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Medien & TV Betrugsaffäre beim Kinderkanal KI.KA erschüttert die ARD
Nachrichten Medien & TV Betrugsaffäre beim Kinderkanal KI.KA erschüttert die ARD
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10:00 31.03.2011
Versteht die Welt nicht mehr: Bernd, das Brot, der Star beim KI.KA, dessen Produktionschef 8,2 Millionen Euro veruntreut haben soll.
Versteht die Welt nicht mehr: Bernd, das Brot, der Star beim KI.KA, dessen Produktionschef 8,2 Millionen Euro veruntreut haben soll. Quelle: dpa (Archiv)
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Der größte Star des Kinderkanals ist ein depressives Brot mit dem Namen Bernd. Bernd geht es mies. Bernd hat schlechte Laune, immer. Bernd ist von der Welt überfordert, Bernd weiß nicht, wie es weitergehen soll, und insofern ist Bernd, das Brot, die perfekte Symbolfigur für den gegenwärtigen Zustand seiner geistigen Heimat – des Kinderkanals KI.KA von ARD und ZDF.

Nichts ist mehr, wie es mal war beim einstigen öffentlich-rechtlichen Vorzeigeprojekt. Der Sender, der doch eigentlich für spielerische Leichtigkeit stehen sollte, wird seit Monaten vom bisher größten Betrugsskandal in der deutschen Fernsehgeschichte erschüttert. Jahrelang versagten im Sender alle Kontrollmechanismen, und so konnte der ehemalige KI.KA-Produktionsleiter Marco K. unbehelligt externen Firmen Geld für erfundene Dienstleistungen anweisen – und dabei offenbar Beträge in Millionenhöhe in die eigene Tasche abzweigen.

Dem KI.KA sei dadurch ein Gesamtschaden von rund 8,2 Millionen Euro entstanden. So steht es im vorläufigen Abschlussbericht von MDR und ZDF. Beim leitenden KI.KA-Personal bleibt derzeit kaum ein Stein auf dem anderen: MDR-Verwaltungsdirektor Holger Tanhäuser stellte sein Amt zur Verfügung, betonte aber, dass er damit kein eigenes Verschulden anerkenne. Eine Ermahnung seines Arbeitgebers erhielt der für den KI.KA zuständige MDR-Fernsehdirektor Wolfgang Vietze. Der KI.KA-Programmgeschäftsführer Steffen Kottkamp wurde wegen „mangelnder Ausübung seiner Kontrollfunktion“ abgemahnt. Gegen vier weitere Mitarbeiter gibt es Anhörungen, ihnen drohen arbeitsrechtliche Konsequenzen. Eine Mitarbeiterin in der Herstellungsleitung soll fristlos gekündigt werden. Die Verunsicherung im Sender ist gewaltig.

Die Revisionen von MDR und ZDF haben ergeben, dass von 2002 bis 2010 „kriminelle Scheingeschäfte“ mit fünf Firmen abgewickelt wurden, die alle auf den früheren Produktionsleiter des KI.KA zurückzuführen seien. Die Rede ist von 72 Fällen. Neben der Berliner Firma Kopp-Film gehe es dabei um vier weitere Unternehmen, die „Geld für Rechnungen bekommen haben, hinter denen offenbar keine tatsächlichen Leistungen standen“. Ins Rollen gekommen war der Fall Anfang Dezember, als Marco K. verhaftet und kurz darauf vom Sender fristlos entlassen wurde. Ein am Betrug beteiligter externer Produzent hatte sich selbst angezeigt.

In Erfurt, wo der Kinderkanal seinen Sitz hat, ermittelt nun die Staatsanwaltschaft wegen Betrugs und Untreue gegen Marco K. Der MDR fordert von ihm und seinen Geschäftspartnern Schadensersatz. Marco K. kam 1996 als Diplomand der Hochschule für Film und Fernsehen Babelsberg zum KI.KA, in dessen Gründungsjahr. Zuletzt war er für die Eigenproduktionen zuständig, sämtliche Aufträge und Rechnungen gingen über seinen Schreibtisch. Im Sender galt er als sakrosankt, auch deshalb konnte der systematische Betrug offenbar solche Ausmaße annehmen.

Marco K. sitzt derzeit in Untersuchungshaft. Er schweigt. Er soll an Spielsucht gelitten haben. MDR-Intendant Udo Reiter erklärte: „Die enorme kriminelle Energie des Beschuldigten hat dazu geführt, dass diese Allianz von Untreue und Betrug für Außenstehende ohne spezifische Fachkenntnisse offenbar kaum zu entlarven war.“ Dennoch sei der MDR verantwortlich: „Dafür entschuldige ich mich beim Gebührenzahler. Mir tut die Angelegenheit außerordentlich leid.“ Inzwischen zieht „die Angelegenheit“ Kreise. Auch dem heutigen NDR-Fernseh­direktor Frank Beckmann, der von 2000 bis 2008 Programmgeschäftsführer des ­KI.KA war, könnten Konsequenzen drohen. MDR-Intendant Udo Reiter bestätigte, dass gegen Beckmann sowie den früheren MDR-Fernsehdirektor Henning Röhl Schadensersatzansprüche geprüft würden. „Der größte Teil der Scheinrechnungen und der damit veruntreuten Summe fiel in die Amtszeit von Frank Beckmann“, sagte MDR-Sprecher Dirk Thärichen.

Bei Beckmanns neuem Arbeitgeber, dem NDR, wird der Revisionsbericht zum KI.KA derzeit geprüft. Beckmann selbst sagte in einer Stellungnahme: „In meiner Zeit gab es regelmäßige Prüfungen, unter anderem auch von Landesrechnungshöfen, die zu keinerlei Beanstandungen führten.“ Auch nach einem ersten Blick in den Revisionsbericht könne er „Gründe für eine Schadensersatzpflicht meinerseits nicht erkennen“. Auch Röhl wehrte sich gegen die Angriffe aus Erfurt: „Das ist völliger Quatsch“, sagte der 69-Jährige. Er habe den MDR bereits im Februar 2001 verlassen – ein Jahr, bevor die ersten Fälle auftraten.

Sicher ist: Der Skandal erschüttert die ARD bis ins Mark. Schwerwiegender als die Verfehlungen eines einzelnen Verantwortungsträgers unter rund 20.000 festangestellten ARD-Mitarbeitern wiegt dabei die Tatsache, dass niemand den Betrug rechtzeitig bemerkte – obwohl Hessischer Rundfunk und ZDF 2008 und 2009 schon einmal die Organisationsstrukturen des KI.KA kritisiert hatten. Die Abläufe wurden daraufhin leicht verändert, aber die Konsequenzen blieben unzureichend. Um ähnliche Vorfälle künftig zu vermeiden, soll der KI.KA organisatorisch stärker an den MDR angebunden werden. Der Kanal werde „so weit wie möglich“ als Programmbereich in der Fernsehdirektion des MDR geführt, hieß es. Das bedeutet im Klartext: Schluss mit der Eigenständigkeit.

Imre Grimm

Frerk Schenker 31.03.2011