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Medien & TV Bei Raab geht es tatsächlich um Musik
Nachrichten Medien & TV Bei Raab geht es tatsächlich um Musik
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08:59 04.11.2009
Von Imre Grimm
Stefan Raab Quelle: ddp/Archiv
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Zwei Monate haben sie dichtgehalten. Kein hausinternes Plappermäulchen durfte diesen Coup vermasseln, so wie damals bei Günther Jauch, als die ARD den bevorstehenden Einkauf des RTL-Stars schon hinausposaunte, bevor er durch die Gremien ging. Die Nachricht im Oktober lautete: Der NDR und Stefan Raab machen gemeinsame Sache beim Eurovision Song Contest (ESC). Das lässt mindestens zwei Deutungen zu. Erstens: „Ein Armutszeugnis! Die ARD muss sich Showkompetenz bei der privaten Konkurrenz einkaufen.“ Oder zweitens: „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört! Im Dienste der nationalen Sache gehören die Kräfte gebündelt.“

Inzwischen ist die senderübergreifende Mission „Unser Star für Oslo“ angelaufen. Am Wochenende gehen in Köln die letzten Castings über die Bühne. „Wir suchen keinen Hartz-IV-Empfänger mit Mundharmonika“, hatte Raab versprochen. Und die ersten Kandidaten, die er in „TV Total“ zeigte, deuten schon an: Es geht tatsächlich um Musik. Die können was.

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Stolz ist NDR-Intendant Lutz Marmor auf diese Kooperation. Acht Sendungen sind für Februar und März 2010 geplant. Fünf Vorrunden zeigt PRO7, das Viertelfinale die ARD, das Halbfinale wieder PRO7 und das Finale des Vorentscheids sowie das ESC-Finale in Oslo am 29. Mai die ARD. Raab selbst wird Vorsitzender einer noch zu besetzenden dreiköpfigen Jury. Private Radiosender und ARD-Stationen wie NDR 2 und EinsLive flankieren die Talentsuche im Hörfunk. Beide Seiten, PRO7 und die ARD, sind auf Kuschelkurs: Man hat sich lieb, es geht um Musik, wer sich für den Song Contest interessiert, kann kein schlechter Mensch sein, böse Menschen haben keine Lieder. Und außerdem: Niemals wieder soll Deutschland so blamiert dastehen wie in den letzten fünf Jahren (Platz 24, 15, 19, 23 und 20 seit 2005).

„Anfangs fühlten sich manche meiner Intendantenkollegen vielleicht ein wenig überrumpelt“, räumte NDR-Intendant Marmor gegenüber der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung ein. „Die meisten sagten dann aber auch: Wir finden das gut. Es ist ein Experiment, das kann auch scheitern, aber ich glaube an die Idee.“ In Sachen Unterhaltung lerne man voneinander, „wir von PRO7 und die von uns, ganz professionell“, sagt Marmor. Im Kreis der Intendanten stand wohl auch die unselige Personalie Pocher im Raum, der jüngste gescheiterte Versuch des Ersten, junges und altes Publikum zwangszuversöhnen. Aber man darf Raab nicht (mehr) mit dem Krawallarbeiter Pocher verwechseln. Gerade, wenn es um Musik geht. Musik ist inzwischen seine Insel der Ernsthaftigkeit, er hat Stefanie Heinzmann und Max Mutzke entdeckt. Der frühere Jingle-Komponist und Raabigramm-Bote versteht keinen Spaß, wenn es um seine musikalische Kompetenz geht. Das Werben der ARD, die wochenlange Feilscherei wie auf dem Teppichbasar um Sendezeiten und Showanteile, muss ihm geschmeichelt haben. Er verschob sogar seinen „Bundesvision Song Contest“ vom Frühjahr in den Herbst – den er einst 2004 aus Ärger über den achten Platz seines Schützlings Max auf der Aftershowparty nach dem Song Contest in Istanbul erfunden hatte.

NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber zitierte gar Neil Armstrong, um dem Ereignis gerecht zu werden: „Das ist ein kleiner Schritt für das Fernsehen und ein großer Schritt für den Eurovision Song Contest“, sagte er. Und tatsächlich begibt sich die ARD auf historisches Neuland, quasi auf die dunkle Seite des televisionären Mondes: Noch nie haben Öffentlich-Rechtliche und Private auf diese Weise zusammengearbeitet. Es sei „die ungewöhnlichste Fernsehallianz aller Zeiten“, dröhnen beide Sender gar.

„Inzwischen bin ich noch stärker überzeugt“, versichert Marmor. „Stefan Raab liebt Musik, der nimmt das ernst, der geht da fast schon staatsmännisch ran.“ Und: „Der Song Contest ist ein emotionales TV-Ereignis. Davor kommen nur noch die Fußball-WM und -EM und die Olympischen Spiele.“ Raab selbst kann sich vorstellen, das Modell im Erfolgsfall – das heißt: bei einem Finalplatz unter den zehn Besten – „die nächsten 50 Jahre fortzuführen“.

Es ist eine diffizile Mission, auf die sich ARD und PRO7 begeben. Nach den Jahren der ironischen Überhöhung in der Folge des Guildo-Horn-Urknalls von 1998, als der Song Contest zur Spaßbühne für Spätpubertierende geriet, versuchte es der NDR im Vorentscheid zwei Jahre lang mit einer nicht uncharmanten, plüschigen Diskokugel-Nostalgieausgabe samt Thomas Hermanns, Glitzer, Pomp und Goldkante. Allein – der Erfolg blieb aus. Platzierungen in den unteren Zwanzigern, sinkende Quote, etwas musste passieren. Schon im Oktober 2008 sprach NDR-Entertainmentchef Schreiber Raabs Produktionsfirma Brainpool in Köln an, im Mai gab Raab der ARD zunächst einen Korb, weil ihm das Ganze zu zähflüssig lief. Schreiber und Marmor ließen nicht locker, und dann ging plötzlich alles ganz schnell: Am Ende ließ sich der Grand-Prix-Veteran – drei Teilnahmen als Komponist, Sänger und Produzent, nur Ralph Siegel war für Deutschland öfter dabei – doch noch überreden.

Gebührenfinanzierte und Kommerzielle Hand in Hand – ist diese „kleine Eurovision“ ein Zukunftsmodell? Nun ja, sagt NDR-Intendant Marmor. Die Zusammenarbeit beschränke sich klar auf den Bereich Unterhaltung. „Bei den ,Tagesthemen’ würde ich nicht mit PRO7 kooperieren.“

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