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Nachrichten Medien & TV Das Fernsehen verliert seine Charakterköpfe
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13:04 31.03.2012
Von Imre Grimm
Foto: Harald Schmidt macht Schluss, Gottschalk brechen die Quoten weg - das Fernsehen verliert seine Charakterköpfe.
Harald Schmidt macht Schluss, Gottschalk brechen die Quoten weg - das Fernsehen verliert seine Charakterköpfe. Quelle: dpa (Archivfoto)
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Berlin

Es ist ein paar Jahre her. Harald Schmidt sitzt mit seinem alten Kumpel Herbert Feuerstein auf einem Rheinschiff. Man feiert Feuersteins 70. Geburtstag. „Hast du nicht manchmal das Bedürfnis, etwas ganz Anderes zu machen?“, fragt Feuerstein, „etwas Künstlerisches? Du hast deine Bach-Wurzeln, deine Orgel-Wurzeln...“ - „Was sollte das denn sein?“, fragt Schmidt. „Soll ich Orgelkonzerte geben? Oder malen? Es endet ja doch alles in Dilettantismus.“ Was treibe ihn dann überhaupt an, weiterzumachen, fragt Feuerstein. Pause.

Die Antwort ist kurz und ein bisschen bitter: „Die Langeweile“, sagt Schmidt.

Er konnte sich das leisten, damals, dieses Ennui. Er war der Gott der kleinen Dinge, der bundesdeutsche Entkrampfungsbeauftragte schlechthin. Aber es langweilte ihn alles so unsäglich: dieses blöde Fernsehgeschäft, die Latte Macchiato trinkenden Jungmanager, die „Tschüssikowski“ sagen und sich auf die Schultern hauen. Seine Millionengage sah Schmidt immer auch als Schmerzensgeld. Abend für Abend dieses Studio, dieser Helmut Zerlett, der ja nie nur Bandleader war, sondern als Symbolfigur für die geistige Fallhöhe vor allem die intellektuelle Wirkung seines Chefs verstärkte. Schmidt war ein Meister darin, aus seiner Verachtung für das Medium Kapital zu schlagen. Und er kam damit durch. Denn in Wahrheit hasst sich die Branche noch viel mehr als er sie.

Nun schmeißt ihn der Sender also raus. Ein paar Controller in hellblauen Hemden haben die Reißleine gezogen. Denn die SAT.1-Eigentümergesellschaften KKR und Permira sind unerbittlich, wenn es darum geht, aus den Trümmern des Kirch-Konzerns einen auf Rendite getrimmten Goldesel zu zimmern. „Herzlich willkommen zu einer weiteren Sendung aus der Schlecker-Filiale Köln-Mühlheim“, sagte Schmidt in seiner Show am Donnerstag. Und zeigte dann „die Kollegin, die Sie ab 4. Mai an meiner Stelle erwartet“. Es folgten: 30 Sekunden Brüste. Das war böse und gut. Überhaupt hatte er gerade wieder Feuer gefangen, nach zähen Jahren.

Natürlich könnte man jetzt sagen: Was soll’s? Wir müssen nicht jedes alte Zirkuspferd durchfüttern, nur weil es früher mal gut war. Wir müssen uns nicht nostalgisch an alte Zeiten klammern. Der Planet dreht sich weiter.

Und überhaupt: Gilt das nicht auch für Thomas Gottschalk, der am Donnerstagabend in der ARD mit 0,92 Millionen Zuschauern und 3,7 Prozent Marktanteil wieder einen neuen Minusrekord aufstellte? Der zwar - anders als Schmidt - das Publikum liebt, den Job aber genauso hasst? „Du gibst 200 Interviews und quatschst mit hundert Leuten, von denen ich zwanzig kenne“, jammerte er mal. „Dabei werden wir tausendmal fotografiert, und die Fotos, auf denen ich am dämlichsten aussehe, kommen in die Zeitung. Aber ich kann halt nichts anderes. Ich bin ’ne Quotennutte.“ Mein Gott, Männer - dann lasst es halt sein!

Aber Schmidts Rausschmiss und Gottschalks Siechtum stehen für mehr als das Ende einer Ära im Fernsehen. Sie stehen symbolisch für eine größere Entwicklung: Die Zahl der Querköpfe, der charakterfesten Originale im öffentlichen Leben, nimmt ab. Stattdessen auf allen Kanälen: austauschbares Erfüllungspersonal ohne Ecken und Kanten. Kai Pflaume, Markus Lanz, Peter Kloeppel, Jörg Pilawa, Stefan Gödde, „sportstudio“-Neuzugang Sven Voss, Guido Cantz, Ingo Zamperoni, Steven Gätjen und selbst der allseits beliebte Günther Jauch - sie alle stehen für die deutscheste aller Eigenschaften: konsequente Durchschnittlichkeit. Wenn Fernsehmacher nach „echten Typen“ suchen, ist das pure Heuchelei. In Wahrheit darf nichts mehr drücken, nichts irritieren, nichts stören im ewigen Fluss der bunten Bilder. Wir erleben die Durchformatisierung des deutschen TV-Personals. Ein gewinnendes Lächeln, eine stabile Frisur, dazu perlendes Parlando. Und fertig ist der Moderationsroboter.

Das Fernsehen ist nur ein Komplementärspiegel der Gesellschaft. Es vollzieht, was längst Alltag ist: Geschmeidige, kühl kalkulierende Männer ohne Charisma mit glattgeschliffenen Biografien und durchgestylten Karrieren, an denen jede Irritation abzuperlen scheint, beherrschen weite Teile des öffentlichen Leben. In der Politik: Daniel Bahr, Christian Lindner, Nils Schmid, Jens Spahn, Norbert Röttgen. In der Wirtschaft: Bundesbankchef Jens Weidmann, Telekom-Chef René Obermann, Commerzbank-Chef Martin Blessing, Munich-Re-Chef Nikolaus von Bomhard. Im deutschen Pop: Tim Bendzko, Philip Poisel, Max Prosa, Andreas Bourani und andere Helden der deutschen Neoromantik.

Im deutschen Businessleben sind inzwischen funktionsoptimierte Mittvierziger unter sich, die alle Coldplay hören und sonntags die gleiche Jack-Wolfskin-Jacke tragen. Selbst die Berliner Was-mit-Medien-Hipster mit ihren Retrobrillen und Cheap-Monday-Jeans landen früher oder später alle bei denselben total unbekannten Bands auf YouTube. Und schon gleicht ein Individualist dem anderen. Nein, früher war nicht alles besser. Aber warum war denn die Sehnsucht nach Joachim Gauck als Bundespräsident so groß? Warum erleben das Wutbürgertum und die Piraten einen solchen Zulauf? Weil die wenigsten von Menschen ohne Eigenschaften geführt und repräsentiert werden wollen, die im stillen Kämmerlein Fakten schaffen.

Harald Schmidt ist diesen Leuten gerade zum Opfer gefallen. Man wird einen angstfreien Freigeist wie ihn, dem nichts heilig ist - nicht mal die Quote - noch vermissen. Denn wer soll ihn ersetzen? Joachim „Joko“ Winterscheid und Klaas Heufer-Umlauf („neo Paradise“, „17 Meter“) sind im Kommen, aber noch nicht so weit. Niels Ruf hat’s vergeigt. Katrin Bauerfeind, Jan Böhmermann und Charlotte Roche bedienen die Nische. Und Benjamin von Stuckrad-Barre ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Man muss schon ziemlich in sich ruhen, um den Irrsinn da draußen mit Spott in die Schranken zu weisen. Oliver Welke („heute show“) macht Hoffnung. Aber sonst?

Mainstream ist nicht böse. Mainstream ist okay. Es ist zulässig, nicht immer der coolste, nerdigste, aufgeklärteste Zyniker sein zu wollen. Aber es gibt eine kleine, intelligente Zielgruppe, die das Fernsehen nicht verlieren darf. Diese Zielgruppe will nicht „grundversorgt“ werden (was für ein Wort!), sondern herausgefordert und irritiert. Sie will nicht berieselt werden, sondern mitdenken dürfen. Sie will keine Blondinen in Milchglas-Studios mehr sehen. Diese Zielgruppe guckt US-Late-Night-Shows im Netz und Serien wie „Mad Men“ und „Breaking Bad“ auf DVD, sie versammelt sich sonntags vor „Roche & Böhmermann“ bei ZDFneo, Und sie hat - nebenbei - Geld. Diese Zielgruppe fühlt sich vom deutschen Fernsehen im Stich gelassen. Die ARD simuliert mit überflüssigen Talkshows Betriebsamkeit und schießt mit dem Schrotgewehr „Schmunzelkrimis“ in die Welt, in der Hoffnung, dass irgendwann mal eine Kugel trifft. Die Dritten halten Gartenfreunde und Volksmusikanten bei Laune, RTL bespaßt die Generation Klingelton, PRO7 und RTL II umwerben reifungsresistente Jungerwachsene. Und Gottschalk und Schmidt unterschrieben einfach alle paar Jahre einen neuen Millionenvertrag und blieben, was sie sind: brillante, aber unterforderte Entertainer.

SAT.1 hat schon Ersatz für Schmidt gefunden. Am 8. Mai läuft auf seinem Sendeplatz eine Reportage von Dieter Kronzucker über Aserbaidschan. Das wird ein Fest.

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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