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Medien & TV "Bild" zwischen Boulevard und vierter Gewalt
Nachrichten Medien & TV "Bild" zwischen Boulevard und vierter Gewalt
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13:48 18.06.2012
Sechzig Jahre nach Gründung der "Bild"-Zeitung kann sich das Boulevardblatt nach den Worten von Chefredakteur Diekmann auf Leser aus der ganzen Gesellschaft stützen. Quelle: dpa
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Berlin

Stimmungsmache oder Aufklärung - die "Bild"-Zeitung hat sich im Alltag der Republik eingerichtet. Rund 2,7 Millionen Auflage, mehr als 12 Millionen Leser jeden Tag. Keine andere Zeitung in Deutschland erreicht mehr Menschen und ist umstrittener. Gegen das Blatt schrieb Nobelpreisträger Heinrich Böll "Die verlorene Ehre der Katharina Blum", zündeten Studenten Autos an, stänkerte in der DDR der "Schwarze Kanal". Scharf und schrill, pointiert und penetrant - "Bild" bietet sich immer wieder als Reibungsfläche der Nation an.

Das Image als Hausorgan des "kleinen Mannes" hat "Bild" abgelegt. Längst versteht sich die Zeitung als Teil der bürgerlichen Mitte. Einen Tag vor dem 60. "Bild"-Geburtstag an diesem Sonntag soll eine Sonderausgabe kostenlos an mehr als 40 Millionen Haushalte verteilt werden. Der Medienkonzern Axel Springer hat die Aktion bisher nicht offiziell bestätigt, doch Kritik ist von Postboten und Internet-Aktivisten bereits laut geworden.

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Dabei wurde "Bild" vor wenigen Wochen von der Journalistenzunft geadelt. Für ihre Rolle bei der Affäre um Bundespräsident Christian Wulff wurden zwei Reporter mit dem Henri-Nannen-Preis geehrt, einem der wichtigsten Medienpreise. Zwar protestierte der ebenfalls ausgezeichnete Hans Leyendecker von der "Süddeutschen Zeitung" gegen den Preis für "Bild", sprach von einen "Kulturbruch" und wollte nicht gemeinsam mit der Zeitung geehrt werden. Doch der Boulevardstil, von "Bild" auf die Spitze getrieben, hat längst die ganze Branche ergriffen.

Auch andere überregionale Zeitungen hätten ihre Klatschspalten deutlich ausgebaut, sagt der Medienwissenschaftler Siegfried Weischenberg. In der Multimedia-Ära seien Personalisierung der Nachrichten, Alltagssprache und Zuspitzung keine Domäne der Boulevardmedien mehr. Promis wird viel Platz eingeräumt, auch Berichte über Privates von Politikern und reißerische Überschriften finden sich nicht mehr nur bei "Bild". Der Journalist Jakob Augstein, Herausgeber der Wochenzeitung "Der Freitag", schrieb in "Spiegel Online", der Kampf der Journalisten gegen die "Bild"-Zeitung sei auch ein "Kampf gegen die eigenen Dämonen".

Doch die "Bild"-Zeitung hat der Konkurrenz ebenfalls einiges abgeschaut. In seinem Büro im 16. Stock des Axel-Springer-Hochhauses in Berlin berichtet Chefredakteur Kai Diekmann (47), wo "Bild" seiner Ansicht angekommen ist: In der Mitte der Gesellschaft, bei den Lesern des bürgerlichen Wohlstands. Heute schreiben für das Blatt die Feministin Alice Schwarzer und Ernst Elitz, einst Intendant des Deutschlandradios. Die Zeitung gehört zu den meistzitierten Medien.

1952 von Axel Springer als "gedruckte Antwort auf das Fernsehen" gegründet, "in einer Zeit in der alles bleiern, Schwarz-Weiß und getragen war", habe sich "Bild" als "wilder und bunter" Gegenentwurf verstanden, sagt Diekmann. Heute hätten die Menschen nicht zu wenig, sondern zu viel Information. Also müsse "Bild" Lebenshilfe bieten, Orientierung geben.

Dabei setzt sich "Bild" immer wieder dem Vorwurf aus, medialen Populismus betreiben. Für Schlagzeilen wie "Wir sind Papst!" blicken andere Medienmacher neidisch auf die Redaktion in Berlin, aber die Giftpfeile gegen die "Pleite-Griechen" stoßen nicht nur in Athen auf Protest. Bei den Beschwerden vor dem Deutschen Presserat steht "Bild" an der Spitze. Für Diekmann ist das ein statistisches Phänomen. Die hohe Zahl an Lesern bedinge die hohe Beschwerdezahl. Der Presserat werde nicht von sich aus tätig, sondern nur, wenn er von Lesern einer Zeitung angesprochen wird. Es komme regelmäßig vor, dass "Bild" für einen Artikel gerügt werde, der genauso in "Stern" oder "Spiegel" stand, sich darüber aber keiner aufrege.

"Bild", sagt Diekmann, greife Stimmungen auf, etwa die Sympathien für Karl-Theodor zu Guttenberg, den "Bild" "richtig gutt" fand. "Wir berichten nicht nur, was ist, sondern wie das, was ist, von den Menschen empfunden wird."

Ob die dem einstigen Kanzler Gerhard Schröder (SPD) zugeschriebene Formel noch funktioniert, zum Regieren brauche man nur "Bild", "Bild am Sonntag" (BamS) und die "Glotze", ist offen. Zwar sei es für Politiker noch immer wichtig, im Blatt vorzukommen. Aber: ""Bild" ist immer weniger ein Kampagnenblatt, das polarisiert und in diesem Sinne auch ein politischer Faktor ist", sagt Medienexperte Weischenberg, der an der Universität Hamburg den Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft und Journalistik innehat. Mit dem Ende der DDR sei "Bild" ein zentrales Feindbild abhandengekommen.

Wie alle Printmedien hat auch "Bild" mit dem Auflagenschwund zu kämpfen. Noch vor zehn Jahren verkaufte die Zeitung vier Millionen Exemplare täglich. Doch die Mediennutzung hat sich verändert, Leser wandern ins Internet ab, wo bild.de mit täglich 12 Millionen Einzelnutzern das stärkste Nachrichtenportal betreibt.

Chefredakteur Diekmann will die Verankerung der Marke "Bild" in der Online-Welt forcieren. Dafür wird er demnächst die Koffer packen. Ab September zieht er an die US-Westküste. Im Silicon Valley will er für mindestens sechs Monate mit dortigen Universitäten und IT-Firmen "neue unternehmerische Ideen für digitales Wachstum entwickeln".

dpa

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