Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Medien & TV Als wäre er ein DDR-Funktionär
Nachrichten Medien & TV Als wäre er ein DDR-Funktionär
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:39 19.10.2009
Von Klaus Wallbaum
Helmut Kohl ist in einem Spielfilm "Der Mann aus der Pfalz". Quelle: afp (Archiv)
Anzeige

Jetzt wissen wir, warum der alte Helmut Kohl so unglaublich dick und behäbig wirkt: Er hat ja kaum Bewegung. Man sieht ihn sitzen oder im Krankenbett liegen, er steht auch ein paar Mal, blickt dann reglos durch das Fenster – ohne jedoch die Kraft für das Beiseiteschieben der Gardine aufzubringen. Kohl ist ein Mensch, der gefangen wirkt in seiner Welt, eingezwängt von der Umgebung. Und wenn er denn mal gehen muss, beispielsweise durch einen Pulk der ungeliebten Journalisten und Kameraleute zum Podium des Parteitags, dann schiebt er sich vorwärts wie eine Dampfwalze. Der Koloss von Bonn. Ein Unmensch?

Fast empfindet man Mitleid mit diesem durchaus zum Selbstmitleid und zu Zweifeln über seine Entscheidungen neigenden Kanzler. Aber nur fast. Dass Kohl in diesen Spielszenen, mitten in seinem persönlichen Schicksalsjahr 1989, nicht sympathisch erscheinen will, liegt wohl an Darsteller Thomas Thieme. Der blickt so böse drein, dass man ihn nicht gern haben kann. Eine der letzten großen Rollen von Thieme war die eines brutalen DDR-Ministers im Oscar-preisgekrönten „Das Leben der Anderen“. Als Helmut Kohl ist Thieme jetzt gewissermaßen die Fortsetzung dieser Rolle: ein eiskalter, vom Machttrieb geprägter Politiker. Einer, der Mitarbeiter anbrüllt und seine Frau Hannelore abbürstet, der sich immer selbst genug ist. Auch dann, wenn er nicht weiß, was er tun soll – etwa angesichts der Demonstranten im Dezember 1989 in Dresden, die die Einheit schneller wollten, als es weltpolitische Umstände zuließen.

Anzeige

Thomas Schadts Fernsehfilm „Der Mann aus der Pfalz“ wurde vom ZDF (Dienstag, 20. Oktober, 20.15 Uhr) als „eindrucksvoller Blick hinter die Kulissen der Macht“ angekündigt. Doch dieser hohe Anspruch wird nicht ganz erfüllt. Zum einen konzentrieren sich die Macher auf zwei Phasen in Kohls Leben, seinen Aufstieg, der vor allem von Intrigen gegen den Ministerpräsidenten Peter Altmeier geprägt ist, und das Jahr 1989. Vor 20 Jahren hatte Kohl drei Herausforderungen zu bestehen – die starken Anfeindungen in der CDU, die fast zu seinem Sturz geführt hätten, eine schwere Prostata-Erkrankung und der Umbruch in Osteuropa. Diese Faktoren verknüpft der politische Fuchs so miteinander, dass es ihm am Ende zum Vorteil gereicht. Alles andere in Kohls politischem Leben aber blendet der Film aus – 16 Jahre Kanzlerschaft, 25 Jahre CDU-Vorsitz, vier Jahrzehnte Zugehörigkeit zum politischen Spitzenpersonal. Immehin: Der junge Helmut Kohl – gespielt von Stephan Grossmann – kommt wenigstens etwas sympathischer rüber. Und er bewegt sich noch, wirft sich mit Wucht auf einen Schlagbaum, der die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich markiert. Kohls Gewicht reicht auch damals schon aus, den Schlagbaum zu brechen.

Ratlos bleiben Zuschauer zurück, die sich eine Antwort auf die Frage erhofften, warum sich dieser Machtmensch so lange an der politischen Spitze halten konnte. War er doch kein Frauenheld und Charismatiker wie Willy Brandt, keine unumstrittene Autorität wie Konrad Adenauer, kein brillanter Redner wie Helmut Schmidt – sondern nur „einer aus Oggersheim“, ein Provinzler. Reichte zu seinem Erfolg allein die geschickte Machtpolitik, wie es dieser Film nahelegt?

Einige schöne Beispiele dafür gibt es jedenfalls. Da wird der aufmüpfige Heiner Geißler, den Kohl wohl nicht zu Unrecht der Illoyalität verdächtigt, eiskalt vom Kanzler abserviert. Wie ein Scharfrichter blickt Kohl, als er seinem Generalsekretär verkündet, ihn abberufen zu wollen. „Du bist nicht der Allmächtige“, schreit ein empörter Geißler daraufhin den Kanzler an und verlässt wütend den Raum. Doch was macht Kohl? Er füttert – äußerlich ungerührt – seine Fische im Aquarium, die einzigen ihm wirklich nahen Lebewesen. Geißler taucht noch einmal auf, als er beim jungen Helmut Kohl zum Abendessen eingeladen wird. Der Beginn einer Freundschaft? Nein, Kohl schenkt Beerenauslese aus, um den Gast für sein Schattenkabinett zu gewinnen, eine Vorstufe zum Sturz von Ministerpräsident Altmeier. Hannelore Kohl schaut mit süßsaurer Miene zu. Sie spürt, dass die Machtpolitik bis in die letzten Winkel des Privatlebens vordringt.

Überhaupt: Geißler. Eindrucksvoll gespielt wird der alte von Claus Theo Gärtner, im Auftreten forsch wie Privatdetektiv Matula. Das passt. Und der junge Geißler (Rainer Sellien) sieht aus wie das leibliche Vorbild, inklusive Grübchen am Kinn. Bei Eduard Ackermann (Jürgen Hentsch) sind die Brillengläser nicht dick genug, die Rhetorik dafür zu geschliffen. Dass der Darsteller von Ludwig Erhard (Jochen Senf) einmal „Tatort“-Kommissar Palu war, schimmert allzu deutlich durch, und bei Ernst Stankowski alias Konrad Adenauer wartet man darauf, dass im Hintergrund Operettenmelodien erklingen. Das ist zu wenig knorrig.

Der Einzige übrigens, mit dem Kohl wirklich in Dialog gerät, ist Kohl selbst: Immer wieder wird eingeblendet, was der Kanzler wohl gedacht hat, als er bestimmte Momente erlebt, etwa bei Gesprächen mit François Mitterrand. Da ist das Gedachte nicht selten das Gegenteil dessen, was er und andere sagen. So verlogen ist die Politik. Und oft denkt Kohl, glaubt man dem Film, über seine Weggefährten nur das Schlechteste: Sie wollen ihn absägen. Das lässt er nicht zu: „Ich bin doch nicht irgendwer. Ich bin der Kanzler.“

Dass Kohl leidenschaftlich war, in der Politik und beim Essen, kommt ein wenig zu kurz. In schwierigen Momenten schiebt Darsteller Thieme sich ein Stück Schokolade in den Mund. Doch das tut er, als schlucke er bittere Medizin. Und so einer hat uns so lange regiert?

Imre Grimm 19.10.2009
18.10.2009