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Medien & TV „Buddenbrooks“ als großer Weihnachts-Zweiteiler im Fernsehen
Nachrichten Medien & TV „Buddenbrooks“ als großer Weihnachts-Zweiteiler im Fernsehen
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19:08 22.12.2010
Von Imre Grimm
Beim Ball der Lübecker Kaufmannschaft: Tony Buddenbrook (Jessica Schwarz), Christian (August Diehl), Konsul Jean (Armin Mueller-Stahl), Thomas (Mark Waschke) und Konsulin Bethsy (Iris Berben). Quelle: WDR
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Sommerfrische in Travemünde. Zehn Zehen recken und strecken sich im Sand. Tony Buddenbrook (Jessica Schwarz), die „Prinzessin von Lübeck“, hat an der Ostsee ihre Seidenstrümpfe abgestreift. Was sie unter ihren Sohlen spürt, ist Freiheit. Freiheit von der Last ihres Familiennamens, von den Konventionen der Gesellschaft, Freiheit von ihren Pflichten als aristokratische Kaufmannstochter, geboren für eine lukrative Ehe ohne Liebe. Sie weiß: Dieser Tag am Meer, dieser kurze Flirt mit Morten, dem Sohn des Lotsenwächters, ist endlich. Sie wird zurückfahren. Sie wird es müssen. Denn sie ist eine Buddenbrook.

Es war ein großes Wagnis, Thomas Manns „Buddenbrooks“, diesen 1901 erschienenen deutschen Klassiker vom Sterben einer alten Welt, in neue Bilder zu kleiden. Heinrich Breloer ist das Wagnis 2008 eingegangen. Acht Jahre, nachdem er der berühmten Familie mit dem grandiosen ARD-Dreiteiler „Die Manns – Ein Jahrhundertroman“ ein Fernsehdenkmal gesetzt hatte, nahm er sich die „Buddenbrooks“ vor, es war sein erster Spielfilm.

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1,3 Millionen Besucher haben die 152-minütige „Buddenbrooks“-Fassung im Kino gesehen. Ein respektables Ergebnis, aber kein Riesenerfolg. Die Fernsehfassung nun – ein Zweiteiler, den arte heute Abend vorab am Stück zeigt und die ARD dann zwischen den Jahren – ist 40 Minuten länger. Und siehe da: Als TV-Doppelschlag funktioniert Breloers 16-Millionen-Euro-Werk besser als im Kino. Diverse Szenen sind neu, etwa, als der alte Konsul Jean Buddenbrook (Armin Mueller-Stahl) erblasst, nach Luft ringt und von einem Infarkt dahingerafft wird, derweil seine Frau vorm Spiegel steht und den Witwenschleier anlegt, während sich draußen ein mächtiges Gewitter zusammenbraut.

Die ARD wollte die „Buddenbrooks“ schon Weihnachten 2009 zeigen, aber die Kinofirma Warner Brothers wollte erst die DVD-Gewinne abschöpfen. Die Langfassung nun gibt dem historischen Rahmen mehr Raum, in dem sich der Zerfall der Getreidehändlerfamilie abspielt. Den Sehgewohnheiten im Fernsehen entspricht die ausführlichere Erzählweise eher als das Kinotempo. Die Ironie freilich, mit der Mann das Drama würzte, die Tiefe, fehlt auch im TV-Film.

Ein Bilderbuch von einer Kleinstadt ist dieses Lübeck des 19. Jahrhunderts – bei Breloer wie bei Mann. Rauschende Bälle, glutvolle Blicke, erste Tänze, heile Welt. Lübeck feiert sich und seinen Reichtum, damals, als das Holstentor noch das Tor zur Welt war. Es sind die Jahre an der Grenze zur Moderne, eine Art frühe Globalisierung kündigt sich an, aber noch geht es kaum anders zu als zu Napoleons Zeiten: keusche Spielchen, hohe Hüte, Sex zwischen Patriziern und Blumenmädchen. Jessica Schwarz als zähe, unglückliche, tapfere Tony zwischen Pflicht und Liebe, Tradition und Geistesfreiheit, ist die Seele des Films. Folgsam fügt sie sich in die Zweckehe mit Bendix Grünlich (angenehm unclownesk: Justus von Dohnányi). Die schwierige Rolle von Tonys zweitem Ehemann Alois Permaneder, der vor den Augen der Konsulin Buddenbrook (würdevoll: Iris Berben) etikettetechnisch Amok läuft, spielt Martin Feifel dann mit brachialer Naturburschenhaftigkeit. Mark Waschke als ältester Sohn Thomas Buddenbrook, der sich verzweifelt bemüht, Familie und Firma zusammenzuhalten, bleibt etwas blass, anders als Léa Bosco als seine selbstbewusste Gattin Gerda. August Diehl macht aus dem neurotischen, kränkelnden Christian Buddenbrook einen irrlichternden Bummelanten.

Breloer filmte hart am Buch entlang. Er unternahm keinen Versuch, die Getragenheit des Originals aufzulockern. Zu groß war sein Respekt vor dem Meister. „So motivtreu“ wie möglich wollte er sein. „Es wäre doch schrecklich, die Poesie der Sprache zu modernisieren.“ Das 1959 wiedererrichtete „Buddenbrookhaus“ in der Mengstraße 4 in Lübeck ist nur in Außenaufnahmen zu sehen. Das Innere des Hauses wurde dem Roman getreu im Studio nachgebaut.

Die Weltfinanzkrise spielte Breloer in die Finger: Seit zwei Jahren begegnen uns die buddenbrockschen Themen täglich in der „Tagesschau“: Pleiten, Vertrauenskrise, Bankrott, Getreide auf Risiko „auf dem Halme gekauft“, hanseatische Kaufmannsideale, zerrieben zwischen skrupellosen Konkurrenten. Dazu kommt die Sehnsucht nach dem gütigen Patriarchen. Und wenn’s den nicht gibt? Revolution! „Wat is dat für dumm Tüch?“, fragt der alte Jean, als seine Leute 1848 mit schwarz-rot-goldener Fahne vor der Rathaustreppe stehen.

Ein Weihnachtsfilm? Ja. Vor allem der schwelgerischen Bilder wegen. Schillernde TV-Kost zu Lebkuchen und Glühwein. Doch nicht mehr. Das Vorhaben, den Klassiker 87 Jahre nach einer ersten von Thomas Mann verachteten Stummfilmfassung, 50 Jahre nach Alfred Weidenmanns unvergessenem Schwarz-Weiß-Film mit Lilo Pulver, Hansjörg Felmy und Nadja Tiller und 32 Jahre nach einer elfteiligen TV-Serie letztgültig zu erzählen, löst auch die TV-Version nicht ein. Sie bleibt brav und steifleinen, quasi biederes Marzipan statt origineller Praline. Als fürchte Breloer, selbst Sohn eines Mehlgroßhändlers, die ganz große Geige. Er ist eben ein Sezierer, kein Schwelger, ein cineastischer Frickler. Schauspieler Mark Waschke erklärt die „Methode Breloer“: „Man kann ihn antippen, und sofort beginnt er zu erklären.“ Das ist perfekt für einen Dokumentarfilmer, für große Würfe auf der großen Leinwand freilich geht es nicht ohne Vision, ohne Mut zum Pathos, ohne Lust an der Übertreibung.

Am Ende steht Tony noch einmal am Strand von Travemünde. Die Firma ist tot, der Bruder, der Neffe, Mutter und Vater, sie sind alle tot. Sie hat überlebt, doch sie steht für nichts mehr als sich selbst. Eine der großen Geschichten vom Werden und Vergehen sind Thomas Manns „Buddenbrooks“. Breloers Film kleidet die Familienchronik in würdige Bilder. Ein Jahrhundertroman aber ist sein Werk auch in der Fernsehfassung nicht.

„Buddenbrooks“ auf arte

Langfassung des Kinofilms Donnerstag, 20.15 Uhr

In der ARD am 27. und 28. Dezember, jeweils 20.15 Uhr

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