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Medien & TV Wunder, Wahn und Wirrnis
Nachrichten Medien & TV Wunder, Wahn und Wirrnis
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08:34 11.12.2013
Von Daniel Alexander Schacht
Verwirrt irrt die hochschwangere Maria (Leonie Benesch) durch die Straßen Jerusalems. Sektenführer Peter (Clemens Schick) will sie zum vorbestimmten Geburtsort des Kindes bringen. Quelle: SWR
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Hannover

Dass eine Pfarrerstochter gleich die Muttergottes zu sein wähnt, kommt freilich auch im Jerusalemer Alltag nicht so häufig vor. Genau diese Sonderbarkeit schildert der Film „Das Jerusalem-Syndrom“.  Mit Realität hat das nur am Rande zu tun, was Regisseur Dror Zahavi und sein deutsch-israelisches Team da heute Abend im Auftrag der ARD bieten.

In seinem 90-Minuten-Streifen – einer Dokufiktion mit starkem Akzent auf Fiktion und streckenweise spannend wie ein Thriller – lebt die Pfarrerstochter Maria Gärtner (Leonie Benesch) passenderweise im „Garten Gethsemane“. Das ist hier der Name einer Sekte, die den Weltuntergang herbeibomben will und im Kind der hochschwangeren Maria einen neuen Heiland erwartet.

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Ernster Kern

Ziemlich wilde Wahnidee? Was geradezu albern konstruiert klingt, hat einen ernsten Kern: Das Jerusalem-Syndrom ist eine psychische Störung. Die befällt besonders labile Menschen in Jerusalem, die sich dann für biblische Figuren bis hinzum Messias halten. Rund 100 zumeist christliche Pilger werden in der Fachklinik Kfar Shaul alljährlich behandelt, meist klingen die Symptome nach Verlassen des Heiligen Landes ab.

All das erfährt man aus der Perspektive von Marias Schwester Ruth (Jördis Triebel), die auf Bitten des alten Pfarrersvaters die Schwester aus den Händen der christlichen Fundamentalisten retten soll. Damit ist Action garantiert, denn die Sekte will den künftigen Heiland natürlich nicht verlieren, sondern standesgemäß in Bethlehem zur Welt kommen lassen. Die Architektur dieser Handlung ist aber noch windschiefer als der Stall zu Bethlehem: Der angeblich  an Kontrollzwang leidende Vater merkt erst nach Jahren, dass seine Tochter in Jerusalem auf Abwege geraten ist.

Inhaltliche Wirrnis

Die Schwester soll zum ersten Mal im Heiligen Land sein, mietet sich aber statt in einem Touristenhotel kennerhaft in einer Pilgerklause ein. In der Klinik lernt Ruth den gut aussehenden Psychiater  Uri (Benjamin Sadler) kennen, der, so will es der Zufall, auch noch perfekt Deutsch spricht. Und Maria, die Möchtegern-Muttergottes, arbeitet zwar seit Jahren in Jerusalem, verständigt sich dort aber nur auf Englisch.

Zu Wunderglauben und Religionswahn kommt außer dramaturgischer auch noch inhaltliche Wirrnis: Denn hier werden zwei reale Konfliktthemen fiktional problematisch verquickt. Anschlagspläne christlicher Fundamentalisten hat es in Jerusalem tatsächlich schon gegeben, das Jerusalem-Syndrom gibt es ebenfalls – doch anders als planvolle Attentäter sind die desorientierten Opfer dieser Krankheit harmlos.

Aber solche Einwände mag man im Heiligen Land auch als kleinliche Vernünftlerei zurückweisen und sich stattdessen an schönen Jerusalem-Bildern, an der teils packenden Parallelmontage vom Wettlauf wider den Megaanschlag und am Schluss auch noch an einer wundersamen Spontanheilung erfreuen. Denn was heißt schon wundersam? Im Heiligen Land sind Wunder ja Realität.

„Das Jerusalem-Syndrom“ | Das Erste, Fernsehfilm, heute, 20.15 Uhr

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