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11:13 17.11.2014
Foto: Hauptdarstellerin Christiane Hörbiger. „Bis zum Ende der Welt“ ist ein gut gemeintes Drama über Toleranz und Fremdenfeindlichkeit.
Hauptdarstellerin Christiane Hörbiger. „Bis zum Ende der Welt“ ist ein gut gemeintes Drama über Toleranz und Fremdenfeindlichkeit. Quelle: Sven Hoppe/dpa
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„Bis zum Ende der Welt“ ist nicht zuletzt dank Hauptdarstellerin Christiane Hörbiger sehenswert, aber die personelle Konstellation ist doch etwas schlicht.
Das Drehbuch des Krimispezialisten Thorsten Näter teilt das Ensemble fein säuberlich in gut und böse auf: hier die Mitglieder einer Roma-Familie, die permanent mit dem Vorurteil konfrontiert werden, sie würden alles stehlen, was nicht niet- und nagelfest ist; dort die Deutschen, die die wahren Übeltäter sind.

Hörbiger spielt eine alleinstehende Seniorin, die zur Wanderin zwischen den Welten wird: Zunächst ist die frühere Musikerin Maria Nikolai ähnlich voreingenommen wie alle anderen, aber dann entdeckt sie, dass der junge Bero aus der Nachbarschaft ein begnadeter Akkordeonspieler ist. Sie gibt ihm Unterricht und vermittelt ihm schließlich sogar ein Vorspiel am Konservatorium. Hörbiger spielt die garstige Alte, die gegen ihren Willen Zuneigung zu einem jungen Menschen entwickelt, natürlich nicht zum ersten Mal. Kostüm und Maske haben großen Anteil daran, dass diese Rollen dennoch ganz anders ist als die sonst so mondänen Figuren der Wienerin: Die stolze alte Dame ist verhärmt, gänzlich unmodisch gekleidet und praktisch ungeschminkt. Im Grunde genügt ein Blick auf die Zähne, um ihre Armut zu dokumentieren; ein simples, aber prägnantes Detail. Viele andere Regisseure hätten mit einer Nahaufnahme dafür gesorgt, dass niemandem entgeht, wie viel Sorgfalt auf solche Kleinigkeiten gelegt wurde; Matthias Tiefenbacher verzichtet zum Glück darauf.

Selbstredend erzählt der Film seine Geschichte nicht in schlichter Gradlinigkeit, denn bis der von Samy Abdel Fattah als Sympathieträger verkörperte Bero den vorläufigen Höhepunkt seines musikalischen Schaffens erlebt, müssen noch einige Hindernisse bezwungen werden; Vater Zano (Merab Ninidze) zum Beispiel hat ganz andere Pläne mit dem Jungen. Ansonsten sind die Roma ein fast immer fröhlicher Haufen, der die Mahlzeiten selbstredend gemeinsam einnimmt und zum Nachtisch auch schon mal in Gesang ausbricht.

Ähnlich stereotyp sind die deutschen Figuren gezeichnet. Dazu trägt auch die Rahmenhandlung bei, denn Näters Drehbuch behandelt nicht nur das Thema Ausländerfeindlichkeit, sondern in einem Abwasch auch noch Gentrifizierung: Nikolai, selbst aus Russland nach Deutschland eingewandert, lebt in einem Hamburger Viertel, das zunehmend von Migranten bewohnt wird. Das „Gesindel“, wie sie es nennt, soll die Einheimischen vertreiben, damit die Hausbesitzer die Gegend sanieren können. Repräsentant der Hausverwaltung ist ein Typ, der die Mieter schikaniert.

Unterm Strich ist „Bis zum Ende der Welt“ von durchschaubarer Schlichtheit. Das Drama erfüllt zwar seinen Zweck, aber eigentlich sollte ein Film keinen Zweck erfüllen, sondern in erster Linie ein guter Film sein.

Von Tillman P. Gangloff

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