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Medien & TV BP wehrt sich im Internet erfolglos gegen Protest
Nachrichten Medien & TV BP wehrt sich im Internet erfolglos gegen Protest
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18:52 30.06.2010
Von Dirk Kirchberg
Demonstranten protestierten bei einer Anhörung vor dem Ausschuss des US-Repräsentantenhauses gegen BP. Quelle: dpa
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Kurz nach der Explosion der ÖlplattformDeepwater Horizon“ im Golf von Mexiko Ende April erschütterte eine Welle der Entrüstung das Internet. Auf vielen Nachrichtenseiten und in sozialen Netzwerken kommentierten in den folgenden Wochen und Monaten aufgebrachte Bürger die immer wieder vergeblichen Anstrengungen des Konzerns, das Bohrloch, aus dem jeden Tag Millionen von Litern Öl ins Meer strömten, zu verschließen. Schnell machten von Demonstranten veränderte BP-Werbeplakate die Runde durchs Netz, die den Konzern verspotteten.

Anstatt die Flucht nach vorn anzutreten, versuchte das Unternehmen, von der negativen Berichterstattung abzulenken, indem es beim Suchmaschinenriesen Google Ergebnisse zu bestimmten Suchanfragen rund um die Ölkatastrophe reservierte. Wer also nach Begriffen wie „oil spill bp“ suchte, dem wurde als erster Treffer eine BP-eigene Webseite angeboten. Doch so leicht ließ sich die aufgebrachte Netzgemeinde nicht besänftigen. Beim Kurznachrichtendienst Twitter fand ein offensichtlich nicht echtes BP-Konto innerhalb weniger Tage mehr Anhänger als das offizielle und schüttete Spott und Häme über BP aus. Aktuell haben rund 16.000 Nutzer das offizielle BP-Konto „BP_America“ abonniert, während dem Satirekonto „BPGlobalPR“ mehr als 180.000 Menschen folgen. Über dieses Konto werden Demonstranten seit Wochen mit Informationen zu Protestaktionen auf dem Laufenden gehalten. Es werden neue BP-Schmähplakate ebenso ausgetauscht wie besonders zynische T-Shirtmotive. Wiederholt soll BP versucht haben, die Kontrolle über dieses Konto zu erlangen. Diese Anstrengungen waren aber vergeblich. Wer hinter dem falschen Konto steckt, bleibt auch weiterhin ein Rätsel. Klickt man auf den im Profil hinterlegten Link, landet man in einem Onlineshop für T-Shirts.

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Am Dienstag dieser Woche dann geriet das weltweit größte soziale Netzwerk Facebook ins Visier der BP-Kritiker. Eine Gruppenseite, die zum Boykott des Energiekonzerns aufrief und fast 800.000 Fans verzeichnete, verschwand plötzlich aus dem Netz. Zudem verschwand auch die Profilseite des Seitengründers, Lee Perkins. Sofort wurden Zensurvorwürfe laut; rund zwölf Stunden später tauchte die Seite inklusive aller Inhalte überraschend wieder auf. Perkins behauptet, dass Facebook selbst die Page offline geschaltet habe. „Ich kann nicht glauben, dass die die Seite ohne eine Erklärung geschlossen haben. Ich konnte mich nicht mal von meinen Freunden verabschieden“, schrieb der Gründer der Fanpage. Aber nicht nur die Boykottseite sowie seine eigene, sondern auch Seiten einiger seiner Freunde seien von Facebook gelöscht worden, behauptet Perkins.

Die Boykottseite will Perkins als deutliches Statement gegen den Ölkonzern und dessen Umgang mit der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko verstanden wissen. Facebook-Mitglieder aus aller Welt tauschten sich auf der Seite aus, versorgten sich mit Verweisen zu neuen Nachrichten und organisierten Protestveranstaltungen. Als die Seite urplötzlich verschwand, entlud sich der Unmut der BP-Gegner umgehend auf einer neuen Seite bei Facebook. Deren Mitgliederzahl wuchs ebenfalls rasant an. Bisher konnte nicht geklärt werden, ob BP bei Facebook um die Löschung der eigentlichen Seite bat, oder ob es sich tatsächlich um einen Fehler handelt, wie ein Systemadministrator von Facebook erklärte.

Gegenüber dem Nachrichtenportal Golem.de sprach ein Facebook-Sprecher von einem Versehen: „Das Admin-Profil der Boycott-BP-Seite wurde durch einen Fehler von unseren automatischen Systemen abgeschaltet, was eine Löschung aller Inhalte verursachte. Nachdem wir uns das angesehen haben und sicher waren, dass das Profil durch einen Fehler entfernt wurde, ist es nun zusammen mit der Seite wiederhergestellt.“

Die Ölpest im Golf von Mexiko ist die teuerste, die die Ölbranche je erlebt hat. So soll sie BP nach eigenen Angaben bisher mehr als 2,7 Milliarden Dollar gekostet haben. Zur Absicherung von Schadensersatzansprüchen hat der Konzern einen Fonds über 20 Milliarden Dollar eingerichtet. Bei allen Bemühungen dürfte die jüngste Kurznachricht von „BPGlobalPR“ dem Konzern allerdings nicht sonderlich schmecken: „Solange wir leckere Kartoffelecken bekommen, können uns Meeresfrüchte gestohlen bleiben.“