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21:15 06.10.2013
Friedliche Zimtschneckenwelt: Die Moderatoren Paul Hollywood und Mary Berry in der britischen Backshow „The Great British Bake Off“. Quelle: dpa
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London/Hannover

Es ist Dienstagabend – und Millionen Briten schauen gebannt der Entstehung eines Biskuitkuchens zu. Wird sich der Teig heben? Wird er hübsch fluffig sein? Hoffentlich weicht der Boden nicht durch, wenn die Früchte darauf kommen. In „The Great British Bake Off“ sucht eine Nation ihren besten Hobbybäcker. Und wer hätte gedacht, dass in einem Kuchen derart viel Dramatik stecken könnte? Für die Talentshow auf dem Sender BBC 2 schalten wöchentlich rund sechs Millionen Zuschauer den Fernseher ein. Zu Finalzeiten waren es sogar schon mehr als sieben Millionen – die Backserie gewinnt gar gegen wichtige Fußballspiele.

Die neuesten Entwicklungen am Herd und das Privatleben der Moderatoren sind regelmäßig Gesprächsstoff und auch Thema in anderen Medien. Und das Phänomen bleibt nicht auf den Bildschirm beschränkt: Hersteller von 
Backutensilien wie die Firma Lakeland berichten von einem Boom für Rührbesen, Sahnespritzen, Cupcake-Formen und Kuchenplatten, seit die Serie läuft. Backrezeptbücher wuchern in den Läden geradezu in den Regalen. Nach den inflationären Kochshows hat nun eine Backwelle das Land ergriffen.

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Deutschland dagegen kocht noch – nur Enie van de Meiklokjes backt im Pro7-Ableger Sixx in der Show „Sweet & Easy“ munter vor sicht hin (Kommentar im Netzforum: „Supertolle Ideen und supertolle Rezepte. Sogar mein Hund hat sich gefreut.“) – möglicherweise als Vorreiterin eines Trends. Pünktlich zur Plätzchen-zeit läuft aber auch bei SAT.1 „Das große Backen“ an. Derzeit wird noch gedreht, die genaue Sendezeit steht noch nicht fest. In Anlehnung an das britische Vorbild kämpfen zehn Hobbybäcker vier Wochen lang um den Titel „Deutschlands bester Hobbybäcker“. Außerdem darf der Gewinner ein eigenes Backbuch herausbringen – und vielleicht einen neuen Back-Hype auslösen.

Das Prinzip von „The Great British Bake Off“ ist simpel: Mehrere Hobbybäcker treten wöchentlich gegeneinander an und werden von zwei Juroren bewertet. Am Ende siegt derjenige, der in sämtlichen Kategorien am meisten überzeugt hat. Als erste Aufgabe müssen die Teilnehmer wöchentlich ein Lieblingsrezept umsetzen, das sie auch für ihre Freunde und ihre Familie backen. In der zweiten Runde wird ihnen ein Rezept vorgegeben, das allerdings voller Lücken ist. Meistens fehlen Mengenangaben, Backzeiten und bestimmte Zutaten, und dementsprechend geht einiges schief. Die dritte Runde dreht sich um die Dekoration und Präsentation der Backkunstwerke. Hier zählt Kreativität, etwa, als Teilnehmer Howard ein Brot backte, zu dem ihn ein Picasso-Gemälde inspiriert hatte. Der mittlerweile herausgeflogene Ali schuf einen Ying-Yang-Laib, der auf der einen Seite weiße Schokolade und Aprikosen enthielt, auf der anderen das indische Hähnchen-Gericht Chicken Tikka. „Die Idee dazu kam mir in einem Traum“, erklärte er.

Die Kulisse ist ein in Pastellfarben ausgeschmücktes Zelt in einer typisch englischen Parklandschaft. Die Ausstattung ist modern mit nostalgischem Flair, im Hintergrund wehen Wimpel mit der britischen Flagge. „Ich dachte immer, das wäre eher eine Sendung für ältere Leute“, sagt die 32 Jahre alte Zuschauerin Ruth, die jede Woche begeistert einschaltet. „Aber jetzt bin ich süchtig. Es ist so unterhaltsam, auch, wenn man sich gar nicht fürs Backen interessiert.“ Als die erste Staffel im August 2010 anlief, fielen die Bewertungen noch eher mager aus. „Langweilig“ und „uninteressant“, schrieben TV-Kritiker. Doch die Masse der Briten sah das anders. Die Zuschauerzahlen wuchsen stetig an, die BBC baute die Sendung entsprechend aus.

Doch was kann so faszinierend daran sein, normalen Menschen „von nebenan“ beim Kneten, Rühren und Verzieren zuzuschauen? Anna Maxted vom „Daily Telegraph“ meint, „The Great British Bake Off“ sei mehr als ein Backwettbewerb: „Es ist eine aufwendige Seifenoper, eine vorwitzige Sitcom, ein nervenaufreibendes, leidenschaftliches Drama, gespickt mit faszinierenden Charakteren.“ Neben dem Unterhaltungswert glauben viele TV-Kritiker aber auch, dass die nette Atmosphäre und die stets strengen, aber höflich und freundlich bleibenden Juroren Mary Berry und Paul Hollywood einen willkommenen Kontrast zu gnadenlosen Talentshows wie „X Factor“ oder der Suche nach neuen Supermodels schaffen. Teilnehmer und Juroren wirken herzerfrischend normal, das Ganze bodenständig.

Der Erfolg hat die BBC veranlasst, ein zweites, ähnliches Format auf den Bildschirm zu bringen: „The Great British Sewing Bee“, ein Wettbewerb von Hobbynähern, der im Frühjahr lief. Das Prinzip ist ähnlich, statt Kuchen und „Pies“ entstehen Blusen, Kleider und maßgeschneiderte Hosen. Der Erfolg der ersten Staffel war nicht mit dem der Backschwester zu vergleichen, doch die BBC plant eine Fortsetzung.

Patrick Grant, einer der Juroren des Nähprogramms, sieht die Anziehungskraft von Talentshows wie diesen in der Wärme, die die Teilnehmer ausstrahlen. „Das sind keine Leute, die an Ruhm interessiert sind oder ihre Gesichter ins Fernsehen bringen wollen“, sagte er der „Daily Mail“. „Menschen haben von Natur aus Spaß daran, Dinge herzustellen. Wir alle haben ein kreatives Gen.“

Britta Gürke

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