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Medien & TV Beckmann über Probleme des ARD-Vorabendprogramms
Nachrichten Medien & TV Beckmann über Probleme des ARD-Vorabendprogramms
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08:40 11.02.2012
Thomas Gottschalk sollte das Vorabendprogramm der ARD attraktiver machen, bisher jedoch mit mäßigem Erfolg. Quelle: dpa
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Hannover

Der ARD-Vorabendkoordinator Frank Beckmann spricht im HAZ-Interview über Probleme von „Gottschalk live“, Regionalkrimis und das Humordefizit vor der „Tagesschau“.

Herr Beckmann, wie stehen Sie als ARD-Koordinator für das Vorabendprogramm zu „Gottschalk live“?
Gottschalk live“ ist ein Experiment – und damit auch ein Wagnis! Thomas Gottschalk ist vielleicht der größte Moderator im deutschen Fernsehen – und er hat uns von der Idee überzeugt. Er will um diese Uhrzeit die Menschen begeistern mit Themen, die in der „Tagesschau“ nicht stattfinden können, dennoch aber Gesprächswert haben. Da schlägt mein Herz für den Macher, der etwas riskiert. Jetzt brauchen wir Zeit, um das Format weiterzuentwickeln.

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Wen soll „Gottschalk live“ erreichen?
Möglichst viele Zuschauer! Und zwar sowohl das klassische ARD-Publikum als auch etwas jüngere Zielgruppen.

Aber vielleicht reicht Gottschalk als Konzept nicht. Zu Heidi Klums Trennung hat er erzählt, dass er sie und Seal kennt, dann war das Thema durch. Und es reicht vielleicht auch nicht, dass sein Politikredakteur drei Meldungen abliest, die es nicht in die Nachrichten geschafft haben. Warum soll ich das gucken?
Wer Thomas Gottschalk einschaltet, will unterhalten werden. Frech, aber nicht bösartig oder ausfallend. Und mit guten Gags! Konzeptionell muss es gelingen, ihm möglichst viele Bälle auf den Elfmeterpunkt zu legen, die er dann reinschießen kann.

Noch ist das Format nicht seine Welt. Braucht er nicht einen Gegenpart?
Die Quoten zeigen, dass „Gottschalk live“ kein Selbstgänger ist. An diesem Format wird noch optimiert. Es muss an der Struktur noch einiges gefeilt werden mit Thomas Gottschalk als zentraler Figur.

Die ARD stand im November 2011 auf einem historischen Tief beim Monatsmarktanteil. Ihnen fehlen junge Zuschauer: Wie wollen Sie gegensteuern?
Wir dürfen den Markenkern des Ersten nicht verlassen. Wir versuchen die zu erreichen, die wir bekommen können. Das Beispiel „Tatort“ zeigt, wie auch jüngere Zuschauer mit einem beim Gesamtpublikum erfolgreichen Programm angesprochen werden können. Selbst bei der werberelevanten Zielgruppe der Jüngeren sind wir damit häufig Marktführer. Es gibt auch keine Nachrichtensendung in Deutschland, die mehr jüngere Zuschauer hat als die „Tagesschau“. Sport ist ebenfalls ein wichtiges Element. Und wir haben Events wie den „Eurovision Song Contest“, mit denen wir punktuell Zielgruppen ansprechen können, die wir sonst kaum erreichen. Die Idee ist jetzt, rund um diese Marken etwas aufzubauen.

Aber am Vorabend können Ihnen die 14- bis 49-Jährigen als werberelevante Zielgruppe ja nicht egal sein.
Es wird nicht gelingen, den Vorabend auf einen Schlag zu einer Insel der Jungen in der ARD zu machen. Deshalb haben wir uns vorgenommen, ausgehend von den Stammzuschauern, den Verjüngungsprozess einzuleiten. Die Sehgewohnheiten im Vorabend sind über viele, viele Jahre geprägt. Sie auch nur leicht zu verändern ist ein erheblicher Kraftaufwand. 

Aber bis dahin fehlt Ihnen doch Geld durch Werbeeinnahmen.
Wir waren in einer Abwärtsspirale: Immer weniger Werbung, immer weniger Geld, immer weniger Möglichkeiten, immer weniger Zuschauer. Um diese Spirale zu durchbrechen, haben wir mehrere Maßnahmen ergriffen, zum Beispiel den „Marienhof“ eingestellt und uns auf die stärkere Marke „Verbotene Liebe“ in längerer Version konzentriert. Mit dem eingesparten Geld konnten wir die „Heiter bis tödlich“-Krimis finanzieren. Jetzt kommen Sie wieder und sagen, die sind doch alle unter Senderschnitt. Ja, aber es ist ein Ding der Unmöglichkeit, auf einen Schlag vier Sendeplätze erfolgreich mit neuen Formaten zu füllen.

Vier nicht, aber nur einen von vieren ist doch etwas wenig, oder?
Einer reicht. Als Anfang.

Wirklich?
Wir haben den Montag mit dem „Großstadtrevier“, das funktioniert. Dann gibt es die drei neuen Serien „Nordisch herb“ am Dienstag, „Hubert und Staller“ am Mittwoch und „Richter und Henker“ am Donnerstag. Bei „Hubert und Staller“ haben wir in der für mich relevanten Zielgruppe der 20- bis 59-Jährigen den Marktanteil um nahezu 50 Prozent gesteigert. Das ist das erste zarte Pflänzchen.

Aber die Preise für Werbung richten sich immer noch nach der alten Zielgruppe ...
Entscheidend ist nicht nur der Erfolg bei den 14- bis 49-Jährigen. Der Vorabend im Ersten ist für Werbetreibende auch aus Imagegründen begehrt. Außerdem werden die Sendungen nicht nur durch Werbung finanziert. Durch unsere Idee, regionale Krimis zu zeigen, sind ja auch die Landesrundfunkanstalten dabei. Für „Nordisch herb“ zahlt zum Beispiel der NDR seinen Koproduktionsanteil. Im Gegenzug kann er diese norddeutsche Serie bei sich im Dritten wiederholen. In eineinhalb Jahren wird es eine Serie im NDR aus Husum geben, in drei Jahren eine Serie aus Lübeck.

Gut, dass Sie den NDR als dessen Fernsehdirektor davon überzeugen konnten ...
Ich hab’ mich schnell überzeugt (lacht). Und jetzt kommen wir in die nächste Runde, wo drei neue Serien starten: „München 7“, „Alles Klara“, und „Morden im Norden“ aus Lübeck. Hier haben wir erste Erkenntnisse aus den Ergebnissen der ersten Staffel bereits umgesetzt, so sind die Serien alle hochkarätig besetzt zum Beispiel mit Wolke Hegenbarth bei „Alles Klara“, Tessa Middelstaedt bei „Morden im Norden“ und Christine Neubauer bei „München 7“. Nun sind wir gespannt, welche der Serien beim Publikum reüssieren werden. Ich bin optimistisch, dass es mehrere sein werden.

Im ARD-Vorabendprogramm ist also immer noch viel Bewegung ...
Das wird auch 2013 noch so sein. Die konzeptionelle Neuausrichtung einer ganzen Sendestrecke braucht Zeit. Das belegen auch Beispiele andere Mitbewerber, die über mehrere Jahre zahlreiche Serien auf einem Sendeplatz getestet haben, bis sie die erfolgreichsten Angebote herausfiltern konnten. Geben Sie uns ein bisschen Zeit, dann entwickeln sich die Dinge, die erfolgreich sind. Das hat bei anderen Sendern auch mehrere Jahre gedauert.

Wie lange wollen Sie warten?
Warten gar nicht. Wir wissen: Krimi funktioniert, regional funktioniert. Und wir wissen, dass Humor eine Farbe ist, die am Vorabend fehlt. Nun müssen wir herausfinden, in welcher Zusammenstellung diese Bausteine am besten zusammenpassen. Die einen wollen Slapstick, andere eher hintergründigen Humor. Ich habe Herrn Herres, dem ARD-Programmdirektor, gesagt, wir sind mit dem Umbau des ARD-Vorabends schneller fertig als die Elbphilharmonie. Und daran möchte ich mich halten.

Die Fragen stellten Imre Grimm, Karsten Röhrbein und Dirk Schmaler.

Dieser Artikel wurde aktualisiert.