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Medien & TV Breuckmann kritisiert Umgang der Medien mit Assauer
Nachrichten Medien & TV Breuckmann kritisiert Umgang der Medien mit Assauer
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21:10 14.02.2012
Muss das sein? Rudi Assauer und seine Tochter in der ZDF-Show „Volle Kanne“. Quelle: ZDF
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Hannover

Geht es bei den Berichten über Rudi Assauers Erkrankung im Großen und Ganzen um Aufklärung über eine immer noch weitgehend tabuisierte Krankheit?

Keine Pauschalurteile: Einigen der Beteiligten geht es sicherlich um die Aufklärung über Alzheimer.

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Der dominierende Grundzug in einigen beteiligten Redaktionen dürfte jedoch die Erhöhung von Auflage und Quote sein. Da funktioniert der Zusammenhang zwischen Promi und Krankheit sehr gut. Außerdem: Psychische Erkrankungen sind vielleicht noch tabuisiert, aber Alzheimer? Darüber wird schon lange intensiv berichtet, der Einsatz von Prominenz zu Aufklärungszwecken ist möglicherweise förderlich, aber nicht zwingend erforderlich.

Wenn Sie sich die Chronologie der Veröffentlichung von Rudi Assauers Erkrankung ansehen – ist da ein Muster zu erkennen?

Alle in der Gelsenkirchener Fußball-szene wussten es. Dass der Zeitpunkt der Veröffentlichung mit dem Erscheinungstermin des Buches zusammenhängt, dürfte kein Zufall sein. Auch der ZDF-Film aus der Serie „37 Grad“ musste ja terminiert werden. Mit hineinspielen wird aber auch der Wunsch Assauers, mit dem Versteckspiel aufzuhören.

Ist er Herr des Verfahrens?

Mein Eindruck ist, dass Rudi Assauer nur sehr begrenzt Herr des Verfahrens ist. Im Grundsatz dürfte er mit öffentlichen Auftritten einverstanden sein, in seinem tiefsten Inneren wertet er das vielleicht sogar als letzte Möglichkeit, noch einmal groß im Rampenlicht zu stehen. Wo es im Detail langgeht, bestimmt er aber nicht mehr selber, sondern sein Umfeld, das im Wesentlichen aus seinen Anwälten, seiner Sekretärin und seiner Tochter besteht.

Welchen Umgang mit der Erkrankung halten Sie hier für angemessen?

Dass die Krankheit öffentlich gemacht wird, halte ich bei einem öffentlichen Menschen wie Rudi Assauer für unumgänglich. Es geht allerdings um den Umfang, die Intensität und die Qualität der Berichterstattung. Aus meiner Sicht ist eine einfühlsame Reportage wie die im ZDF nicht zu beanstanden. Ein Liveauftritt wie bei „Volle Kanne“ bedient hingegen nur voyeuristische Instinkte, die kampagnenartige Berichterstattung in der „Bild“-Zeitung (einschließlich „Rosenkrieg“) halte ich für zynisch und unwürdig.

Gibt es so etwas wie ein Recht, über Prominente informiert zu werden?

Nein. Aber es gibt – und gab schon immer – ein Bedürfnis größerer Teile der Öffentlichkeit. Die Intensität der Berichterstattung darüber ist im letzten Jahrzehnt immer größer geworden. Details über das Intimleben bis hin zu Sexualpraktiken wie bei Kachelmann werden auf dem Boulevard breitgewalzt. Das ist eine Verluderung der öffentlichen Moral.

Wie weit, meinen Sie, reicht heute die Boulevardisierung unserer Medienlandschaft?

Die Boulevardisierung der Medien geht bis weit in den öffentlich-rechtlichen Bereich und bis in die Regionalzeitungen. Das wird zielgerichtet zur Erhöhung von Quote und Auflage eingesetzt. Das Problem ist eine schleichende Umgewichtung von Themen. Wenn das „heute journal“ als Spitzenmeldung Assauers Erkrankung verbreitet, so ist das mehr als bedenklich. Die Zuschauer verlieren dadurch den Kompass für die Einschätzung von Themen. Unbedeutendes oder wenig Bedeutendes gewinnt eine geradezu perverse Bedeutung, die wirklich wichtigen Themen werden manchmal an den Rand gedrängt.

Wie war das in den siebziger Jahren? Auch damals spielte das Privatleben von Fußballern wie Günter Netzer ja eine Rolle in den Medien: Was hat sich verändert?

Alles ist schreiender und detailreicher geworden. Tabus werden zielgerichtet eingerissen. Die Eheprobleme von Ministern waren in den Siebzigern beispielsweise kein Thema. Diese Entwicklung hat wenig mit größerer Offenheit zu tun, sondern mit der Verdrängung der eigentlich zentralen Themen.

Mit Ihrer medienkritischen Position waren Sie vergangene Woche in der ZDF-Talkshow „Markus Lanz“ weitgehend isoliert: Woran könnte das liegen?

Viele haben sich von der Vermarktungsstrategie intimer menschlicher Bereiche einfangen lassen. Sie glauben ernsthaft an die zumeist vorgeschobenen Argumente von Aufklärung und Mitgefühl. Es ist das Gefühl verloren gegangen, an welchem Punkt ein Kranker von der Öffentlichkeit in Ruhe gelassen werden sollte.

Ist das Problem womöglich eher, dass es keine Tabus mehr gibt, als dass es zu viele Tabus gibt?

Richtig. Die Tabubrecher lassen sich durch nichts und niemanden mehr aufhalten. Früher war der Antrieb „Raus aus der Verklemmung“ und „Befreiung durch öffentliche Diskussion“; dieser aufklärerische Ansatz in Politik, Literatur und Kunst ist dem Diktat des puren Geldverdienens gewichen. Das sehr schwer zu knackende Problem: Positionen, wie ich sie vertrete, werden mit Erfolg als „altbacken“ und „von gestern“ gebrandmarkt. Kritikwürdiges Medienverhalten wird als nicht vermeidbar dargestellt, weil es „unumstößlichen Gesetzen“ des Medienmarktes folge.

Interview: Jürgen Kleindienst