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Medien & TV Unbekümmert in Wien
Nachrichten Medien & TV Unbekümmert in Wien
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00:19 23.05.2015
Von Imre Grimm
Inzwischen hat Ann-Sophie zwei Proben in der Wiener Stadthalle hinter sich. "Die Bühne ist irre", sagt sie. Quelle: dpa
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Wien

Eine Hoteldachterrasse in Wien, man zupft noch etwas an ihr herum. Die Haare, der schwarze Hosenanzug, alles soll perfekt sein. Ann Sophie soll ein paar nette Worte sagen, Kamerateams sind gekommen und Barbara Schöneberger, ihre mediale „Ziehmutter“. Die will selbst etwas vom Eurovisionszirkus aufsaugen, vom schrägen Charme dieser popbesoffenen Glitzerblase, bevor sie am Sonnabend in Hamburg den „Countdown“ zum Eurovision Song Contest in der ARD moderiert. Also, Ann Sophie – wie läuft's denn so? „Läuft“, sagt Ann Sophie Dürmeyer, geboren 1990 in London, aufgewachsen in Hamburg, musikalisch geprägt in New York. „Wenn man sich eingegroovt hat, ist alles chillig.“ Sie lacht, sie merkt es selbst. Eingegroovt. Chillig. Drei Jahre Manhattan streifst du nicht einfach mal eben ab.

„Darf ich das?“, fragte sie sich. Als Zweite?

Gelöst wirkt sie, erleichtert. War halt blöd, als Ersatzfrau nach Wien zu reisen. Es hat sie sehr beschäftigt, dass sie nur nachrückte, weil Andreas Kümmert im März beim Vorentscheid in Hannover live hinwarf. „Darf ich das?“, fragte sie sich. Als Zweite? Aber es gibt keinen kümmertschen Pharaonenfluch. Inzwischen hat sie zwei Proben in der Wiener Stadthalle hinter sich. Großer Applaus vom internationalen Pressetrupp. "Die Bühne ist irre", sagt sie. "Dass ich da stehen darf, fasse ich nicht." Da plumpst du plötzlich ins Licht, und alles ist anders. Party hier, Fotos da, Interviews. Und immer: Zähne zeigen. Ganz in Schwarz wird sie auftreten, mit vier Background-Sängerinnen und einem edel wirkenden, schwarz-weiß-goldenen-Farbspektakel auf der riesigen, knackscharfen LED-Wand hinter ihr, dazu viel digitaler, symmetrischer Rauch, der an Rohrschach-Testmuster erinnert. Siegmund Freud lässt grüßen, der Wiener. Die goldenen Highheels aber zog sie gestern wieder aus. Passt nicht. Zu viel. Die gute Nachricht: Sie darf in der zweiten Hälfte des Finales starten.

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Schweden, Italien, Australien - diese Länder sind die heißen Favoriten um den Sieg des Eurovision Song Contest 2015. Im ersten Halbfinale sind bereits sechs Nationen ausgeschieden, am Donnerstag wird sich die Anzahl der Kandidaten noch einmal verringern. Eine Übersicht über die ESC-Teilnehmer und ihre Chancen.

Mit viel Tamtam und Häppchen empfing sie der deutsche Botschafter in Wien, Detlev Rünger. "In diesem Song steckt mein Herz", sagte sie dort. Und spielte live vor den geladenen Gästen eine bombastfreie Unplugged-Version ihres ESC-Titels „Black Smoke“, die an ihren Fähigkeiten als Liveinterpretin keinen Zweifel ließ. Rünger war übrigens 2010 noch deutscher Botschafter in Oslo. Damals, als Lena gewann.

Live dabei

Wer beerbt Conchita Wurst? Unser Autor Imre Grimm verfolgt das ESC-Spektakel in Wien - am Sonnabend wird er hier live berichten.

Man muss Ann Sophies Chancen realistisch einschätzen. Bei den Buchmachern führt sie das untere Drittel an, Schweden liegt haushoch vorn, vor Italien, Russland, Australien, Estland. Aber sie kommt gut an im Pressezentrum. Sie kichert, als ein venezuelanischer Journalist sie mit der "Miss Universe" von 2009 vergleicht. "Können Sie das noch mal sagen?", scherzt sie. Und sagt keck: „Der einzige Mann in meinem Leben ist die Musik.“ Auch das ist Teil ihrer Philosophie: „Die wichtigste Beziehung im Leben ist die zu dir selbst.“ Sie war schwer erkältet gestern, aber etwas ist geschehen. Möglicherweise beflügelt sie die Erkenntnis, dass sie in der Lage ist, auch diesen Zirkus hier auszuhalten, auch auf dieser Bühne zu bestehen, zwischen griechischen Glitzerdiven und serbischen Aretha Franklins, nicht bloß auf New Yorker Kneipenbühnen, zwischen Hipstern und kellnernden Schauspielern.

„Originell, catchy, gut produziert“

Die deutsche Delegation hat ein kleines Momentum erwischt, etwas von der unplanbaren Kraft, die einen ESC-Act plötzlich ins Bewusstsein von Medien und Konkurrenten rückt. Ann Sophie hat hier überrascht, nicht zuletzt die ARD selbst. „Der Song ist zweifellos einer der besten hier“, sagt der polnische ESC-Blogger Maciej Mazański dem „Prinz-Blog“ - „originell, catchy, gut produziert“. „Wenn sie es richtig macht, kann Deutschland die linke Seite des Scoreboards erreichen“, glaubt sein US-Kollege Matt Friedrichs.

Man hatte ihr ein bisschen zu deutlich angesehen, dass sie das alles so sehr wollte. Zu abgezockt wirkte sie, zu offensiv. Wie ein Ein-Mann-Entertainment-S.W.A.T.-Team, das morgens vor dem Spiegel „Tschacka!“ ruft - „dafür haben wir trainiert!“ Das Publikum erwartet auch einen Schuss Demut von Menschen, denen es Vertrauen vorschießt, wenn auch bloß als Zweitplatzierte. Dass sie zwei Jahre lang in New York am Lee Strasberg Institute Schauspiel studiert hat, war sichtbar. Die Bühnenpräsenz, aber eben auch diese Larger-than-life-Attitüde, die perfektionistische Verbissenheit, die auf Musicalbühnen erwartet wird. Sie hat sich das abtrainiert, eine Choreografin half, Ann Sophie wirkt jetzt weniger burschikos und ehrgeizig, eleganter, weiblicher. Es war nicht leicht für sie, loszulassen, Aufgaben abzugeben. „Ich bin ein verherzter Mensch“, sagt sie. „Ich finde Teile dieser ESC-Welt skurril und unecht. Aber ich bin auch dankbar, ein solches Leben führen zu dürfen. Und das Team ist toll.“

Sie hat ein Album veröffentlicht, dessen Titel in drei Worten ihr Schicksal im Vorentscheid zusammenfasst: "Silver into Gold". Sie plant eine Tour nach dem ESC. Und sie hat ein Kinderbuch geschrieben. Das klingt nach Klischee, aber es liegt ihr am Herzen. Es geht darin um einen kleinen Marienkäfer, der seine Pünktchen verloren hat. Nun zieht er von Tierchen zu Tierchen, um sie zu suchen. Am Sonnabend, im ESC-Finale, geht sie selbst auf Punktesuche. „Ich glaube mehr an Schicksal als an Glück“, sagt sie. Das hier soll der Beginn von etwas sein. Und nicht das Ende.

Ergebnisse des 1. Halbfinals am 19. Mai 2015

Im Finale dabei sind Albanien, Armenien, Russland, Rumänien, Ungarn, Griechenland, Estland, Georgien, Serbien und Belgien.

Ausgeschieden sind Moldawien, Niederlande, Finnland, Mazedonien, Weißrussland und Dänemark.

Kandidaten des 2. Halbfinals am 21. Mai 2015

Litauen, Irland, San Marino, Montenegro, Malta, Norwegen, Portugal, Tschechien, Israel, Latvia, Aserbaidschan, Island, Schweden Zypern, Polend und Slowenien kämpfen um den Einzug ins Finale.

Sicher dabei

Neben den Besten aus den Halbfinals sind die größten Geldgeber des ESC, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien sicher im Finale. Außerdem sind Special Guest Australien sowie der Vorjahressieger Österreich sicher im Finale dabei.

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