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Medien & TV Fast ein kleines Fernsehspiel
Nachrichten Medien & TV Fast ein kleines Fernsehspiel
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10:10 14.06.2014
Christian Ulmen startet eine neue Serie mit dem simplen Namen „Mann/Frau“. Quelle: dpa (Archiv)
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Männer und Frauen erleben die gleichen Situationen komplett unterschiedlich. Das ist zunächst einmal eine Binsenweisheit – kann aber auch die Grundlage für eine extrem unterhaltsame Serie sein. Der Bayerische Rundfunk (BR) hat dieser Serie den simpelstmöglichen Namen gegeben: „Mann/Frau“. Revolutionär klingt dieser Titel nicht. Revolutionär – zumindest für einen öffentlich-rechtlichen Sender –  ist alles andere.Erstmals nimmt der BR Geld in die Hand, um eine Fernsehproduktion fürs Internet herzustellen. „Mann/Frau“, produziert von Christian Ulmen, ist eine „Web-First“-Serie mit 20 Folgen. Jede dauert nur drei Minuten.

Am 3. September sollen die Folgen nach und nach auf der Website des BR-Jugendradios Puls online gehen, erst später sollen sie auch im Fernsehen laufen. Der Sender versucht so, junge Zuschauer auf dem Umweg über Websites, YouTube und Facebook für öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu interessieren – eine Welt also, die dieser Zielgruppe bislang völlig fremd ist, wie BR-Redaktionsleiter Ingmar Grundmann einräumt.

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Der Aufwand ist nicht gering, aber überschaubar. Grundmann nennt keine Summe. „Sie bewegt sich im Rahmen eines kleinen Fernsehspiels“, sagt Autorin und Regisseurin Jana Buchholz. Mit ihrem Bruder Johann zusammen zeichnet sie für die Serie verantwortlich: Sie schrieb die Folgen aus Frauensicht, er die Männerfolgen. „Jeweils einmal haben wir getauscht, um die Perspektive des anderen zu verstehen“, sagt Jana Buchholz. Auch für sie war es eine Premiere, eine Serie in der atemlosen Abfolge von Drei-Minuten-Clips zu erzählen. Der größte Unterschied zum klassischen Fernsehen sei die rapide Schnittfolge. „Man dreht wie beim Spielfilm, bricht es aber runter auf etwas viel Schnelleres“, versucht Jana Buchholz zu erklären. Eine Zahl soll das veranschaulichen: 47, so viele Einstellungen musste die Kamerafrau in vier Stunden Dreh einfangen – purer Stress für das kleine Team. Dabei passierte noch nicht einmal viel: In der Szene saßen „Sie“ (Lore Richter) und „Er“ (Mirko Lang) nur an einem Tisch.

Die beiden sind mehrheitsfähige Großstadtsingles zwischen 20 und 30 Jahren und mit einem prototypisch chaotischen Alltag. Gedreht wurde zwar in Berlin, doch „Mann/Frau“ verzichtet auf spezielles Berliner Flair: Genauso allgemein wie die Probleme, Partys, Affären und Trennungen der beiden Hauptfiguren soll auch die Umgebung funktionieren. Auf bayerisches Kolorit verzichtete der Weiß-Blau-Funk dabei ebenfalls komplett.

„Sie“ und „Er“ leben nebeneinander her, bis es zur schicksalhaften Nacht kommt. Auf einer Party schüttet ein dubioser Typ („Supergeil“-Shootingstar Friedrich Liechtenstein) den Frauen etwas ins Glas, die Männern aber bleiben klar. Die Nacht eskaliert, „Sie“ (Lore) landet in „seinem“ (Mirkos) Bett und erinnert sich am nächsten Tag an nichts. Irgendwann finden sie sich wieder, ziehen sogar zusammen, trennen sich wieder. Alltag im Zeitraffer, mit vielen Pointen aus dem Off.

Das Produzentenpaar spielt ebenfalls mit: Christian Ulmen ist der Barkeeper, bei dem Mirko sich ausheult, seine Ehefrau Collien spielt Lores beste Freundin. Für Ulmen ist die Arbeit nach vielen Ulmen-TV-Folgen fürs Netz nichts Neues, er hofft jetzt auf weitere Webserien-Aufträge von öffentlich-rechtlichen Anstalten. Auf die Frage, ob „Mann/Frau“ trotz seines Tempos nicht arg klischeehaft ist, gibt er eine äußerst überzeugende Antwort: „Jedes Format, das versucht, etwas völlig Neues zu erzählen, geht schief. Mir ist es egal, ob sich in der Realität viele Männer bei ihrem Barkeeper ausheulen oder ob das ein Klischee ist. Wichtig ist, dass es in der Geschichte passt.“

Aber der umtriebige Ulmen ist nicht nur im öffentlich-rechtlichen Netz unterwegs, sondern arbeitet auch in klassischen Formaten für die ARD-Anstalten: Zurzeit entstehen die ersten Folgen einer Serie mit Benjamin von Stuckrad-Barre für den Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB). Der Arbeitstitel lautet „Homestory“ – Stuckrad-Barre besucht Prominente und Politiker zu Hause und quetscht sie aus. Ein Sendetermin steht noch nicht fest. Doch eins ist klar: Dafür braucht man länger als drei Minuten.

Jan Sternberg

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