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19:51 14.12.2011
Moderiert Johannes B. Kerner bald „Wetten, dass ...?“ Inzwischen gilt er als Favorit. Das zeigt vor allem eines: Die Not ist groß.
Moderiert Johannes B. Kerner bald „Wetten, dass ...?“ Inzwischen gilt er als Favorit. Das zeigt vor allem eines: Die Not ist groß. Quelle: dpa/SAT.1
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Das Problem ist, dass „JBK“ kein Wort mehr sagt seit ein paar Wochen. Das fällt auf, wenn einer vom Fernsehen mal schweigt. Jeder seiner TV-Kollegen hat auf jeder Celebrity-Sause zwischen Hamburg und München seinen Senf zur Mediendebatte des Jahres in jede Kamera gesprochen, hat jeder Nadine oder Trixie in jedes Mikrofon erzählt, warum er/sie/es möglicherweise geeignet/ungeeignet/ideal/prädestiniert wäre, „Wetten, dass ...?“ zu moderieren/nicht zu moderieren. Nur einer sagt nichts mehr: Johannes B. Kerner (47). Er wird sich Donnerstagabend um 22.25 Uhr nach zwei harten Jahren durch die letzte Ausgabe seiner SAT.1-Show „Kerner“ quälen, durch diesen Irrtum von einer Magazintalkquizirgendwassendung, mit der er zum Jauch von SAT.1 hatte werden wollen und stattdessen in die Belanglosigkeit abglitt. Und dann hat Kerner – und das kann einem Angst und Bange machen – plötzlich Zeit.

Auf einmal steht er wieder ganz oben auf dem ZDF-Zettel. Es ist wie bei den republikanischen Präsidentschaftskandidaten in den USA: Einer nach dem anderen hat abgewinkt oder sich selbst disqualifiziert, und dann liegt der Ball plötzlich vor Newt Gingrich, der doch schon lange weg vom Fenster war, ein kühler Polit-Veteran und eitler Karrierist, den keiner je so richtig ins Herz geschlossen hat, der aber eben einfach irgendwie übriggeblieben ist. Wie Kerner.

Kerner wäre nicht die zweite, nicht die dritte – er wäre ungefähr die sechsundzwanzigste Wahl für die Nachfolge von Thomas Gottschalk. Sicher ist aber auch: Es wäre ihm wurscht. Er würde es machen. Kerner fühlt sich, aller telegenen Demut zum Trotz („Entschuldigung, ich muss das einfach fragen ...“), zu Höherem geboren. Gottschalks Nachfolge ist so ungefähr der undankbarste Job im deutschen Fernsehen (außer dem, den Gottschalk selbst im ARD-Vorabend übernommen hat). Aber einer muss ihn machen. Kärrnerarbeit. Kernerarbeit.

Das Branchenblatt „W&V“ meldete, entsprechende Verträge würden noch vor Weihnachten unterzeichnet. Das sei „blanker Unsinn“, versicherte das ZDF, bezog sich dabei aber eher auf das Zeitfenster als auf die Sache selbst. Und es würde ja passen: Im nächsten Jahr lockt die Fußball-EM, der Samstagabend liegt brach, und die TV-Rechte an der Champions League wandern 2012 von SAT.1 zum ZDF – wandert Kerner mit?

Kerner? Der Mann mit den glänzenden Autoverkäuferanzügen, der seine Arroganz mit theatralischer Unterwürfigkeit überspielt, der in Sympathieumfragen verlässlich weit hinten landet? Der Mann, der einst mit „ran“ auf SAT.1 bekannt wurde, dann zum ZDF wechselte, 2007 Eva Herman mitsamt ihren muffigen Autobahnthesen aus dem Studio warf, 2010 zu SAT.1 zurückkehrte – und seitdem im Quotenödland verschollen ist, dort, wo die Sonne niemals scheint? Der Guido Westerwelle des deutschen Fernsehens also? Der soll das machen?

Die Kerner-Krise begann spätestens mit jener unseligen Sendung im Dezember 2010, als er, flankiert von dekorativem Kriegsgerät, den Afghanistankrieg als Kulisse für eine vorweihnachtliche Weihestunde mit Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg in Masar-i-Scharif nutzte („Herr Minister, danke, dass wir zu Ihnen kommen durften“). 860 000 Menschen wollten vergangene Woche Kerners vorletzte Sendung sehen. Marktanteil: 4,3 Prozent. Das ist schon keine Katastrophe mehr. Das ist mitleiderregend. Kerners Hoffnung, sein ZDF-Stammpublikum zu SAT.1 herüberzulocken, erfüllte sich nicht. Derweil erobert sich Markus Lanz abends im ZDF auf dem alten Kerner-Sendeplatz mit oft klugen, meist charmanten Fragen eine wachsende Fangemeinde.

Noch vor sechs Monaten hatte Kerner gesagt, der „perfekte Nachfolger für Thomas Gottschalk ist Thomas Gottschalk“. Noch vor ein paar Wochen erklärte er laut „Bunte“: „Nein, ich will es nicht machen, ich bin doch nicht verrückt.“ Und jetzt – Bühne frei für Kerner? Erst in der zweiten Januarhälfte 2012 will das ZDF den Nachfolger von Gottschalk offiziell bekanntgeben.

Donnerstagabend will Kerner in der letzten Ausgabe von „Kerner“ zunächst mal das Jahr 2011 Revue passieren lassen. Er reist dazu an die Schauplätze wichtiger Ereignisse, etwa nach Fukushima und zur norwegischen Insel Utøya, trifft sich mit der Schülerin „Thessa“, die unfreiwillig zur Facebook-Party des Jahres einlud, und besucht mit Meistertrainer Jürgen Klopp eine BVB-Fankneipe. Und er knüpft ein paar Kontakte, die ihm in einem späteren Job noch von Nutzen sein könnten: Er trifft Lady Gaga, Til Schweiger und Dirk Nowitzki.

Was Kerner für „Wetten, dass ...?“ jedoch fehlen würde, ist Empathie für seine Gäste. Oder wenigstens Interesse. Zumeist aber sind sie nur Mittel zum Zweck, den Gastgeber so gut wie möglich aussehen zu lassen. Unvergessen, wie Kerner nach dem Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium 2002 einen elfjährigen Überlebenden stumpf mit Fragen löcherte, als gehe es hier um ein Fußballspiel. Das ist neun Jahre her. Aber der Eindruck, dass sich Kerner eher für die telegene Wirkung seiner Kompetenzfältchen interessiert als für die Geschichten seiner Gäste, ist seither nicht verflogen.

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Am Ende wurde es dann doch rührselig. Und das, obwohl Thomas Gottschalk gleich zu Beginn klargestellt hatte, dass er Showmaster sei und deswegen einen „fröhlichen Abend“ erleben wolle. Wenn sich einer der größten Unterhalter der deutschen TV-Geschichte aber von der Sendung trennt, die ihn groß gemacht hat, dann darf etwas Sentimentalität nicht fehlen.

Stefanie Nickel 04.12.2011