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Medien & TV Die lieben Nachbarn
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18:59 15.01.2014
Diese Straße führt direkt zum Gefängnis: In „Benefits Street“ zeigt das britische Fernsehen vor allem „Loser“ – und verliert seine eigene Glaubwürdigkeit. Quelle: Channel 4
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Empörte Zuschauer sprechen von „übler Dämonisierung“. Für viele ist das Programm auch lüsterner Armuts-Voyeurismus – ein „Poverty Porn“ also. Die darin Dargestellten, deren Alltag Millionen Briten als bunte Unterhaltung nach dem Abendessen geboten wird, fühlen sich von den Filmteams, denen sie vertraut haben, glatt betrogen. Die Filmemacher dagegen wollen nur „fair beobachtet“ haben. Der Streit dreht sich um eine Doku-Serie, die zur Zeit im britischen Fernsehsender Channel 4 läuft und „Benefits Street“ heißt. Die Straße, um die es geht, ist eine Straße voller Sozialleistungs-empfänger in Birmingham. Neun von zehn Nachbarn leben hier angeblich von staatlicher Hilfe, den sogenannten Benefits – daher auch der Name der Serie. Am oberen Ende der Straße grüßt das örtliche Gefängnis, in dem schon einige Anwohner einsaßen.

Folge für Folge treffen die Zuschauer auf Menschen, die an ihren Haustüren herumlungern oder ein Leben auf dem Sofa verbringen. „Loser“ werden vorgeführt, und alleinstehende Mütter die ihre Kinder nicht „im Zaum“ halten können. Sprachlose Immigranten, Drogenabhängige, Großfamilien, kleine Ladendiebe. Afrikaner, die angeblich Geld für einen Trauschein bezahlt haben. Gedreht wurde in der James Turner Street. Bis vor Kurzem noch hätte die Nation vor etwas so Unappetitlichem wie dieser Straße lieber die Augen verschlossen. Jetzt kennt sie praktisch jeder auf der Insel – dank Channel 4. Mehr als vier Millionen Zuschauer haben in der vergangenen Woche bei der ersten Folge eingeschaltet. Mehr noch sollen es am Montag gewesen sein, als es um rumänische Zuwanderer ging.

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Doch nach den zufriedenstellenden Quoten erhob sich ein Proteststurm. Der Sender und die britische Medienaufsicht registrierten eine Flut an Zusendungen von wütenden Zuschauern. Sogar eine Petition brachten diese bereits auf den Weg: Mehr als 18 000 Briten sprachen sich mit ihrer Unterschrift bereits für das Absetzen des Formats aus. Ihre Begründung: Die Sendung schüre den Hass auf eine ganze Bevölkerungsgruppe. Nicht, dass die Rumänen sich bei näherem Hinsehen als die arbeitsscheuen Migranten erwiesen hätten, als die britische Boulevardzeitungen sie gern ausgeben.

Sie waren die willigsten Arbeiter überhaupt auf der Szene – und die am übelsten ausgebeuteten dazu. Doch selbst von ihren alteingesessenen Nachbarn durften diese Migranten nichts anderes erwarten als abfällige Bemerkungen und wilde Gerüchte. Am Ende blieben beim Zuschauer die Bilder von 14 Männern haften, die sich in qualvoller Enge ein paar Zimmer teilen – und die später in einem Park notdürftig ihr Nachtquartier beziehen.

Bei einigen Fernsehzuschauern traf diese Art der Darstellung einen Nerv: Sie forderten auf Twitter, die Bewohner der James Turner Street zu verbrennen, zu erschießen oder zu vergasen. Einige forderten bei der Polizei, die Anwohner festzunehmen. Lokalpolitiker hatten dagegen Mühe, Hass und Zorn wieder einzufangen und mit ihrer Botschaft, die Sendung verzerre die Wirklichkeit, überhaupt noch Gehör zu finden. Auch wenn es Momente emotionaler Anteilnahme mit den Gezeigten gebe, schrieb etwa Paul Vallely von der Londoner Tageszeitung „Independent“, diene das Ganze doch insgesamt einer rücksichtslosen Ausgrenzung.

Mit seinen Stereotypen, mit einem TV-Konzentrat aus Elend, Lethargie, Schlitzohrigkeit und kriminellen Neigungen, spiele Channel 4 nur einer Regierung in die Hände, die aus politischer Opportunität Sozialhilfeempfänger zu verteufeln suche. Die  Wirklichkeit sehe zudem ganz anders aus – denn Großbritanniens Sozialhilfeempfänger seien zum größten Teil verarmte Rentner, mit Kümmerlöhnen abgespeiste Arbeiter und chronisch Kranke und Behinderte. Von denen bekommst man in „Benefits Street“ jedoch nichts zu sehen.

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