ging es mal um die Neugründung des ZDF-Digitalablegers ZDFkultur, im Sommer ums ARD-Projekt „Dreileben“, im Herbst um die Honorare der Showgrößen. Sonst klafft ein großes, inhaltliches Loch zwischen Lifta-Reklame und Promi-Geplauder. Über den skandalgeschüttelten MDR hat das Fachblatt 2011 ein einziges Mal berichtet: auf der Witzseite, nach dem Rätsel „Original & Fälschung“, das ja mal für eine Art Kultiviertheit im Blatt stand.

Aufgemacht mit Servicetiteln, gern als Rangliste der 100 besten Ärzte, schönsten Orte, tollsten Komiker, ignoriert das Berichtsorgan so sein eigenes Berichtsobjekt. Man will am Hamburger Axel-Springer-Platz niemandem wehtun und doch junge Leser gewinnen, die laut Verlagschef Beckmann „gebildet sind, über hohes Einkommen verfügen und gern und viel konsumieren“. Das mag zwar angesichts der überalterten Kundschaft ein Wunschbild sein, führte aber 2005 immerhin zu der Kampagne „Irgendwann nimmt man nicht mehr irgendwas“, die mit Schwarzen und Schwulen warb. Das war mutig. Mutiger jedenfalls als der Inhalt der „Hörzu“.

Auf allen Seiten herrscht ein Klima der Glückseligkeit. Selbst auf den Serviceseiten zum Schluss, wo Musik, Bücher und Filme bewertet werden, gilt der Querdaumen schon als Höchststrafe. Ansonsten regiert der erhobene Daumen: Alles super! Und der MDR? „Ist ein Thema, das gut auf den Medienseiten der Tageszeitungen und Nachrichtenmagazine aufgehoben ist“, findet Chefredakteur Christian Hellmann – und kündigt an, darüber zu berichten, sobald der Fall „für unsere Leser von Belang ist“. Das dürfte wohl erst der Fall sein, wenn Florian Silbereisen Intendant wird. Oder Chefredakteur der „Hörzu“. Beides scheint nicht ausgeschlossen.

Jan Freitag

08.12.2011
07.12.2011